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Montag, 26. September 2022
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Geschrieben von ski am 28. Februar 2020

Das Thema

Wenn die kalten Tage fehlen

Die Wintersportorte im Harz werden zu Ganzjahresdestinationen – weil sie es müssen

Matthias-Schmidt-Hang in St. Andreasberg: in diesem Winter fehlte der Schnee praktisch komplett
Matthias-Schmidt-Hang in St. Andreasberg: in diesem Winter fehlte der Schnee praktisch komplett
Sabine Wetzel (Bündnis 90 -Die Grünen) und Walter Lampe (Präsident des niedersächsischen Skiverbands) diskutierten in Braunlage
Sabine Wetzel (Bündnis 90 -Die Grünen) und Walter Lampe (Präsident des niedersächsischen Skiverbands) diskutierten in Braunlage
Wo die Temperaturen zu warm sind....
Wo die Temperaturen zu warm sind....
...da helfen auch die Schneekanonen nichts
...da helfen auch die Schneekanonen nichts
In Braunlage soll die Brockenwegschanze zu einer Eventarena mit vielen Attraktionen ausgebaut werden
In Braunlage soll die Brockenwegschanze zu einer Eventarena mit vielen Attraktionen ausgebaut werden

Was tun, wenn es einfach zu warm ist? Darauf müssen die Wintersportorte im Harz eine Antwort finden – und zwar bald. Der Winter 2019/2020 im Harz war praktisch ein Totalausfall. Das trifft natürlich die gesamte Tourismusbranche in den Wintersportorten. Auf mangelnden Schnee hat man sich in Braunlage und St. Andreasberg ja längst eingestellt und kann mit Hilfe von Beschneiungsanlagen Pisten und Rodelhänge präparieren. Allerdings nur, wenn es die Temperaturen zulassen. Mindestens vier Grad Minus sind dazu notwendig: „Natürlich könnte ich heute beschneien, aber was hilft das, wenn es schon am Wochenende wieder zu warm ist? Es muss sich ja auch wirtschaftlich rechnen“, so Karsten Otto, Betreiber des Lifts am Matthias-Schmidt-Hang in St. Andreasberg. Er war einer der Teilnehmer an einer Diskussionsveranstaltung zum Thema „Alpin-Ski im Harz?“, die der Harzklub kürzlich in Braunlage organisiert hatte. Ob das alpine Skifahren und die anderen Wintersportarten im Mittelgebirge noch eine Zukunft haben, und wie diese für die Wintersportorte aussehen wird, das wurde bei der Veranstaltung eifrig und kontrovers diskutiert.

Acht Millionen Skifahrer wollen ihrem Hobby nachgehen

Dass sich das Klima ändert und man mit diesen Veränderungen irgendwie umgehen muss, ist dabei allen Beteiligten klar. Doch was tun, damit auch weiterhin die Gäste kommen? Für Walter Lampe, den Präsidenten des Niedersächsischen Skiverbands, ist dabei wichtig: „Acht Millionen Menschen in Deutschland fahren Alpin-Ski. Die Sportstätte des Alpin-Ski ist nun einmal die Natur, und wir brauchen auch gewisse Einrichtungen, ihn auszuüben“. Nämlich: Pisten, Skilifte – und Beschneiungsanlagen. „Man muss Kontinuität auch über Beschneiung herstellen“, so Lampe. Die klimatischen Veränderungen seien zwar vorhanden, doch dies bedeute nicht, dass es nicht auch wieder kältere Tage gebe: „Ich meine nicht, dass wir erleben werden, dass hier gar kein Wintersport mehr möglich ist“. Was Orte wie Braunlage und Andreasberg benötigen, seien zusätzliche Attraktionen als Alternativprogramm für die Tage, in denen die Skiurlauber witterungsbedingt nicht Ski laufen können. Aber: „Ich warne davor, den Skifahrer durch Alternativen verdrängen zu wollen.“

Das wollen auch die Braunlager nicht – schließlich geht es dort seit einigen Jahren wieder richtig bergauf, sowohl mit dem Ort als auch mit den Übernachtungszahlen: „Der Ausbau des Skigebiets Wurmberg war ein Game-Changer und hat zu zusätzlichen Investitionen in Millionenhöhe geführt“, so Bürgermeister Wolfgang Langer. Hotels und Gastronomen hätten daraufhin wieder in die Zukunft investiert.  „Alpin-Ski ist ein wichtiger Bestandteil, aber wir sind nicht blind gegenüber den Entwicklungen.“ Derzeit entwickle die Stadt ein neues Tourismuskonzept, in welchem das Thema Nachhaltigkeit und die Klimafolgen eine große Rolle spielen werden.

