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Mittwoch, 28. September 2022
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 Geschrieben von Svenja Friedrich am 01. Oktober 2019
Das Thema

Werden und Vergehen im Wald

Der Anblick toter Bäume wirkt abschreckend - doch darunter entsteht neuer Lebensraum.

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Illustration aus Meyers Universal-Lexikon, 1888
Illustration aus Meyers Universal-Lexikon, 1888

Wie fahle Skelette ragen die toten Baumstämme aus dem Boden heraus. Hier im Oberharz, rund um Torfhaus etwa, sind die Veränderungen, die die extremen klimatischen Bedingungen und der Schädlingsbefall in den letzten Monaten und Jahren mit sich brachten, nicht zu übersehen. Manch ein Wanderer zuckt beim Anblick der gespenstischen Skyline zusammen. Die kahlen Baumriesen sorgen bei einigen gar dafür, dass der Harz als Ziel für zukünftige Urlaubsreisen ausscheidet. Gesperrte Wege und Forstmaschinen, die die Ruhe des Waldes stören, verärgern zusätzlich.

Der Orkan „Friederike“, der im Januar 2018 über Deutschland hinwegfegte und eine Schneise der Verwüstung hinterließ; der darauffolgende lange und ungewöhnlich heiße Sommer; insgesamt viel zu wenig Niederschläge in den letzten Monaten: All das sorgte dafür, dass die Fichten zunehmend geschwächt wurden und eine rasant wachsende Borkenkäferpopulation in den Wald einfallen konnte. Seit dem vergangenen Sommer mussten laut Angaben der Niedersächsischen Landesforsten 200.000 Fichten geschlagen werden, die Zahl für dieses Jahr dürfte noch höher liegen.

Das Baumsterben wird jetzt sichtbar

Auf den sogenannten Sicherheitsstreifen, die zwischen dem Nationalpark Harz und den angrenzenden Wirtschaftswäldern liegen, werden vom Borkenkäfer befallene Bäume erfasst. Das Fällen dieser Bäume entzieht dem Schädling seinen Lebensraum und schützt die Wirtschaftswälder, ganz ohne den Einsatz von Insektiziden. Die Überwachung der 500 m breiten Streifen ist gut organisiert: Insgesamt 31 „Claims“ behalten die dortige Käferentwicklung sorgfältig im Auge. Revierleiter und speziell geschulte Forstwirte kontrollieren mindestens einmal in der Woche, ob es neue Befallsherde gibt und leiten dann die Sanierung der betroffenen Stellen in die Wege.

Wer denkt, dass hauptsächlich äußere Einflüsse für den schwindenden Baumbestand verantwortlich sind, der täuscht sich. Die (nur aus ökonomischer Sicht vernünftige) Anlage einer Monokultur birgt für das Ökosystem Wald gewisse Risiken. Fichten-Monokulturen sind das reinste Schlaraffenland für Borkenkäfer, besonders für den in unserer Gegend aktiven Buchdrucker. Erst recht, wenn diese Wälder durch Einflüsse wie eben Unwetter und Dürre so sehr geschwächt sind, dass sie dem Schädling nichts mehr entgegenzusetzen haben. In einem natürlich entstandenen, vom Menschen mehr oder weniger in Ruhe gelassenen Wald gedeihen alte und junge Bäume einträchtig nebeneinander, so dass ein Verfall einzelner alter Exemplare nicht sofort auffällt. Monokulturen mit vielen zur selben Zeit gepflanzten Bäumen bieten diesen Vorteil nicht. Da hier die Bäume nahezu gleichzeitig altern, fällt auch sofort ins Auge, wenn diese Bäume sterben, weil dadurch große kahle Flächen entstehen.

