Diese Webseite verwendet Cookies. Mit der weiteren Nutzung von LauterNEUES erklären Sie sich damit einverstanden.

Dienstag, 12. November 2019
Login



Geschrieben von Boris Janssen am 12. Dezember 2015

Aktuell

„Deutschland ist im Krieg“

Terrorismus-Experte Wolfgang Petri hat in Bad Sachsa Klartext gesprochen

Findet, Deutschlands Sicherheitsbehörden müssen dringend zentralisiert werden: Terrorismus-Experte Wolfgang Petri.
Findet, Deutschlands Sicherheitsbehörden müssen dringend zentralisiert werden: Terrorismus-Experte Wolfgang Petri.
Pädagogiums-Leiter Sido Kruse begrüßte die Schülerinnen und Schüler der Oberstufe und einige interessierte Gäste.
Pädagogiums-Leiter Sido Kruse begrüßte die Schülerinnen und Schüler der Oberstufe und einige interessierte Gäste.

Wolfgang Petri ist Terrorismusexperte und er findet, es ist Zeit für klare Worte: „Deutschland befindet sich im Krieg gegen den Terrorismus. Und wir werden noch die nächsten zehn bis zwanzig Jahre damit zu tun haben.“ Unbequeme Sätze von einem, der in über 20 Jahren als Kriminalbeamter auch für die Sicherheit von drei Bundeskanzlern zuständig war und unter Kanzler Helmut Schmidt gegen die Rote Armee Fraktion (RAF) kämpfte. Ja, unbequem. Aber in Petris Augen eine schlichte Tatsache, für die er die Menschen sensibilisieren will. Am Donnerstag (10.12.2015) versuchte er das – durchaus auch provokant – auf Einladung des Pädagogiums in Bad Sachsa, an dem er selbst einmal für dreieinhalb Jahre Schüler war.

Anschläge mitten in Paris, Razzien in Frankreich und Belgien, ein abgesagtes Länderspiel in Hannover – der Terror ist längst in Europa angekommen. Doch in Deutschland wolle man die Gefahr möglichst verdrängen, analysierte Petri. Man habe Angst vor Krieg. Deshalb werde allenthalben Kriegsvokabular vermieden. „Aber das ist Augenwischerei.“ Die reiche sogar bis zur „Falschaussage“ von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, der gerade beschlossene Bundeswehr-Einsatz in Syrien umfasse nur Aufklärungsflüge. „Tornados sind keine Segelflugzeuge“, stellte Petri nüchtern fest. „Da gehören schon allein 15 Menschen als Bodenpersonal dazu. Und mit ihrer Ausstattung an Waffen können die Flieger nicht nur sich verteidigen, sondern natürlich auch angreifen.“ Genau das hält Petri auch für nötig, wenn Europa den Frieden behalten will, den der IS nun bedroht.

 

Die Bedrohung besser verstehen

Um diese Bedrohung einordnen zu können, empfahl Petri einen Blick auf die religiösen Hintergründe. Ganz knapp heruntergebrochen manifestiere sich der Konflikt schon in zwei jeweils zentralen religiösen Aussagen: Während die Bibel ermuntere, „macht Euch die Erde untertan“, fordere der Koran, Gottes Erde so zu belassen, wie sie ist. Für manche Strenggläubige werde der Koran damit zur vollkommenen Ordnung, die der Mensch nicht ändern dürfe, selbst Menschenrechte lehnten sie komplett ab, von westlichen Werten, Lebensstilen und Kulturen ganz zu schweigen. In diesem Sinne sähen sich die Dschihadisten des IS in einem Verteidigungskrieg für ihre Religion, dessen Ziel die perfekte Welt sei, in der alle Menschen Muslime sind.

Zusätzlich werde der IS durch mehrere Faktoren begünstigt. Da sei die instabile Lage in Syrien und Irak – „Zombiestaaten, künstliche Gebilde“, wie sie Petri nannte, in denen unterschiedliche religiöse Gruppen rivalisieren. Dann verfüge der IS über enorme Mengen Geld, nicht zuletzt aus Saudi-Arabien, ist Petri überzeugt. Und außerdem habe der IS leichten Zugang zu großen Waffen. Zum Beispiel kursierten noch immer abertausende Boden-Luft-Raketen, die die USA in den 80er Jahren den Mudschahedin in Afghanistan überlassen hatten: „Die bekommen sie für 150 Euro auf dem Schwarzmarkt“, sagte Petri. „Wenn Sie damit einen Airbus A380 runterholen, haben Sie für wenig Geld einen maximalen Effekt.“

 

