Diese Webseite verwendet Cookies. Mit der weiteren Nutzung von LauterNEUES erklären Sie sich damit einverstanden.

Mittwoch, 12. August 2020
Login


 Geschrieben von ski am 05. Juli 2020
Das Thema

Die gelben Spitzensänger aus dem Harz

In Sankt Andreasberg war das Züchten von Kanarienvögeln einst ein wichtiger Wirtschaftszweig: Die "Harzer Roller" waren weltweit für ihren Gesang berühmt

Das Besondere am Harzer Roller: die Vögel singen mit geschlossenem Schnabel
Das Besondere am Harzer Roller: die Vögel singen mit geschlossenem Schnabel
Vogelbauerwerkstatt: Die Kanarienzucht und die Käfigherstellung hatten für die Bergmannsfamilien eine große wirtschaftliche Bedeutung
Vogelbauerwerkstatt: Die Kanarienzucht und die Käfigherstellung hatten für die Bergmannsfamilien eine große wirtschaftliche Bedeutung
Die wenigsten Vögel hatten so einen Prachtkäfig. Zum Singenlernen mussten sie in sehr kleinen Vogelbauern ihr Dasein fristen
Die wenigsten Vögel hatten so einen Prachtkäfig. Zum Singenlernen mussten sie in sehr kleinen Vogelbauern ihr Dasein fristen
Das Anfertigen der sehr kleinen Transportkäfige übernahmen oft die Bergmannsfrauen
Das Anfertigen der sehr kleinen Transportkäfige übernahmen oft die Bergmannsfrauen
Das Harzer-Roller-Museum....
Das Harzer-Roller-Museum....
...befindet sich im Gaipel der Grube Samson
...befindet sich im Gaipel der Grube Samson

Bergleute züchteten Kanarienvögel, um unter Tage rechtzeitig vor Sauerstoffmangel gewarnt zu sein:  wenn der Vogel von der Stange fiel, herrschten "schlechte Wetter", es war also höchste Zeit, den Stollen zu verlassen. So haben wir das alle mal gelernt - ob das aber auch für die "Harzer Roller" galt, ist fraglich, erläutert Hans-Günter Schärf vom Harzer-Roller-Museum in Sankt Andreasberg: "Es gibt keine einzige Abbildung, die einen hiesigen Bergmann mit einem Vogel unter Tage zeigt." Oberirdisch gibt es dagegen etliche Abbildungen. Vermutlich wurden die Vögel im Harz nur selten unter Tage eingesetzt. Dazu waren sie nicht nur zu wertvoll - ein Hahn konnte einen Wochenlohn eines Bergmanns kosten - , es wäre auch nicht sehr sinnvoll gewesen: "Wir haben hier in Sankt Andreasberg keine giftigen Gase, die sich unter Tage bilden, und es herrscht keine Explosionsgefahr. Die Bergleute hatten ja alle eine Lampe mit offener Flamme dabei. Wenn man wissen will, ob der Kohlendioxidgehalt zu hoch wird, muss man einfach nur die Flamme Richtung Boden bringen und sehen, ob sie kleiner wird", erklärt Schärf.

Aus Tirol in den Harz

Dass in der Bergstadt die Zucht von Gesangskanarien nicht nur beliebt, sondern ein wirtschaftlich wichtiger Industriezweig wurde, hängt aber zumindest indirekt mit dem Bergbau zusammen.  Bergleute aus Imst in Tirol waren im 18. Jahrhundert in den Harz ausgewandert. Imst war durch einen Brand fast vollständig zerstört worden, und in Sankt Andreasberg gab es damals noch viele Silbererzbergwerke mit der Aussicht auf Arbeitsstellen. Sie hatten Kanarienvögel als Haustiere aus ihrer Heimat mitgebracht, wo sie begonnen hatten, diese zu züchten.

Im Oberharz, und speziell in Sankt Andreasberg, entwickelte sich auch bald eine rege Zuchttätigkeit. Aus dem Kanarengirlitz entstand so im Laufe der Zeit durch strenge Zuchtauswahl der berühmte Harzer Roller. Seinen Namen und seine Bekanntheit erhielt er durch seinen typischen Gesang, der viele Triller und Roller enthält. Eine Besonderheit dabei: er singt mit geschlossenem Schnabel. Sein Gesang ist dabei eher leise - ein idealer Stubenvogel. Das Halten von Singvögeln in Käfigen war im 18. und 19. Jahrhundert sehr beliebt, und ein schöner Gesang dabei ein besonderer Anreiz.

