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Freitag, 21. Februar 2020
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Geschrieben von Christian Dolle am 18. Februar 2019
Kirchen

„Die Zeit, die wir gewonnen haben, steht uns gar nicht zur Verfügung.“

Pastorin Dr. Karoline Läger-Reinbold referierte über das Landeskirchenmotto „Zeit für Freiräume“

Dr. Karoline Läger-Reinbold
Dr. Karoline Läger-Reinbold
Der iChor
Der iChor
Gerd-Florian Beckert
Gerd-Florian Beckert
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Zeit für Freiräume – das schreibt sich die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers für das Jahr 2019 auf die To-do-Liste. Um nämlich die Punkte auf dieser Liste mit voller Kraft abarbeiten zu können, müssen wir alle ab und zu mal raus aus dem Hamsterrad, mal innehalten, achtsam mit uns selbst umgehen. Jeder weiß das, kaum jemand hält sich dran, inzwischen gibt es unzählige Ratgeber unterschiedlichster Färbung zu diesem Thema.
Für Christen gibt es dafür seit jeher ein eigentlich einfaches Rezept. Sechs Tage sollst du arbeiten, am siebten Tag aber ruhen. Ganz einfach eigentlich. Daran erinnerte auch Dr. Karoline Läger-Reinbold am vergangenen Freitag beim ökumenischen Empfang der Kirchen in Herzberg. Eingeladen von der ev.-luth. Nicolai-Kirchengemeinde, der ev.-luth. Christus-Kirchengemeinde, der röm-kath. St. Josef-Kirchengemeinde, der ev.-freikirchlichen Gemeinde und der Landeskirchlichen Gemeinschaft analysierte sie, warum uns diese Freiräume im Alltag eigentlich verloren gehen.
Bereits in der Begrüßung machte Pastor Gerd-Florian Beckert deutlich, dass es neben der To-do-Liste eigentlich auch eine Tut-mir-gut-Liste geben müsste, damit wir die Balance zwischen Arbeit und Gelassenheit wahren können. Für Gelassenheit vor und nach dem Vortrag sorgte an diesem Abend vor allem der iChor unter der Leitung von André Wenauer mit deutschen Popsongs und hinterher natürlich der Sektempfang mit Buffet, der zu ungezwungenen persönlichen Gesprächen einlud und wie immer von vielen schon lange erwartet wurde.
Lange zurück dachte auch Karoline Läger-Reinbold, die zu einer Zeit in Herzberg Pastorin war als man sich noch entscheiden musste, ob man ins Internet oder telefonieren wollte, als man noch nicht immer und überall erreichbar war und als die Digitalisierung noch in den Kinderschuhen steckte. Dabei ist das alles noch gar nicht so lange her, stellte sie fest, doch der Fortschritt hat uns in den letzten Jahren geradezu überrollt. „Vieles ist besser und einfacher geworden“, betonte sie, „doch die Zeit, die wir angeblich gewonnen haben, steht uns gar nicht zur Verfügung.“
Zwar werden wir von einer immerwährenden Beschleunigung getrieben, mit der wir oft kaum noch mithalten können, doch gerade die neue Vielfalt an Möglichkeiten erfordert eben auch Zeit, sich zu entscheiden und alles zu durchblicken. Unternehmen wie Banken wälzen durch angebliche Erleichterungen wie Onlinebanking vieles auf ihre Kunden ab. Wenn wir am Computer arbeiten, checken wir erst einmal die sozialen Netzwerke, bevor wir uns an die eigentliche Arbeit machen. Insgesamt findet also auch eine Zerstreuung statt, die uns nicht selten vom Wesentlichen abhält und auch unser Sozialverhalten ändert.
Seit den 1970ern wird bei uns von Stress als Problem gesprochen. Dabei sei die Unruhe uns Menschen seit jeher eigen. Sie ist eine Reaktion auf Veränderungen und je rasanter sich die Welt ändert, desto größer wird natürlich auch die Unruhe, die dann als Stress empfunden wird. Seit der Vertreibung aus dem Paradies sei das eine „Grundgegebenheit unserer Existenz“, so die Referentin. Ruhe erscheint uns heute nicht selten als Stillstand, als Trägheit, denn nur dem Tüchtigen gehört die Welt.
Inzwischen ist Überlastung ein gesamtgesellschaftliches Problem und Unterbrechungen sind daher dringend notwendig. Das Rezept dazu lieferte Gott uns im Grunde schon bei der Schöpfung als er am siebten Tag ruhte und auch uns sagt, dass wir den Feiertag achten sollen. Nicht um des Feiertags willen, sondern unseretwegen. Wir brauchen diese Pausen, diese Auszeiten, dieses Innehalten. Und während der freie Sonntag unsere Gesellschaft lange prägte, hat sich zugunsten von Produktivität inzwischen viel geändert.
Als Landesbischof Ralf Meister sich dieses Thema für die Landeskirche wünschte und sie beauftragt wurde, es vorzubereiten, habe sie sich mit manchem schwer getan, erzählte Karoline Läger-Reinbold. Weil es eben kaum möglich ist, jemandem eine Anleitung zu geben, wie er diesen Ausstieg aus dem Hamsterrad gestalten soll. Es ist nun einmal ein sehr individuelles Thema und dafür könne es keine allgemeingültigen Konzepte geben. Daher kann das Jahr der Freiräume auch kein weiterer Punkt auf einer To-do-Liste sein. Doch das Bewusstsein dafür zu schaffen und auch deutlich zu machen, dass die Besinnung Bestandteil unseres Glaubens ist und umgekehrt aus dem Glauben auch Kraft geschöpft werden kann, das ist durchaus eine wichtige Aufgabe für die Kirche.
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