"Bergwelten Schierke" mit Verbindung zum Wurmberg wohl gestoppt

Unklar ist, ob es mit dem touristischen Großprojekt „Bergwelten Schierke“ weitergeht. Bei diesem Vorhaben geht es vor allem um die rund zwei Kilometer lange Gondelbahn, mit der von Schierke aus die Verbindung zum Wurmberg und dessen Skiabfahrten hergestellt werden soll. Dieses seit mehreren Jahren geplante Projekt sollte auch als ganzjähriges Erlebnisgebiet dienen, die geplante Seilbahn könnte schließlich im Sommer auch Wanderer befördern. Doch ohne eine neue Skipiste trägt sich die Investition nicht, und geplante Fördermillionen vom Land Sachsen-Anhalt werden auch nicht fließen. Damit steht das gigantische Vorhaben wohl vor dem Aus. Vollkommen zu Recht, findet Sabine Wetzel von Bündnis 90/die Grünen, die das Vorhaben im Rat von Wernigerode bekämpft hat. Sie kritisiert den enormen Flächenverbrauch des Projekts und befürchtet, dass der Ort Schierke selbst davon gar nicht profitieren würde, sondern den Skitouristen höchstens noch als Schlafstätte dient. Zudem steige der Ressourcenverbrauch an Energie und Wasser in Zukunft noch weiter: „Es ist doch sichtbar, dass der Aufwand, Skihänge zu beschneien, immer höher wird“ - mit allen ökologischen Folgen. Darum sei es auch richtig, zu fragen, ob die Millionen von öffentlichen Steuergeldern nicht besser in Projekte fließen sollten, die nachhaltigen Ganzjahrestourismus fördern. Wenn tatsächlich Schnee liege, habe ja niemand etwas gegen das Skifahren, aber: „Wir möchten davor warnen, weiter Flächen zu verbrauchen, um Wintersport an Orten zu ermöglichen, wo er nur künstlich am Leben gehalten wird“.

Das Zeitfenster für den Wintersport im Harz: vielleicht zehn bis fünfzehn Jahre

In einer wissenschaftlichen Untersuchung zur künstlichen Beschneiung kam Experte Christian Reinboth, selbst Wernigeröder, zum Ergebnis, dass ein wirtschaftlich erfolgreicher Betrieb der Anlage über das Jahr 2030 hinaus unwahrscheinlich sei, da die sowohl die Schneetage als auch die Tage, an denen künstlich beschneit werden kann, immer weiter abnehmen. Das Zeitfenster für den Wintersport im Harz seien noch die nächsten 10 bis 15 Jahre, das sahen auch einige Zuschauer der Diskussionsveranstaltung so: „Und was kommt danach? Wir brauchen Attraktionen.“ Doch im Moment wünschen sich die Gäste in Braunlage vor allem eines: Skifahren.

Schanzen- und Eventarena: Braunlage plant Großprojekt mit Ganzjahresappeal

An einem anderen touristischen Großprojekt arbeitet der Wintersportverein Braunlage e.V.: die Schanzen- und Eventarena am Brockenweg. Für mehrere Millionen Euro soll dort die bestehende, sanierungsbedürftige Anlage in eine Arena mit mehreren Schanzen ausgebaut werden, auf der Sprünge bis 120 Meter möglich sind. Für den Wintersport würde dies bedeuten, dass Braunlage wieder internationale Wettkämpfe austragen, aber auch der Nachwuchs wieder adäquat trainieren könnte. Nachdem 2014 die einsturzgefährdete Wurmbergschanze abgerissen werden musste, bedeutete dies für den WSV Braunlage einen herben Schlag. Doch das jetzige Vorhaben soll weit mehr als ein sportliches Highlight sein: auch eine Bühne für Großveranstaltungen und Konzerte ist geplant, im Sommer locken ein Zip-Liner (Drahtseilbahn) und eine Reifenrutsche, und im 45 Meter hohen Turm kann man ein Café besuchen. Die Mattenschanzen sind zudem ganzjährig nutzbar. Im Winter können sie, entsprechende Temperaturen vorausgesetzt, beschneit werden. Dabei ist die Menge an Kunstschnee, die man für eine Skisprungschanze benötigt, nur ein Bruchteil dessen, was für die Beschneiung einer ganzen Piste benötigt wird. Die Stadt Braunlage steht hinter dem Projekt, das die Bergstadt noch attraktiver für die Touristen machen soll. Und das möglichst zu jeder Jahreszeit: schon jetzt, so rechnete Bürgermeister Langer vor, fänden von rund 1,4 Millionen Übernachtungen nur rund 350.000 während der Wintersaison statt.

Auch Karsten Otto, der Liftbetreiber aus St. Andreasberg, hat sich längst auf die neuen Zeiten eingestellt: „Wir haben in den letzten Jahren gemerkt, es ändert sich etwas. Darum haben wir angefangen, die Investitionen in den Wintersport zurückzufahren, denn sie werden sich nicht rechnen. Wir setzen auf den Sommer und den Ganzjahresbetrieb – wir brauchen viele Standbeine“.


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