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Geschrieben von ski am 26. Dezember 2019

Das Thema

Wie die Kartoffel in den Harz kam

Südöstlich von Braunlage, an der Alten Tanner Poststraße am Brandhai, steht ein ungewöhnlicher -und schon sehr alter - Gedenkstein: das Kartoffeldenkmal.

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Ein Portrait von Johann Georg von Langen, ca. 1750. Wer ihn portraitiert hat, ist unbekannt.
Ein Portrait von Johann Georg von Langen, ca. 1750. Wer ihn portraitiert hat, ist unbekannt.

Es wurde 1885 errichtet und erinnert nicht an irgendeine berühmte Persönlichkeit, sondern an die Anfänge des Kartoffelanbaus im Harz. 137 Jahre zuvor, also 1748, wurden dort die ersten Kartoffeln angepflanzt. Dafür hatte man auf Betreiben des Generalforstmeisters Johann Georg von Langen eigens ein großes Stück Wald gerodet - eine äußerst mühevolle Arbeit, in der die damalige Landbevölkerung wenig Sinn sah.

Die ersten Kartoffeln waren nämlich gerade einmal gut einhundert Jahre zuvor nach Deutschland gelangt. Wie sie überhaupt ihren Weg von Südamerika nach Europa genau fanden, ist bis heute nicht genau geklärt. Zunächst wusste man damit nicht viel besseres anzufangen, als sie als Zierpflanzen zu nutzen.

Skepsis gegenüber der giftigen Pflanze

„In den nördlichen Gegenden unseres Braunschweiger Landes soll der Überlieferung nach die Kartoffel zuerst durch die 1748 aus den Niederlanden heimkehrenden Truppen verbreitet sein, indem sie dieselben in ihren Tornistern als Neuheit mitbrachten und ihre Angehörigen zum Anbau derselben bewogen. (...) – In der Stadt Braunschweig werden Erdtuffeln zuerst im Jahre 1753 unter den Gartenfrüchten erwähnt.“, so heißt es im Buch "Das Herzogtum Braunschweig. Ein Handbuch der gesamten Landeskunde" von 1891.


Die Bevölkerung in Braunlage bekam die seltsamen Erdtuffeln (der Name leitet sich vom italienischen tartufo = Trüffel ab) also 1748 zum allererstenmal zu Gesicht. Und dieser fremdartigen Knollenfrucht standen die Harzer erst einmal sehr skeptisch gegenüber. Nicht ganz zu Unrecht, denn Stängel und Blüten und sogar grün gewordene Knollen des Nachtschattengewächses sind giftig. Außerdem mussten die Knollen zur Aussaat mühsam einzeln im Boden vergraben und zur Ernte ebenso mühsam ausgegraben werden. Die Kirche verdammte die Kartoffel, die als heidnisch galt, zudem als "dämonisches, lüsternes Gewächs und Frucht des Bösen". Mit heutigen Worten: die Kartoffel hatte ein Imageproblem.

Doch Johann Georg von Langen ließ sich nicht beirren. Der umtriebige Generalforstmeister war schon viel herumgekommen. Er hatte Erfahrung im Bergbau und im Forstwesen gesammelt und Herzog Carl I. von Braunschweig-Wolfenbüttel den Kartoffelanbau vorgeschlagen. Es gab ja bereits einen Ort im Oberharz, wo dies seit 1741 durchaus erfolgreich durchgeführt wurde: Benneckenstein, damals preußische Besitzung. Auch dort waren die klimatischen Bedingungen für Getreide schwierig und die Erträge auf den Äckern gering, und König Friedrich II. propagierte die neue Ernährungsweise für seine Landeskinder.

Branntwein sollte den Aufschwung bringen

Herzog Carl I. war neuen Ideen gegenüber stets aufgeschlossen, und von der Kartoffel versprach er sich einen wirtschaftlichen Aufschwung. Der Herzog höchstselbst stellte 1746 fest, "daß die Bauersleute den Anbau von Küchengewächsen in den Gärten an vielen Orten, insbesondere denen, so von den Städten entfernt sind, sehr vernachlässigen und zu ihrem eigenen Schaden sich nicht bemühen, Garten- und Vietsbohnen, Braunen Kohl, Salade und dergl. zu bauen". Also gab er grünes Licht für den Kartoffelanbau im Harz. Zum Verzehr war die Kartoffel dabei nur in zweiter Linie gedacht - vielmehr hatte der Herzog die Herstellung von Hochprozentigem im Sinn. Und in seinem Fürstentum Blankenburg gab es einen bitterarmen Ort namens Braunlage. Dort sollte, so der Plan, eine Brennerei errichtet werden, in welcher mit Hilfe von Torf und den Erdäpfeln Branntwein entstehen sollte. Das hätte neben neuen Beschäftigungsmöglichkeiten für die Braunläger auch ordentlich Geld in die Kasse der Fürstlichen Kammer gebracht.

