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Donnerstag, 07. Juli 2022
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 Geschrieben von Svenja Friedrich am 03. August 2020
Das Thema

Wie Bad Sachsa in den Westen kam

1945 fand ein unangekündigter Gebietsaustausch statt, der 23.000 Menschen betraf

Die getauschten Gebiete. Rot wurde an die sowjetische Zone abgetreten, blau an die britische. Bild: National Archives UK, Kew; Bestand FO 1030/1507
Die getauschten Gebiete. Rot wurde an die sowjetische Zone abgetreten, blau an die britische. Bild: National Archives UK, Kew; Bestand FO 1030/1507
Erster Vorschlag. Bildquelle: National Archives UK, Kew; Bestand FO 1030/1507
Erster Vorschlag. Bildquelle: National Archives UK, Kew; Bestand FO 1030/1507
Lage Neuhof
Lage Neuhof
Alternativvorschlag. Bildquelle:National Archives UK, Kew; Bestand FO 1030/1507
Alternativvorschlag. Bildquelle:National Archives UK, Kew; Bestand FO 1030/1507
Gullydeckel mit Wappen der Stadt Bad Sachsa. Der Gebietsaustausch wurde nicht angekündigt
Gullydeckel mit Wappen der Stadt Bad Sachsa. Der Gebietsaustausch wurde nicht angekündigt

Das Kriegsende vor 75 Jahren hatte zahlreiche Auswirkungen auf die Menschen in Deutschland: Erleichterung über den endlich wieder einkehrenden Frieden mischte sich mit dem Entsetzen über das, was in den vergangenen Jahren geschehen war. Viele Familien hatten Tote zu beklagen, mussten mit Trauer, Hunger und Armut kämpfen und wussten nicht, wie es nun weitergehen sollte.
Die durch diese ungewisse Lage entstandenen Schwierigkeiten wurden für etwa 23.000 Einwohner unserer Region noch verstärkt durch einen Gebietsaustausch, der sich im Juli 1945 ereignete. Von Ende Mai bis Anfang Juni begannen britische Verbände, die bis dato von den Amerikanern besetzten Gebiete zu übernehmen, die Teil der britischen Besatzungszone werden sollten, darunter die Provinz Hannover und die Länder Oldenburg und Braunschweig (zu dem damals der Landkreis Blankenburg gehörte).
 
Die eingesetzte Militärregierung, das sogenannte military government detachment, widmete sich alsbald den drängendsten Aufgaben: zunächst einmal der Suche nach alliierten Kriegsgefangenen (POW, prisoners of war) und Heimatlosen (DP, displaced persons) und deren Repatriierung, außerdem der Aufrechterhaltung bzw. Wiederherstellung des Gesundheitswesens und der Versorgung der Bevölkerung. Entscheidend dabei war nicht nur die Verfügbarkeit von Lebensmitteln, sondern auch die von Wasser und Strom. Um die Versorgungslage in den jeweiligen Bereichen feststellen zu können, wurden die Zustände evaluiert und in Wochenberichten den Vorgesetzten gemeldet.

Die Stromversorgung als entscheidender Punkt

Bereits der erste dieser Wochenberichte, verfasst am 17. Mai 1945, beschreibt den Zustand der Stromversorgung (sowohl der Erzeugung als auch des Transports) als ungenügend. Elektrizität war aber nicht nur wichtig für die Bewohner der Besatzungszone, sondern auch ein nicht zu unterschätzender Motor für die Ankurbelung der hiesigen Industrie. Strom war von enormer Bedeutung und somit eine wichtige Stellschraube für den Aufschwung des Landes nach der Kriegszeit.
Die Briten maßen dabei unter anderem dem Kraftwerk Harbke große Bedeutung zu, obwohl der Ort mit Beschluss der 2. Londoner Zonenkonferenz und der Konferenz von Jalta eigentlich in der sowjetischen Zone lag. Wegen der kriegsbedingten starken Zerstörungen war das Ruhrgebiet als Stromlieferant ausgefallen.

