.

Diese Webseite verwendet Cookies. Mit der weiteren Nutzung von LauterNEUES erklären Sie sich damit einverstanden.

Montag, 16. Mai 2022
Login


 Geschrieben von Svenja Friedrich am 03. September 2020
Das Thema

Mehr als nur Hexen

Nixen, Hausgeister, Wunderblumen: Mythen im Harz

Burg Falkenstein. Foto: Hans Linde / pixabay
Burg Falkenstein. Foto: Hans Linde / pixabay

Dass der Harz ein Ort der Mythen und Sagen ist, liegt nahe: Bewaldete Bergwelten, zwischen deren Gipfeln sich Nebelschwaden dahinkringeln, laden naturgemäß zum Fabulieren ein. Archaische Erzählungen berichten von seltsamen Höhlenbewohnern, Prinzessinnen und Rittern, gespickt mit allerhand übernatürlichen Vorfällen, einem Schuss Crime und gelegentlichen Gastauftritten des Teufels. Souvenirläden und der Großteil der Veranstaltungen im Harzer Raum lassen den Eindruck entstehen, dass meist Hexen die Hauptdarstellerinnen der Geschichten sind. Doch weit gefehlt!

Kopflos im Karst

Ganz ohne Hexen kommt beispielsweise die Sage über das sogenannte „Weingartenloch“ aus, eine Höhle in der Nähe der Branntweinseiche bei Osterhagen. Aus einer dortigen Quelle soll immer wieder rotes Wasser an die Oberfläche gelangen. Vor vielen Jahrhunderten soll sich in dieser Gegend eine Nixe namens Ruma in einen Menschen verliebt haben (um genau zu sein: in den Sohn eines Riesen, der in einer Burg am Römerstein wohnte). Jüngling und Nixe trafen sich heimlich auf einem Gehöft bei Nüxei zu romantischen Tête-à-Têtes. Bedauerlicherweise erfuhr der Vater des Riesen davon, der ein sehr aufbrausender Zeitgenosse war, und bereitete der Liebelei ein harsches Ende: Er verbannte Ruma in die Höhle. Bis heute versucht sie immer wieder aufs Neue, sich aus ihrem Gefängnis zu befreien, scheitert dabei jedoch an den scharfkantigen Felswänden. Die Verletzungen, die sie sich dabei zuzieht, sorgen dafür, dass das Wasser sich blutrot färbt.

Besagte Höhle erlangte ihre Bekanntheit nicht nur durch diese unglückliche Liaison, sondern auch durch die angeblich in Hülle und Fülle vorhandenen Schätze, die in ihr zu finden sein sollen (will man der Legende glauben, so muss man dem in der Höhle residierenden Teufel lediglich seine Seele verschreiben, und schon darf man sich nach Herzenslust bedienen). An diese Reichtümer heranzukommen, hat allerdings schon zahlreiche Abenteurer an ihre Grenzen und darüber hinaus gebracht. So versuchte etwa ein gewisser Friedrich Ahlborn im Jahr 1819 den schwierigen Abstieg in das unterirdische Labyrinth, blieb aber an einer Engstelle so hoffnungslos stecken, dass er weder vor noch zurück konnte. Seine Hilferufe lockten zwar Menschen herbei, die ihn mit Seilen dort hinausziehen wollten, dieses Unterfangen gelang aber so überhaupt nicht: Sie rissen ihm den Kopf ab.

Eine Höhle mit Goldschatz

Um verborgene Welten, die unermessliche Reichtümer bereithalten, geht es auch in der Sage der Tidianshöhle, die sich in der Nähe von Burg Falkenstein befindet. Es heißt, dass sich in ihrem Inneren neben anderen Schätzen ein Mann aus purem Gold befindet. Wem es gelingt, ein Stückchen von ihm abzubrechen, der kann sich über das reinste Edelmetall weit und breit freuen. Auch ein dort ansässiger Schäfer fand eines Tages, mit Hilfe einer Wunderblume, diese Höhle und besagtes Gold. Er brachte es zu einem Goldschmied nach Quedlinburg, um es zu verkaufen, und erwähnte dabei auch, wo er es gefunden hatte. Wie der Zufall es wollte, kam kurz darauf ein Graf vom Falkenstein mit seinem Hausäffchen zu eben jenem Goldschmied, um Schmuck aus dem feinsten Gold zu kaufen. Der Goldschmied erzählte ihm, dass das edelste Material aus der Tidianshöhle stammt, woraufhin der Graf nicht schlecht staunte, lag diese Höhle doch in seinem eigenen Wald. Da die reichsten Menschen nicht selten gern noch reicher werden wollen, befahl er dem Schäfer, ihm den Weg zum Gold zu zeigen und beschuldigte ihn obendrein des Diebstahls. Dem Schäfer fiel vor lauter Furcht sein Hut mit der daran festgesteckten Wunderblume aus den Händen, und sogleich zerpflückte das Äffchen des Grafen die Blume in tausend Teile. Nun konnte er dem hohen Herren die Höhle zwar zeigen, doch der Eingang und damit der Weg zum Gold war wegen des Verlustes der Wunderblume versperrt – anstelle des Durchgangs befand sich dort nun eine unüberwindliche Wand aus Felsgestein. Der Sage nach hält die Tidianshöhle ihre zahlreichen Schätze so lange verborgen, bis auf Burg Falkenstein drei Herren geboren werden und leben, von denen einer blind, einer lahm und einer stumm ist.