Nicht ohne Bodentruppen zu schaffen

Angesichts dessen hält Petri wenig davon, mit solchen Menschen reden zu wollen. Zumal ja viele Attentäter den eigenen Tod nicht nur in Kauf nehmen, sondern mit Blick auf ein erhofftes, lohnendes Dasein im Jenseits sogar als Ziel zu haben scheinen. Petri drückte es drastisch aus: „Im Ernstfall kann man Terroristen nur ausschalten mit drei, vier Kugeln in den Kopf, und dann noch eine woanders hin. Alles andere sind Märchen.“

Bei seinem Krieg gegen den IS sollte der Westen allerdings nicht unbedingt auf eine Allianz mit Russland und der Türkei setzen, rät Petri. Russlands Präsident Putin wolle Syriens Diktator Assad halten, weil er eine Rebellion fürchte. Und dem türkischen Präsidenten Erdogan schwebe eigentlich selbst ein islamischer Gottesstaat vor, „Erdogan hat kein Interesse an Demokratie.“ Dabei bräuchte die Region eine politische Neuordnung: Löse man die künstlichen Gebilde Syrien und Irak auf, würde das helfen, wieder Frieden zu schaffen und dem Terrorismus die Grundlage zu entziehen, glaubt Petri. Das allerdings werde nicht allein aus der Luft gelingen, man werde auch Bodentruppen einsetzen müssen, warnte er vor Illusionen: „Auf Satellitenbildern und durch Infrarotkameras sieht man das menschliche Leid nicht.“

 

Schengen-Abkommen aussetzen, Behörden zentralisieren

Um Europa aber schon kurzfristig gegen Anschläge zu schützen, müsse das Schengener Abkommen – also der Verzicht auf Grenzkontrollen zwischen den beteiligten Staaten – außer Kraft gesetzt werden, „bis die EU-Außengrenzen sicher sind“, fordert Petri. Auch müsse die Flüchtlingsaufnahme dringend begrenzt werden – was für ihn im Übrigen nicht ein Ende der Willkommenskultur wäre, sondern seiner Meinung nach im Gegenteil für bessere Bedingungen für die Aufgenommenen sorgen würde.

Ganz besonders wichtig fände Petri es jedoch, die Sicherheitsbehörden zu zentralisieren. Das würde Machtkämpfe, Kompetenzgerangel und Zuständigkeitskonflikte zwischen verschiedenen Institutionen verhindern und die Arbeit effektiver machen. Als Vorbild sieht Petri das sogenannte Heimatschutzministerium, das die USA nach den Anschlägen vom 11. September 2001 geschaffen haben. Für einen Fernseh-Beitrag für die Sendergruppe ProSiebenSat.1 habe er vor Kurzem zeigen können, dass man in Berlin einen Koffer mitten im Flughafen abstellen könne, und sich eine Stunde lang nichts tue, weil sich offenbar keiner dafür verantwortlich fühle. So etwas müsse dringend geändert werden. Klar sei dabei, dass mehr Sicherheit natürlich auch mehr Geld kostet.

Während des gesamten Vortrags fiel auf: Petri ist offenbar stark von seinen Erfahrungen aus dem Kampf gegen die RAF geprägt worden. Helmut Schmidt hatte damals festgestellt, man müsse an die „Grenzen des Rechtsstaates“ gehen, und Petri sagt heute darüber, das sei „vielleicht der entscheidende Schlag gegen den Terror“ gewesen. Manche seiner Äußerungen sorgten denn auch für Raunen in der Schulaula. Doch wenngleich einiges schon zynisch klang, Wolfgang Petri geht es darum, den Frieden zu bewahren. Es sei bloß so: „Frieden und Krieg liegen dicht beieinander.“

 

Zur Person

Wolfgang Petri war 22 Jahre lang Kriminalbeamter in Niedersachsen, baute unter anderem das erste MEK (mobile Einsatzkommando) mit auf und war für die Sicherheit der Bundeskanzler Willy Brandt, Helmut Schmidt und Helmut Kohl zuständig.

1992 schied Petri aus gesundheitlichen Gründen aus dem Polizeivollzugsdienst aus und setzte sein Fachwissen als Sicherheitsberater großer Firmen ein, zum Beispiel bei der Kampfmittelbeseitigung, aber auch in großen Industrieunternehmen wie BASF, Nestlé und der Siemens AG.

Eine besondere Aufgabe – die auch mit dem Islam zu tun hatte – bekam Petri im Februar 1987: In der Comedy-Sendung „Rudis Tagesshow“ war eine Parodie gezeigt worden, in der dem damaligen iranischen Staatsoberhaupt Ajatollah Chomeini Damenunterwäsche zugeworfen wird. Das führte zu einem internationalen Skandal und sogar zu Morddrohungen, sodass Petri bei einer der nächsten Sendungen für den Personenschutz des Moderators Rudi Carrell zuständig war.


.................................................................................................................................................

Bild der Woche