Lernen vom Vorsänger

Das typische Singen beziehungsweise Rollen ist den Vögeln aber nicht angeboren - sie müssen es erlernen. Das durch die Zuchtauslese angelegte Talent sorgt dafür, dass die Vögel alle möglichen Gesänge leicht erlernen können - auch beispielsweise die anderer Vogelarten. Es galt also, den Tieren das "richtige" Singen beizubringen. Dazu wurden die jungen Hähne - weibliche Tiere singen nur wenig - nach Abschluss der Mauser "eingebauert", also aus der Voliere herausgenommen und in besonders kleine Käfige gesteckt. In den gleichen Raum brachte man den "Vorsänger", einen Hahn mit besonders vollendetem Gesang, der quasi als Lehrer für die Junghähne dienen sollte. Damit die Vögel dabei möglichst wenig Ablenkung haben, wurden die Käfige mit einem Tuch abgedeckt. Nichts sollte sie beim Singenlernen stören.
Zur Blütezeit der Andreasberger Kanarienzucht gab es nicht nur zahlreiche Wettbewerbe, sondern auch intensive Debatten unter den Züchtern darüber, welche Gesangslage nun anzustreben sei. "Ein langgezogener, ruhiger Vortrag, bestehend aus reinen, abwechselnden, schmelzigen, klangvollen Touren mit glatten, wohlklingenden Übergängen, mit wenig Pfeifen und zarten Klingeln" - so wird es in einem Fachbuch von 1895 beschrieben.

350 Züchter allein in St. Andreasberg

Rund 300.000 Vögel wurden jedes Jahr im Harz gezüchtet, so berichtete es die Zeitschrift "Gartenlaube" im Jahr 1875:  "Besonders die auf dem Hochplateau des Unterharzes gelegenen Ortschaften Hasselfelde, Benneckenstein, Fanne, Hohegeiß. Elbingerode, sowie die durch ihren Bergbau bekannten Städte des Oberharzes Clausthal, Wildemann und Andreasberg betreiben die Züchtung in’s Großartige; auch in Nordhausen und Umgegend, in Lauterberg und Herzberg, in Wernigerode und Ilsenburg giebt es bedeutende Züchtereien." Etwa 350 Züchter gab es allein in Sankt Andreasberg. Die Bergarbeiterfamilien fertigten dabei auch die Käfige, vor allem die Transportbauer, selbst an und verdienten sich dadurch ein Zubrot.  "Und wenn sich dabei auch nicht Reichthümer sammeln lassen, so ist doch vielen Familien, die sich kümmerlich durch Bergbau, Holzarbeiten, Nagelschmiederei und dergleichen ernähren müssen, die Gelegenheit geboten, sich zu ihrem Lebensunterhalt durch die Vögelzucht eine regelmäßige mehr oder weniger große Beihülfe zu verschaffen."  Von der Bergstadt aus wurden die Singvögel in alle Welt verschickt; in Transportbauern schafften die Kiepenfrauen sie zu Dutzenden über den Harz. Bber einen Großhändler in Hannover kamen sie bis nach Südamerika und Australien. 

Dass ausgerechnet die Bergleute sich so intensiv der Kanarienzucht widmeten, hat vielleicht auch psychologische Gründe, mutmaßt Schärf: "Sie arbeiteten unter Tage und sahen selten das Tageslicht - da war es vielleicht einfach gut für das Gemüt, einen singenden Vogel zu hören". Wo man sich andernorts bei der Züchtung auf die Farbe und Positur der Vögel konzentrierte, verfeinerten die Harzer immer weiter die Gesangskünste ihrer gelbgefiederten Haustiere.

Doch spätestens mit dem ersten Weltkrieg begann die Beliebtheit der Singvogelhaltung abzunehmen. Dem einst so beliebten Hobby frönen nur noch wenige: heute gibt es in Sankt Andreasberg nur noch zwei Züchter. 

Im Harzer-Roller-Museum in Sankt Andreasberg wird nicht nur an die große Zeit der Kanarienzüchtung erinnert, dort sind auch echte Harzer Roller zu finden, und die Besucher können sich selbst davon überzeugen, wie sich der Gesang anhört. Das Museum befindet sich im Gaipel (Betriebsgebäude) der Grube Samson, lässt sich also ideal mit einem Besuch der Grube und des Bergwerksmuseums verbinden. 


Harzer Roller-Museum, Am Samson 2, 37444 Sankt Andreasberg,  Tel.:05582 / 1249
geöffnet dienstags - samstags 10:00 - 15:00, letzter Einlaß 14:30


.................................................................................................................................................

Stellenmarkt

Bild der Woche