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Montag, 16. Mai 2022
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 Geschrieben von Svenja Friedrich am 08. Mai 2021
Das Thema

Muttertag und Vatertag

Die erstaunliche Geschichte zweier Ehrentage

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Der Mai bietet zwei Möglichkeiten, seine Eltern (und auch alle anderen Eltern der Welt) mit einem besonderen Tag zu ehren. Auch dieses Jahr werden sicher wieder haufenweise Kuchen gebacken, Stiftehalter und andere Geschenke gebastelt und Bollerwagen mit Hochprozentigem beladen. Aber welchen Hintergrund haben Mutter- und Vatertag eigentlich?

Nazis oder Floristen?

Die „Erfinder“ des Muttertags sind nicht, wie manche glauben, die Nazis gewesen. Sie machten ihn zwar zum gesetzlichen Feiertag und ehrten die zur Zeit des Nationalsozialismus wichtigsten femininen Eigenschaften – Gebärfreudigkeit, Unterordnung, Reichstreue etc. – mit dem Mutterkreuz, doch die Ursprünge sind anderswo zu suchen.

Eine erste Idee eines Muttertags gab es bereits im antiken Griechenland, als mit dem Frühlingsfest auch Rhea, die Mutter des Gottes Zeus, gefeiert wurde und damit verbunden alles Leben auf der Welt. Mit dem Untergang des griechischen Reiches ging dieser Brauch jedoch verloren.

Im mittelalterlichen England dann führte Heinrich III. den „mothering day“ ein. Der galt in erster Linie als ein Tag zu Ehren der „Mutter Kirche“, an dem Familien gemeinsam zum Gottesdienst gehen sollten, doch schon bald begannen die Menschen, auch ihren leiblichen Müttern etwas zu schenken. Ein süßer Kuchen mit Früchten und Marzipan, der „mothering cake“, war ein beliebtes Mitbringsel. Später verfolgte auch Napoleon Pläne zur Einführung eines Ehrentages für Mütter – sein Sturz machte ihm jedoch einen Strich durch die Rechnung.

Pazifistische Gedenkveranstaltung vs. Kommerz

Im 19. Jahrhundert schließlich begann der Weg des Muttertags, wie wir ihn heute kennen: Julia Ward Howe, eine amerikanische Frauenrechtlerin der ersten Stunde, forderte im Jahr 1870, dass den Müttern ein spezieller Tag gewidmet wird, um sie für ihre Mühen und Verdienste zu ehren. Dieser Tag sollte gleichzeitig als Mahnmal für den Frieden dienen. Doch dieser Vorschlag verhallte nahezu ungehört.

Als eigentliche Begründerin des Muttertags gilt Anna Jarvis, eine Methodistin aus West Virginia. Sie veranstaltete 1907 einen Gedenkgottesdienst für ihre verstorbene Mutter. Die hatte während des amerikanischen Bürgerkriegs Spenden für wohltätige Zwecke gesammelt und gemeinsam mit anderen Müttern sogenannte „Mother’s Friendship Days“ (Mütter-Freundschaftstage) veranstaltet, um die Verwundeten der verfeindeten Armeen so gut wie möglich zu versorgen. Anna Jarvis setzte sich mit allen ihr möglichen Mitteln dafür ein, dass Mütter und ihre Leistungen (damals oft verunglimpft und als unwichtig erachtet) noch zu Lebzeiten gewürdigt werden; sie schrieb Briefe an Politiker, Geistliche und andere einflussreiche Würdenträger und warb für ihr Anliegen.

Im darauffolgenden Jahr, 1908, wurde der Gottesdienst bereits allen Müttern der Welt gewidmet. Nach der Predigt verteilte Jarvis 500 Nelken; rote als Ehrung für die lebenden Mütter, weiße für die bereits verstorbenen. 1914 wurde der Muttertag in den USA dann offiziell als nationaler Feiertag anerkannt und begann in den Jahren danach seinen (hauptsächlich für Geschäftsleute lukrativen) Siegeszug um den Globus. England, die Schweiz, Norwegen und Schweden führten den Muttertag ein, im Jahr 1922 dann auch Deutschland – passenderweise forciert vom „Verband Deutscher Blumengeschäftsinhaber“. In der Theorie, dass gewiefte Floristen den Muttertag erfunden haben, ist also zumindest ein Fünkchen Wahrheit enthalten.

Anna Jarvis selbst verfolgte die wachsende Kommerzialisierung des Muttertags mit Argwohn und versuchte bereits in den 1920ern, gerichtlich gegen die Umkehrung ihrer eigentlichen Idee vorzugehen. Kurz vor ihrem Tod 1948 erzählte sie einem Reporter, dass sie es sogar bereue, den Tag ins Leben gerufen zu haben. Bittere Ironie: Jarvis starb in einem Sanatorium, blind und verarmt (weil sie sich nie an der Geldmacherei des Muttertags beteiligen wollte und stattdessen all ihr Erspartes aufbrachte, um gegen seine Kommerzialisierung anzugehen). Floristenverbände und Grußkartenhersteller zahlten ihren Aufenthalt dort und sorgten so dafür, dass ihre erbittertste Gegnerin gewissermaßen weggesperrt war – und blieb.

Und die Väter?

Viele Länder feiern den Vatertag am dritten Sonntag im Juni – unter anderem die USA, Frankreich und Großbritannien. Das Datum wurde zuerst von den Vereinigten Staaten bestimmt, und zwar im Jahr 1910, also kurz nach der Einführung der Muttertagsfeierlichkeiten. Die Intention der Vatertags-„Erfinderin“ war ähnlich wie die von Anna Jarvis : Nachdem Sonora Smart Dodd aus Arkansas eine Predigt gehört hatte, in der es um den Muttertag ging, wollte sie ihren Vater und seine Verdienste würdigen. William Jackson Smart war ein Veteran des US-Bürgerkriegs, dessen Frau bei der Geburt ihres sechsten Kindes gestorben war. Daraufhin zog der Witwer die Kinder allein groß und kümmerte sich hingebungsvoll um seine Familie.

Nachdem der Vatertag sich etabliert hatte, sprangen natürlich wieder Geschäftsleute auf den erfolgversprechenden Zug auf. Während es beim Muttertag eher um Blumen, Pralinen und Grußkarten ging, kamen zum Vatertag die Hersteller von Krawatten, Pfeifen und Tabak voll auf ihre Kosten. Besonders in den USA ist der Vatertag in den Jahrzehnten seit seiner Einführung ein extrem lukratives Geschäft geworden.          

Aber warum Himmelfahrt?

In Deutschland hingegen teilen sich zwei grundverschiedene Anlässe dasselbe Datum: 40 Tage nach Ostern ist sowohl Christi Himmelfahrt als auch Vatertag (je nach Region auch Männer- oder Herrentag genannt). Auf den ersten Blick ist nicht ganz klar, was beide gemeinsam haben, doch bei näherer Betrachtung wird klar: Der Aufstieg Jesu in den Himmel war quasi der Ur-Vatertag, kam er doch zu seinem „echten“ Vater. Die Wanderungen am Vatertag sollen auf die Apostel-Prozession anspielen, bei der die Jünger Jesu zum Ölberg zurückgingen. Fakt ist, dass die Horden von Jungs und Männern (überraschend viele von ihnen kinderlos), die an diesem Tag mit Unmengen an Alkohol durch die Lande ziehen, diese Tradition sehr ernst nehmen und das Ganze bei vielen von ihnen beinahe religiöse Ausmaße annimmt – also passen Himmelfahrt und Vatertag wohl doch ganz gut zusammen…


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