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Montag, 28. November 2022
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 Geschrieben von Svenja Friedrich am 20. März 2022
Das Thema

Von Einhörnern, Fußball und Spaghettimonstern

Von Religionen, die nicht ganz ernst gemeint sind

Ist dies das rosafarbene Einhorn? Nein, denn es ist ja nicht unsichtbar.. (Grafik: Susan Cipriano)
Ist dies das rosafarbene Einhorn? Nein, denn es ist ja nicht unsichtbar.. (Grafik: Susan Cipriano)
Das Logo der Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters
Das Logo der Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters
Beim Star-Wars-Gottesdienst in Bad Lauterberg fanden Spaßreligion und "echte" Religion zusammen (Foto: Christian Dolle, Kirchenkreis Harzer Land)
Beim Star-Wars-Gottesdienst in Bad Lauterberg fanden Spaßreligion und "echte" Religion zusammen (Foto: Christian Dolle, Kirchenkreis Harzer Land)

Eine Weltanschauung für jeden Geschmack? Kein Problem, alternative bzw. satirische Religionen bieten ein großes Spektrum an Dogmen aller Art, so dass auch Gottes-Skeptiker voll auf ihre Kosten kommen können.

Neben den klassischen, am weitesten verbreiteten Weltreligionen gibt es auch noch reichlich kleine, als satirisch einzuordnende Glaubensrichtungen – zum Teil mit dem üblichen „göttlichen Hintergrund“, zum Teil im Sinne einer Lebenseinstellung.

Satire als Mittel, um auf den Missbrauch kirchlicher Macht hinzuweisen

Diese Parodien, gelegentlich auch als „Spaßreligionen“ bezeichnet, sind in den meisten Fällen übrigens nicht entstanden, um echte Gläubige und deren Überzeugungen zu verunglimpfen, sondern eher, um auf ironische Art darauf hinzuweisen, wie viel Macht Religionen ausüben können; vor allem, wenn es um Einflussnahme in Bereichen wie der Wissenschaft geht, wo nicht persönliche Glaubenssätze, sondern Fakten entscheidend sein sollten.

Eine der bekanntesten Religionsparodien, nämlich die des „fliegenden Spaghettimonsters“,  wurde  im Zuge der Diskussion um das sogenannte „Intelligent Design“ gegründet, die Anfang des Jahrtausends in den USA hohe Wellen schlug. Damals forderten Vertreter der Kreationisten, dass an amerikanischen Schulen ihre eigene Auffassung der Schöpfungslehre vermittelt werden solle: Dass nämlich das Universum und alles Leben darin exakt so wie in der Bibel beschrieben entstanden seien, inklusive Erschaffung in 7 Tagen, Sintflut etc. Neuere Erkenntnisse, etwa Darwins Forschungsergebnisse zur Entstehung der Arten, lehnen sie strikt ab und wollten derlei Teufelszeug gänzlich aus dem Unterricht verbannen.

Als Kritik an den Auffassungen der Befürworter dieses „Intelligent Design“ (also der Theorie der Erschaffung der Welt durch einen intelligenten Urheber, sprich Gott) verfasste der Physiker Bobby Henderson 2006 sein Evangelium des fliegenden Spaghettimonsters. Gottheit und Erkennungszeichen dieser Religion ist besagtes Spaghettimonster, dargestellt als ein Häufchen Nudeln mit Fleischklößchen und Stielaugen. Dessen Anhänger nennen sich Pastafari und sind traditionell in Piratenkluft gekleidet, denn so will es das Evangelium. Gebete werden statt mit „Amen“ mit dem Wort „Ramen“ beendet (der Name einer beliebten japanischen Nudelart). Es gibt auch eine Entsprechung der Zehn Gebote, nämlich die acht „Mir wär's wirklich lieber, du würdest nicht...“, in denen es vorrangig um Diskriminierung, Frauenfeindlichkeit etc. geht. Ein Beispiel: „Mir wär’s wirklich lieber, du würdest nicht meine Existenz als Mittel benutzen, um jemanden zu unterdrücken, zu unterwerfen, zu bestrafen, zu vernichten oder du weißt schon. Ich verlange keine und benötige keine Opfer. Und Reinheit ist was für Trinkwasser, nicht für Menschen. “   

Die Glaubenssätze der oben erwähnten Kreationisten werden auch vom „Last Thursdayism“ verhohnepiepelt bzw. satirisch überspitzt. Die Welt inklusive aller Menschen und ihrer vermeintlichen Erinnerungen an frühere Ereignisse sei erst am vergangenen Donnerstag (last Thursday) auf einen Schlag erschaffen worden. Und nicht nur das: Am kommenden Donnerstag wird sie auch schon wieder vernichtet!     

