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Samstag, 28. Januar 2023
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Geschrieben von Boris Janssen am 13. Mai 2013

Aktuell

Wer helfen will, muss die Gefühle abschalten

Die Hamburger Hauptkommissarin und Buchautorin Birgit Reimann erzählt von ihrem Kampf gegen Gewalt und Kindesmissbrauch – eine spontane Leseraktion im Buchladen

Auf eine Tasse Kaffee: Birgit Reimann erklärte sich spontan bereit, mit den Lesern in der Buchhandlung über ihren Beruf und ihre Erlebnisse zu sprechen. Die Besucher wollten dabei nicht fotografiert werden.
Auf eine Tasse Kaffee: Birgit Reimann erklärte sich spontan bereit, mit den Lesern in der Buchhandlung über ihren Beruf und ihre Erlebnisse zu sprechen. Die Besucher wollten dabei nicht fotografiert werden.
Birgit Reimann. Die 51-jährige Hauptkommissarin blickt auf mehr als 30 Dienstjahre zurück.
Birgit Reimann. Die 51-jährige Hauptkommissarin blickt auf mehr als 30 Dienstjahre zurück.

Vor drei Wochen saß Birgit Reimann bei Frank Elstner und war im SWR-Fernsehen einer der „Menschen der Woche“. Sie gab der Bild ein Interview und trat bei den Vattenfall-Lesetagen in Hamburg auf. Klar, das macht eine Autorin so, wenn sie ihr Buch promoten will. Wenn sie danach aber auf Kur nach Bad Lauterberg fährt, zufällig in der Buchhandlung Moller ihre Reiselektüre auffüllt und sich spontan bereit erklärt, gleich mehrfach in diesem kleinen Laden in dieser kleinen Stadt mit den eher wenigen Lesern zu sprechen, dann muss es wohl auch einen anderen Grund geben. Birgit Reimann will erzählen - von sich und von ihrem Beruf. Davon, was sie dabei manchmal erleben musste. Und was die Gesellschaft vielleicht daraus lernen kann.

 

Immer wieder dieselben Bilder

Reimanns Buch heißt „Die Großstadt ist mein Revier“. Die Ähnlichkeit zum Fernsehserien-Titel ist kein Zufall. Sie ist Hauptkommissarin in Hamburg. Doch bei ihr geht es nicht so launig zu wie bei Dirk Matthies und Co. Es geht um Streifendienst und Hausbesetzer, aber auch um schlagende Männer und Frauen, Sexualverbrechen und Kindesmissbrauch. Reimann schildert echte – freilich anonymisierte – Fälle. Wieso handelt die Polizei manchmal nicht so, wie es die Menschen am Stammtisch von ihr erwarten. Was können die Menschen besser machen.

Aber wie geht Birgit Reimann selbst damit um, wenn sie mit Gewalt konfrontiert wird, sich für die Ermittlungen stundenlang brutale Szenen anschauen muss? Es klingt paradox: Wer den Opfern helfen will, muss seine Gefühle abschalten. Polizisten müssten stur objektiv handeln, erklärte Reimann bei ihrem schon zweiten Moller-Besuch am Samstag (11.05.2013). „Aggression bringt gar nix. Jeder Fehler, den die Polizei macht, nützt am Ende nur dem Täter.“ Aggressionen leite sie lieber in andere Kanäle, zum Beispiel die Arbeit im Garten. Stumpft man irgendwann ab? Nicht, was das Mitgefühl für die Opfer angeht, erklärt Reimann. Aber es helfe schon, dass es letztlich immer wieder dieselben Bilder sind, die sie sich anschauen muss.

 

Der Fall, der sie von den Füßen holt

„Man muss lernen, diese Sachen im Dienst zu lassen“, sagt Birgit Reimann. Zum Dienstschluss bewusst die Akten in den Schrank stellen, ihn zu machen, das Zimmer abschließen, aus den Türen des Dienstgebäudes in das eigene Leben gehen. „Jeder hat seine individuelle Grenze“, weiß die Polizistin. „Aber bei mir hat es so immer geklappt.“ Bis zu dem Fall, der sie „von den Füßen geholt hat“. Bis zu dem Tag, als das Verbrechen zwar indirekt, aber sehr nah an die eigene Familie herankroch.

Es ging mal wieder um einen Mann, der sich nicht nur Kinderpornos anschaut, sondern selbst Kinder missbraucht. Er filmt, wie er sich seiner eigenen Wohnung an einem sechs Monate alten Mädchen vergeht. Einen drei Monate alten Jungen quält er außerdem auf sadistische Weise. Als Reimann die Bilder der Gerichtsmedizinerin zeigt, sie nach möglichen Verletzungen, körperlichen und psychischen Folgen für die Kinder fragt, ist die Medizinerin fassungslos: „Was müssen Sie sich eigentlich antun?“ Täter, die ihre Opfer sadistisch quälen – solche Fälle kommen Reimanns persönlicher Grenze ohnehin schon sehr nah. Und dann stellt sich heraus, der Mann ist Vater. Sein Sohn geht auf dieselbe Schule, wie Reimanns Sohn – zwar eine Klassenstufe darunter, aber sie haben gemeinsamen Sportunterricht.

Um so etwas zu verarbeiten, stünden den Polizisten Psychologen und auch Pastoren zur Seite. „Aber letztlich sind das kleine Pflaster“, sagt Birgit Reimann. Für sie scheint ihr Buch und das Sprechen darüber auch ein Stück weit ein besonderer Weg der Bewältigung zu sein. Dabei kam das Buch zufällig zustande. Ihre Co-Autorin Henriette Dyckerhoff nahm vor zwei Jahren mit der Polizei-Gewerkschaft Kontakt auf, weil sie eigentlich ein fiktives Buch schreiben und dafür recherchieren wollte. Sie führte etliche Interviews mit Birgit Reimann, die damals Vorsitzende der Frauengruppe der Gewerkschaft war. Was Dyckerhoff in diesen Stunden hörte, brachte sie schließlich auf die Idee, dass der Stoff für ein eigens Werk reicht – mehr als 30 Dienstjahre, die Geschichte einer Hamburger Polizistin.

 

Abschalten von der Polizeiarbeit? Am besten mit Krimis!

Seit Ende April liegt das gemeinsame Buch nun in den Buchläden. Die besuchte Birgit Reimann aber schon vorher gerne. Denn sie liebt Bücher. So war es für sie ein „Luxus“, während der Kur bei Gollées endlich wieder in Ruhe lesen zu können. Tja, und dann rennt sie in der nächsten Buchhandlung gleich wieder ihrer Arbeit in die Arme.

Obwohl, so richtig los lässt sie ihr Beruf ja auch in der Freizeit nicht: „Ich schalte gerne mit Krimis ab.“ Bücher liebt sie blutig. Und im Fernsehen hat es ihr besonders das Tatort-Duo Thiel und Boerne (alias Axel Prahl und Jan Josef Liefers) angetan. Um eines beneidet die Hauptkommissarin ihre TV-Kollegen besonders: „Woran ich Monate arbeite, das schaffen sie im Fernsehen immer in anderthalb Stunden.“ Aber Fernsehen ist ja auch nicht das wirkliche Leben. Birgit Reimann weiß das.

 

 

 

Das Buch

 

Birgit Reimann + Henriette Dyckerhoff

 

Die Großstadt ist mein Revier – Eine Hauptkommissarin im Kampf gegen Unrecht und Gewalt (ISBN: 978-3-8105-1631-2)

 

 


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