Im Juni hatten sich Briten und Amerikaner darauf geeinigt, Strom aus der Gegend um Leipzig in die britische Zone zu transferieren. Die Talsperren des Harzes sollten unter britischer Kontrolle bleiben – nicht zuletzt, um die wichtigen Wirtschaftsstandorte Fallersleben (VW) und Salzgitter-Watenstedt (Salzgitter AG) ausreichend versorgen zu können.

Nachdem Anfang Juni die Sowjetunion auf die Einsetzung eines gemeinsamen Kontrollrates für Deutschland gedrängt hatte, erklärte sie kurz darauf gemeinsam mit den USA, Großbritannien und Frankreich die Übernahme der Obersten Regierungsgewalt. Am 15. Juni dann schrieb der Kommandeur des 229/305. Provinz-Detachments einen Brief an das military government, dessen Inhalt Einfluss auf den späteren Gebietsaustausch zwischen britischer und sowjetischer Besatzungszone hatte. Darin heißt es unter anderem:

„Aus britischen und russischen Rundfunksendungen und aus Zeitungsartikeln geht hervor, dass die politische Grenze des Landes Braunschweig als die künftige Demarkationslinie zwischen der britischen und der UdSSR-Besatzungszone betrachtet wird. Offiziere der Stabsabteilung M-4 (Wirtschaft) haben mir gegenüber erklärt, dass in diesem Fall das natürliche Wirtschaftsgefüge der Region Hannover ernsthaft geschwächt wird, wenn bestimmten Produktionszentren, die außerhalb der Grenze von Braunschweig liegen werden, keine freie und ununterbrochene Kommunikation gewährt wird. (...)
Dieses wirtschaftliche Problem wurde auch von den mit der Verwaltung der Provinz Hannover befassten deutschen Beamten gewürdigt, und das als Anlage „A“ beigefügte Papier wurde mir vom amtierenden Oberpräsidenten als Lösungsvorschlag für das Problem vorgelegt. Ich habe dieses Papier von meinem Stab prüfen lassen und bin der Meinung, dass es eine faire und wahrheitsgetreue Darstellung der betreffenden wirtschaftlichen Situation ist. Die gegenwärtigen Grenzen von Braunschweig basieren auf den ursprünglichen herzoglichen Besitztümern und haben nichts mit der modernen industriellen Entwicklung zu tun.
Außerdem bin ich der Meinung, dass es in vielerlei Hinsicht besser wäre, wenn die normale wirtschaftliche Kommunikation zwischen den beiden Besatzungszonen weitergehen würde, die vielen administrativen Schwierigkeiten und Verzögerungen, die auftreten werden, werden bereitwillig zur Kenntnis genommen, und ich glaube, dass der Militärgouverneur der UdSSR-Seite ebenso eine auf wirtschaftlichen Erwägungen beruhende Demarkationslinie vorziehen würde.
Ich möchte daher darum bitten, dass das beigefügte Papier an eine höhere Autorität weitergeleitet wird, damit die Frage der Anpassung der Grenze von Braunschweig aus wirtschaftlichen Gründen geprüft werden kann, bevor eine Entscheidung getroffen wird, die politische Grenze als Demarkationslinie zwischen den Besatzungszonen zu verwenden.
Der kommandierende Offizier des Braunschweig (L/R) Detachment hatte diese Angelegenheit bereits mit mir besprochen, und er hat den beigefügten Bericht gesehen und stimmt ihm zu.“

In besagter Anlage wird beschrieben, weshalb eine Erweiterung der britischen Zone nach Osten nötig sei, die zu Ungunsten der Sowjets ausfallen würde. Fazit des Schreibens war, dass insgesamt 147 Gemeinden mit über 230.000 Einwohnern beim Wirtschaftsgebiet Niedersachsen verbleiben sollten, darunter der Kreis Grafschaft Hohenstein, zu dem Bad Sachsa und Tettenborn gehörten.