Ein Einhorn als Gottesersatz

Auch die Anhänger des „unsichtbaren rosafarbenen Einhorns“ (ja, das klingt zunächst einmal paradox) wollen mit ihrer Lehre auf den Knackpunkt der althergebrachten Religionen hinweisen, dass nämlich Phänomene, die außerhalb menschlicher Wahrnehmung liegen (wie eben Gottheiten), nicht logisch beweisbar sind. In einer Erklärung der Einhorn-Gläubigen heißt es: „Der Sinn dieser Albernheit besteht darin, den Theisten vor Augen zu führen, dass ihre Predigten den Atheisten wahrscheinlich ebenso glaubwürdig und ernsthaft erscheinen wie ihnen selbst das Predigen des unsichtbaren rosafarbenen Einhorns durch die Atheisten […]“ Rund um die Gottheit wurde ein Geflecht erdacht, das bei näherer Betrachtung durchaus mit Behauptungen der echten Religionen mithalten kann, was Beweisbarkeit und Logik betrifft. So ist das Einhorn zum Beispiel für das Verschwinden von Socken aus der Wäsche verantwortlich. Wem diese „Entrückung“ von Strümpfen widerfährt, der darf sich der Zuneigung des Einhorns gewiss sein. Und auch eine teuflische Gegenspielerin gibt es, die „Lila Auster der Verdammnis“, die in früheren Zeiten eine Dienerin des Einhorns war, dann jedoch verstoßen wurde. Am Tag des Jüngsten Gerichts (oder in diesem Fall dem „Tag von Hafer und Heu“) wird die Fehde der beiden beigelegt. Eine übliche Formel, die dem Namen der Gottheit nachgestellt wird, lautet „Blessed Be Her Holy Hooves“, zu deutsch „Gesegnet seien Ihre heiligen Hufe“.
 

Möge die Macht mit dir sein. Oder halt der Fußball.

Auch für Popkulturfans gibt es die passende Kirche, oder besser Weltanschauung: den Jediismus. Der aus den Star Wars-Filmen bekannte Orden zeigt Elemente, die an den spirituellen Lebensweg von Mönchen erinnern, mit unterschiedlichen Stufen der Ausbildung und schließlich der Ernennung zu Rittern und Meistern. Im Zusammenspiel mit den philosophischen Fragestellungen, denen der Orden sich verschrieben hat (Was ist die Macht? Wie können wir sie weise nutzen? Wie schützen wir uns vor der dunklen Seite?) ergibt sich eine Lehre, die weltweit viele Anhänger hat. Immer wieder geben Menschen in allen möglichen Ländern bei Volkszählungen den Jediismus als ihre Religionszugehörigkeit an. Wer Interesse am aktiven Jeditum hat: Der in Berlin ansässige „Order of Hope e. V.“ nimmt Mitglieder auf...Wie nahe die fiktive „Krieg der Sterne“-Lehre einer echten Religion kommt, wurde kürzlich in Bad Lauterberg bei einem Jugendgottesdienst ausgelotet. Die Jugendkirche Paulus hatte einen aufwändigen Star-Wars-Gottesdienst, komplett mit Kostümen und Laserschwertkampf, veranstaltet und sich dabei intensiv mit der Frage nach der hellen und der dunklen Seite der Macht auseinandergesetzt.

Dass für beinharte Fußballfans die Anbetung ihrer Lieblingsspieler oft religiöse Ausmaße annimmt, ist ja kein Geheimnis. Auch aus diesem Umstand hat sich eine „Kirche“ entwickelt, die einem ganz bestimmten, auch nach seinem Tod noch sehr populären Sportler gewidmet ist: die „Iglesia Maradoniana“. Die etwa 40.000 Anhänger weltweit sind selbstredend allesamt Fußballfans, unter ihnen auch Profis wie Ronaldinho und Michael Owen. Die Bräuche der Iglesia sind eng mit denen der christlichen Kirchen verwandt: Auch hier basiert die Zeitrechnung auf dem Geburtsjahr des Erlösers, also Diego Maradona. Er wurde 1960 geboren, wir befinden uns also im Jahr 62 DD (Después de Diego, spanisch für „nach Diego“). Sein Geburtstag, der 30. Oktober, wird demnach als Weihnachtsfest betrachtet, und auch eine österliche Entsprechung gibt es: den 22. Juni, der Tag, an dem Argentinien dank zweier legendärer Tore Maradonas die WM 1986 für sich entschied. Die Bibel dieser Glaubensgemeinschaft ist die Autobiographie des Fußballers, die Reliquien seine Trikots. Alles in allem also eine ziemlich traditionelle Glaubensgemeinschaft.


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