Neue Lebensräume entstehen

Auch wenn der Anblick des Harzer Waldes an vielen Orten traurig erscheint, sollte man sich doch eines immer wieder klarmachen: Werden und Vergehen sind im Wald nicht nur völlig normal, sondern geradezu überlebenswichtig. Aus dem, was vielen Menschen wie eine komplett zerstörte Landschaft erscheint, wird Unterschlupf, Nahrung, neuer Waldboden. Totholz fungiert als Dünger für neu entstehende Wälder ebenso wie als Lebensraum für Arten, die im zuvor dicht bewachsenen Areal nicht leben konnten. Luchse und andere Wildkatzen nutzen Verstecke im Totholz zur Aufzucht ihrer Jungen. Neue Lichtungen entstehen und bieten Blühpflanzen einen Lebensraum, die wiederum Schmetterlinge und Wildbienen anlocken.

Beispiel Bayerischer Wald: der Borkenkäfer als Geburtshelfer

Einen vernünftigen Umgang mit der Thematik zeigt das Beispiel Bayerischer Wald, bereits seit 1970 Nationalpark und damit der erste seiner Art: Seit in den 1990ern ein heftiger Borkenkäferbefall das bis dato pittoreske Bild zerstörte, lässt man die Natur selbst die Aufräumarbeiten erledigen – gemäß des Nationalpark-Mottos „Natur Natur sein lassen“. Der Borkenkäfer wurde hier „nicht zum Totengräber, sondern zum Geburtshelfer des neuen Waldes“, so Lothar Mies, Ranger im Bayerischen Wald. Aus dem anfangs düster-apokalyptisch wirkenden Restwald von damals ist schneller als erwartet wieder eine fruchtbare Landschaft geworden. Durch geschickte Marketingaktionen lässt sich auch anderswo ein auf den ersten Blick kaputter Wald den Menschen näherbringen, so dass der Tourismus nicht leiden muss.

Das Prinzip des Waldes, der sich selbst wieder in die richtige Spur bringt, verteidigte im Juni auch der Leiter des Nationalparks Harz, Andreas Pusch, bei einer gemeinsamen Wanderung mit den Ministerpräsidenten Stephan Weil (Niedersachsen) und Reiner Haseloff (Sachsen-Anhalt) zum Brocken: „Die abgestorbenen Bäume sehen zwar nicht schön aus, aber die Artenvielfalt nimmt zu." In Bereichen, die der Borkenkäfer schon vor mehr als zehn Jahren heimgesucht hat, seien zwischen den toten Fichten längst junge Laubbäume nachgewachsen. Und es gebe mehr Tierarten als in früheren Jahren.

Von der Monokultur zum Wildnis-Wald

In tieferen Lagen des Harzes schlagen in den ehemaligen Fichtenforsten vor allem verschiedene Laubbäume Wurzeln. Von Natur aus würden hier vor allem Buchen wachsen, deren Rückkehr der Nationalpark mit Pflanzungen unterstützt. Hierfür werden auf ausgelegten Netzen die herabgefallenen Bucheckern gesammelt und daraus anschließend in Baumschulen frische junge Buchen herangezogen. Die werden dann unter die alten Fichten gepflanzt, um dem Harz beim Wechsel hin zum Mischwald etwas unter die Arme zu greifen. Für diese willkommene Mischung aus altem Holz, jungen Bäumen und all ihren nützlichen Mitbewohnern fällt Friedhart Knolle, Sprecher der Nationalparkverwaltung, eine treffende Umschreibung ein: „Eigentlich kann ich nur einen Begriff benutzen, der auch mittlerweile recht beliebt und in aller Munde ist. Das ist der Begriff der Wildnis! Der Wald, den wir entwickeln, ist ein Wildnis-Wald!“  

Nun liegt es nicht in der Natur des Menschen, in mehreren Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten zu denken, und bis der Harz zu alter Form gefunden hat, wird es dauern. Doch stiller Beobachter zu sein, ohne dem Drang zur Optimierung nachzugeben, wird sich hier auszahlen. Die Natur und nachfolgende Generationen werden es uns danken.


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