Die detaillierte Übersicht der Gebiete, deren Verbleib laut des Schreibens beim Wirtschaftsgebiet Niedersachsen erforderlich war:
a) vom Kreis Wernigerode: 46 Gemeinden mit 74.441 Einwohnern
b) vom Kreis Quedlinburg: 13 Gemeinden mit 60.736 Einwohnern
c) vom Kreis Grafschaft Hohenstein: 17 Gemeinden mit 22.970 Einwohnern
d) vom Kreis Oschersleben: 35 Gemeinden mit 40.377 Einwohnern
e) vom Kreis Haldensleben: 24 Gemeinden mit 21.000 Einwohnern
f) vom Kreis Gardelegen: 12 Gemeinden mit 13.800 Einwohnern
 

In den ersten Julitagen begann der Rückzug britischer und amerikanischer Truppen aus den vorläufig besetzten Gebieten der Sowjetzone, was eine neue Situation schuf – die sowjetischen Truppen begannen sofort damit, eine Militärverwaltung auf ihrem Gebiet zu errichten. Die angedachten Verhandlungen über eine Veränderung der Demarkationslinie schienen nun in weite Ferne zu rücken. Es war davon auszugehen, dass die Lieferung von Strom aus dem Kraftwerk Harbke nicht mehr gewährleistet war, da das Gebiet nun unter sowjetischer Besatzung stand. Dies hätte für die Provinz Hannover weitreichende Einschränkungen bedeutet.

Blankenburg gegen Harbke und Bad Sachsa

Dem Stabschef erschien es unwahrscheinlich, dass die Sowjets dem Vorschlag zur Erweiterung der britischen Zone zustimmen würden, weshalb eine Alternative erarbeitet wurde:

„Sollte es sich als unmöglich erweisen, auf der Grundlage der oben genannten Vorschläge eine Einigung mit den Russen zu erzielen, wird folgender reduzierter Alternativvorschlag unterbreitet:

a) den Russen den Landkreis Blankenburg zu übergeben, um die Grenze zu verkürzen und ein Faustpfand zu bieten.
(b) im Gegenzug von den Russen zu übernehmen:
(I.) Die Stadt Harbke, um die Kontrolle über das Kraftwerk zu behalten, das 75 % seiner Leistung in die britische Zone liefert.
(II.) Die Stadt Bad Sachsa, um die Grenze zu verkürzen und in den Besitz der Kasernen in der Stadt zu gelangen. 

Am 16. Juli übermittelte der Stabschef des 30. Korps ein Schreiben an Feldmarschall Belchem, das unter anderem zum Inhalt hatte, dass der erste, umfangreichere Plan annulliert wurde. Außerdem legte er dar, warum der Verzicht auf den Landkreis Blankenburg notwendig sei:

 „1. Extreme Schwierigkeiten bei der Versorgung während des Winters aufgrund des Engpasses der Bergstraße.
2. Völlige Abhängigkeit des Landkreises Blankenburg für Lebensmittel und andere wirtschaftliche Notwendigkeiten von der Gegend um Halberstadt und Wernigerode, die jetzt in der Russischen Zone liegt.“

Es war allerdings nicht möglich, eine Einigung über den Verbleib des Kraftwerks Harbke zu erzielen. 

Der Gebietsaustausch wurde nicht angekündigt

Am 23. Juli schließlich, zwischen 8 und 15 Uhr Ortszeit, fand der Gebietsaustausch statt. Um Massenfluchten zu vermeiden, sollte er nicht öffentlich gemacht werden. Durch den Austausch ergab es sich, dass die Verbindungsstraße zwischen Walkenried und Neuhof nach wie vor im Landkreis Grafschaft Hohenstein verblieb; daher war Neuhof, nun in der britischen Zone gelegen, nur über Bad Sachsa zu erreichen. Wäre Bad Sachsa nicht eingetauscht worden, so wäre Neuhof anschließend nur noch über Feld- und Schleichwege erreichbar gewesen.

Und so kam es, dass im Sommer 1945 über die Zukunft von mehr als 23.000 Menschen in unserer Region entschieden wurde. Wie weitreichend der Austausch in das Leben der Betroffenen eingreifen würde, konnte damals noch niemand absehen. Neue Grenzen wurden gezogen, neue Ideologien geboren und neue Strukturen errichtet. Während auf der einen Seite in den kommenden Jahren ein Wirtschaftswunder langsam Fahrt aufnahm, entstand auf der anderen Seite ein Staat, der sich, seine Bürger und ihre Freiheit einmauerte, bis sie zurückerobert wurde.

 


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