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Montag, 08. August 2022
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 Geschrieben von Svenja Friedrich am 28. August 2021
Das Thema

Ein wahrer Knochen-Job

Ein Fund in der Einhornhöhle bei Scharzfeld beweist: Neandertaler waren kreativer und findiger als gedacht

Die Einhornhöhle: Sonnenstrahl und Nebel in der Blauen Grotte. Foto: unicorncave Lizenz: CC BY-SA 4.0
Die Einhornhöhle: Sonnenstrahl und Nebel in der Blauen Grotte. Foto: unicorncave Lizenz: CC BY-SA 4.0
"Der ca. 51.000 Jahre alte, verzierte Riesenhirschknochen von der Einhornhöhle (V. Minkus, © NLD)
 "Der ca. 51.000 Jahre alte, verzierte Riesenhirschknochen von der Einhornhöhle (V. Minkus, © NLD)
Die Ausgrabungen im verstürzten Eingangsbereich der Höhle im Jahr 2019 (J. Lehmann, © NLD)
Die Ausgrabungen im verstürzten Eingangsbereich der Höhle im Jahr 2019 (J. Lehmann, © NLD)

Die Einhornhöhle ist seit alters her ein Garant für interessante archäologische Funde und mystische Erzählungen. Ein vor Kurzem dort entdeckter Hirschknochen lässt nun neue Mutmaßungen über Leben, Kultur und Werkzeuggebrauch der Neandertaler zu.

Hirsche statt Einhörner

In Zusammenarbeit mit unter anderem der Universität Göttingen finden immer wieder Grabungskampagnen in der Höhle statt und auch früher wurden dort wissenschaftliche Untersuchungen durchgeführt. Dadurch wurde auch mit dem namensgebenden Mythos aufgeräumt, dass in der Höhle und ihrer näheren Umgebung Einhörner gelebt hätten.

Vor hunderten von Jahren waren die Menschen, die damals dort Knochen und Zähne gefunden hatten, überzeugt, dass es sich um Überreste von Einhörnern handeln musste. Da diese als Heilmittel gehandelt wurden, ist davon auszugehen, dass viele der damaligen Funde zu Geld gemacht wurden. Statt Einhörner waren es aber Höhlenbären und -löwen, Vielfraße, Wölfe, Schneehasen und zahlreiche andere Tierarten, die im Bereich der Höhle lebten. Unter anderem auch der jetzt in den Vordergrund gerückte ausgestorbene Riesenhirsch, der „Megaloceros giganteus“. Dabei handelte es sich um eine beeindruckende Kreatur, die, was ihre Größe betrifft, eher mit Elchen als mit den bei uns heimischen Hirschen vergleichbar ist. Ihre Schulterhöhe betrug etwa 2 Meter, die Spannweite ihrer Geweihe maß gewaltige 3,60 Meter.     

Das Neandertaler-Klischee wird revidiert

Im Eingangsbereich der Höhle wurde nun von den Archäologen – inmitten anderer Überreste von Jagden etc. – etwas gefunden, das nicht nur unter den Beteiligten als Sensation gehandelt wird: ein Fußknochen eines solchen Riesenhirsches. Nach dem Säubern des Fragmentes trat nämlich etwas Besonderes zutage; ein aus abgewinkelten Kerben erzeugtes Muster war in den Knochen geritzt worden. Laut Grabungsleiter Dr. Dirk Leder vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege (NLD) kann es sich hierbei nicht um zufällig entstandene Linien oder Spuren einer Schlacht handeln, da das Muster dafür zu geometrisch anmutet. Nein, hier hat ein findiger Urmensch Zeit in die Anfertigung investiert – und das ändert das arg klischeehafte Bild, das noch immer von den Neandertalern kursiert.

Um die Sache mit dem Muster bzw. dessen Herstellung aufklären zu können, wurden Experimentalarchäologen zu Rate gezogen. Die experimentelle Archäologie geht den Fragen, die sich aus Funden ergeben (Wie wurde etwas gebaut? Welche Werkzeuge wurden wie benutzt? Sind unsere Annahmen realistisch?), mithilfe von Versuchsanordnungen auf den Grund, die unter möglichst authentischen Bedingungen stattfinden. So werden Dinge mit den Techniken und Materialien der Vergangenheit nachgebaut, etwa Waffen, Schiffe oder – ein recht zeitaufwendiges Unterfangen – auch mal ganze Burgen.

Im Falle des Fundes in der Einhornhöhle wurde mit „modernen“ Rinderknochen experimentiert, bis klar war: Die über Jahrzehntausende immer wieder in der Höhle lebenden Generationen von Neandertalern haben dort nicht nur Steinwerkzeuge und Waffen hergestellt, sondern auch…nun ja, was genau, das muss die Wissenschaft noch klären. Objekte, die mittels Symbolsprache der Kommunikation dienten? Kunstwerke, die beweisen würden, dass auch in der Neandertaler-Kultur ein gewisses Empfinden für Ästhetik bestand? Klar ist, dass das Artefakt mindestens 51.000 Jahre alt und das erste entdeckte Schmuckobjekt dieser Epoche ist – es ist sogar älter als die älteste bekannte Höhlenmalerei, die in Indonesien gefunden wurde und ca. 45.500 Jahre auf dem Buckel hat. Die Experimente lassen außerdem vermuten, dass der Urmensch den Knochen zunächst gekocht haben muss, um die Oberfläche zu erweichen und bearbeitbar zu machen. Das Schnitzen des Musters mit Steinwerkzeugen dürfte etwa eineinhalb Stunden gedauert haben.

Neandertaler vs. Homo sapiens

Der Neandertaler dürfte demzufolge bereits mehrere Jahrtausende vor Ankunft des modernen Menschen (Homo sapiens) und ihrer gemeinsamen Existenz in Europa ein Verständnis für Handwerkstechniken und vermutlich auch die Kommunikation mittels Symbolen entwickelt haben. Waren die Neandertaler also mehr als nur vergleichsweise dumpfe Gesellen, die außer Waffenherstellung und Jagd nicht allzu viel auf dem Kasten hatten? Definitiv! Die kreative Schaffenskraft und die Entwicklung einer Symbolsprache deuten auf ausgeprägtere kognitive Fähigkeiten hin, als den Neandertalern bislang zugetraut worden waren.

Dies wirft allerdings umso mehr die Frage auf, warum sie letztlich ausgestorben sind – eine Frage, die noch nicht beantwortet worden konnte. Theorien dazu gibt es mehrere: Eventuell war die Population der Neandertaler, im Gegensatz zu der des Homo sapiens, schlicht zu klein, um langfristig überleben zu können. Vielleicht brachte der moderne Mensch bei seiner Einwanderung in den gemeinsamen Lebensraum Krankheitserreger mit, denen das Immunsystem der Neandertaler nicht gewachsen war. Möglich ist auch, dass der Homo sapiens im Kampf um die begrenzten Ressourcen die besseren Techniken und Werkzeuge parat hatte. Auch ohne die Beantwortung des Rätsels, warum sie ausgestorben sind, lässt sich eins jedoch mit Sicherheit sagen: Die Einhornhöhle liefert mit ihrem Schatz an Fossilien immer wieder Stoff für neue Denkansätze zur Geschichte der Menschheit.


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