Ackerfläche war in Braunlage allerdings knapp. Also wurden zwölf Morgen Wald gerodet, mit Mist und Asche gedüngt und die ersten Saatkartoffeln gepflanzt. Und Johann Georg von Langen hatte eine Idee, wie man den Platz gleich doppelt nutzen könne: im Schutze der Kartoffelpflanzen sollten junge Fichten gesetzt werden. Mit ihnen wollte er dann die Wälder ringsum aufforsten lassen, an denen man viel zu lange Raubbau betrieben hatte.

Der erste Versuch scheiterte kläglich

Doch der Kartoffelanbau stand unter keinem guten Stern. Die klimatischen Voraussetzungen waren ungünstig, die Böden schwer und steinig. Die Doppelbepflanzung mit Fichten war zum Scheitern verurteilt und die Landbevölkerung, die ohnehin nicht recht mit der fremden Pflanze umzugehen wusste, musste zum Anbau zwangsverpflichtet werden. Nach drei Jahren mit nur sehr geringem Ertrag fand sich kein Braunlager mehr, der bereit gewesen wäre, Kartoffeln anzubauen. Also wurde es nichts mit der Schnapsbrennerei in Braunlage - und auch nicht mit der klingelnden Kasse des Herzogs.

Zehn Jahre sollte es dauern, bis der Anbau im flachen Harzvorland wieder aufgenommen wurde. Diesmal wurde er von Erfolg gekrönt; die Kartoffel setzte sich in den Folgejahren rasch durch und wurde ein wesentlicher Bestandteil der Ernährung großer Teile der Bevölkerung. Der Kartoffelkeller brachte die armen Bergleute und ihre Familien über den Winter. Missernten und entsprechende Hungersnöte gab es jedoch immer wieder - mit Kartoffelfäule und Kartoffelkäfer lernte man erst allmählich umzugehen. Dennoch hatte die Kartoffel gegenüber dem Getreide einen großen Vorteil: in Kriegszeiten waren Getreidespeicher leicht von Feinden zu plündern, die Kartoffel dagegen war im Ackerboden fast ganzjährig gut geschützt. Nicht zuletzt trugen auch die Bemühungen von Friedrich II. zur raschen Verbreitung der Nutzpflanze bei, der seine Untertanen durch seine Verwaltung und durch Pastoren, sogenannte Knollenprediger, über den richtigen Anbau informierte. Außerdem ließ er wissen, dass man die Kartoffel auch gern bei Hofe esse - heute würde man wohl von einer sehr erfolgreichen Marketingkampagne sprechen.

Als das Kartoffeldenkmal 1885 aufgestellt wurde, betrug die Gesamtfläche der Kartoffeläcker rund um Braunlage etwa 47 Hektar. Zu Ehren von Johann Georg von Langen errichtete man übrigens im gleichen Jahr ein weiteres Denkmal an der Steinsklippe im Kurpark von Braunlage.

Wo man das Kartoffeldenkmal findet

Wer das Kartoffeldenkmal besuchen will, erreicht es über die B242/B4 von Braunlage in Richtung Sorge. Ca. 500 Meter vor der Abzweigung nach Hohegeiß kann man rechts am Waldrand parken und die Alte Tanner Poststraße erwandern; von dort sind es etwa 1,5 Kilometer. Die Strecke ist durch den Harzklub-Zweigverein Braunlage sehr gut ausgeschildert.


Riester-Kniester

Ein in Bad Lauterberg und Umgebung beliebtes Kartoffelgericht: Riester-Kniester. Dazu werden Kartoffeln gewaschen, aber nicht geschält. Sie werden halbiert, mit Öl oder Butter bestrichen, mit Salz und Kümmel gewürzt und im Backofen knusprig gegart. Dazu isst man Quark.
Als "Hackus und Knieste" ist eine Abwandlung davon im ganzen Harz beliebt: die Kartoffeln werden zusammen mit gewürztem, rohen Mett, Zwiebeln und Gurken gegessen. Der Begriff "Knieste" leitet sich dabei angeblich von den kleinen Kartoffeln ab, die dazu benötigt werden - man musste nämlich knieen, um sie zu ernten.


Ein Beitrag in Zusammenarbeit mit dem HarzWind.
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