Burgtor der Burgruine Scharzfels
Burgtor der Burgruine Scharzfels
Hilfreicher Hinzelmann

Eine Gespenstergeschichte mit bitterem Beigeschmack rankt sich um die Burgruine Scharzfels. Im 11. Jahrhundert, als die Burg vom Zustand einer Ruine natürlich noch weit entfernt war, wohnten dort die Grafen von Scharzfeld. Einer jener Grafen hatte einer bildhübsche Gemahlin, auf die auch der Kaiser ein Auge geworfen hatte. Neben dem gräflichen Ehepaar wohnte auf der Burg auch ein Hinzelmann, also ein Hausgeist. Der hatte bereits beim Bau der Burg geholfen und erschien bisweilen, gekleidet in Bergmannstracht, um auf bevorstehende Ereignisse hinzuweisen: War er vergnügt, so würde bald etwas Erfreuliches geschehen; war er aber betrübt, dann stand etwas Trauriges bevor. Als nun das Grafenpaar einmal von einem Hoffest des Kaisers in Goslar auf die Burg zurückkehrte, fanden sie den Hausgeist mit Tränen in den Augen am Eingang vor. Kurz darauf erschien ein Mönch als Bote des Kaisers mit dem Befehl, dass der Graf sich zum Kloster aufmachen solle, weil der Kaiser ihn dort erwarte. Kaum war der Graf abgereist, zeigte sich aber, dass dies eine niederträchtige List gewesen war: Der Kaiser kam und verging sich mit Hilfe seines Boten an der hilflosen, allein zurückgelassenen Gräfin. Der Hausgeist war Zeuge dieses Verbrechens und rächte sich anschließend an den beiden, indem er die Dächer der Türme in die Luft erhob und in alle Himmelsrichtungen hinausschrie, was sie der Gräfin angetan hatten. Den Mönch suchte er so lange heim, bis dieser sich erhängte, und der Kaiser bereute seine Tat sein Leben lang.
Foto: Brockenhexe / pixabay
Foto: Brockenhexe / pixabay

Ein unschuldiger Steiger

Etwas höchst Seltsames soll sich in alter Zeit auch in Sankt Andreasberg zugetragen haben. Die dortigen Gruben hatten dank enormer Erzvorkommen reichlich Ertrag abgeworfen, weswegen sich ein Steiger einige Gesteinsstücke als Rücklage für schlechte Zeiten gesichert hatte. Seine Mitgesellen glaubten, dass er die Stücke nur für sich selbst abgezweigt hatte und beschuldigten ihn deshalb wegen Veruntreuung, was ihm eine Verurteilung zum Tode einbrachte. Als er aber vor dem Scharfrichter kniete, der ihn enthaupten sollte, rief er: „Gott wird ein Zeichen geben, an dem meine Unschuld erkannt werden wird! Fluch über die Gruben, bis ein Graf mit Glasaugen und Rehfüßen geboren wird und auch am Leben bleibt!“ Nach diesen Worten sauste das Schwert auf ihn nieder, doch statt Blut schossen zwei Milchströme aus seinem kopflosen Rumpf, was als das göttliche Zeichen gedeutet wurde. Zugleich ertönte in der Ferne ein Donnerschlag, denn die Gruben waren eingefallen und nicht mehr befahrbar. Kurz darauf wurde tatsächlich ein Graf mit Glasaugen und Rehfüßen geboren, doch er überlebte nicht. So blieben die Gruben für immer verschüttet.

Dieser Beitrag wurde auch in der HarzWind-Ausgabe September 2020 veröffentlicht.


.................................................................................................................................................

Bild der Woche