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Dienstag, 25. Juni 2019
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Geschrieben von Mareike Koch (Kirchenkreis Harzer Land) am 04. November 2015
Kirchen

„Unter Leute gehen – egal was andere sagen“

Teil 8 der Serie Willkommenskultur des Kirchenkreises Harzer Land: Ayla Polley entschied sich für ein Leben in einem anderen Land – und gibt Tipps zur Integration

Seit 2012, nach über 40 Jahren in Deutschland, deutsche Staatsbürgerin: Ayla Polley.
Seit 2012, nach über 40 Jahren in Deutschland, deutsche Staatsbürgerin: Ayla Polley.
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Ayla Polley ist vor 46 Jahren aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Nicht als Flüchtling, sondern ganz bewusst. „Ich ließ meine Eltern und meine zwei Schwestern zurück. Das fiel mir nicht leicht. Am Anfang konnte ich kein Wort Deutsch. Ich habe in einem Heim in Osterode gelebt mit Blick auf den Friedhof“, erzählt die heute 73-Jährige. Durch das deutsche Fernsehprogramm brachte sie sich viel selbst bei. „Es hilft ein Sprung ins kalte Wasser – die Kinder zum Sport zu bringen, unter Leute zu gehen, sich nicht abzukapseln – egal was andere sagen“, beschreibt Ayla Polley, wie ihr die ersten Schritte der Integration gelangen.

 

Am besten ins kalte Wasser springen

Einen großen Anteil daran hatten sicherlich auch ihr Mann Friedel, den sie 1972 heiratete, und ihr gemeinsamer Sohn Maik. „Mein Mann ist bekannt, wie ein bunter Hund und hat mich überall mit hingenommen und vorgestellt. Er ist aber nur die ersten vier Wochen mit zum Einkaufen gegangen. Dann musste ich das allein tun. Ich habe dann im Laden gesagt: Ich möchte bitte genau das Gleiche, wie die Dame vor mir“, erzählt die gebürtige Türkin lächelnd. Auch bei der Fahrschule hat ihr Mann sie einfach abgesetzt: „Mir hat keiner geholfen – aber ich wollte auch keine Hilfe“, sagt sie resolut.

Zunächst arbeitete Ayla Polley beim damals in Osterode ansässigen Radiohersteller Blaupunkt. Dort lernte sie auch Friedel kennen. Später folgten Arbeitsstellen bei der Holzfabrik Knolle, der Pinselfabrik Richter und in den Seniorenheimen Diedrich und Stiemerling. „Denn meine zwei Diplome als Fußpflegerin, die ich aus der Türkei mitgebracht hatte, wurden hier leider nicht anerkannt“, erklärt Ayla Polley, die seit 1972 in Scharzfeld lebt. Dort fügte sie sich gut ins Vereinsleben ein, sang sieben Jahre im Gesangverein und spielt noch immer gerne mit drei Freundinnen Rommee.

 

Fünf Monate Training für den Einbürgerungstest

Vor vier Jahren, mit 69, wollte sie es nochmal wissen und beantragte die deutsche Staatsbürgerschaft. „Die 33 Fragen über Kultur, Politik, Geschichte, und, und, und waren weiß Gott nicht leicht. Auch ein Rechtschreibtest und eine mündliche Prüfung gehörten dazu. Ich musste ein Bild mit Blumen im Hintergrund beschreiben und sagte: Dahinter ist Grünzeug. Darüber haben sich die Prüfer sehr amüsiert“, sagt Ayla Polley lachend. Ihr wurden Fragen gestellt wie: Was ist die Fünf-Prozent-Hürde? Oder: Was passierte am 9. November 1938 in Deutschland? „Woher soll das jemand wissen, der noch nicht so lange in Deutschland ist?“ fragt sich die Deutsche, die ihre Urkunde zum Erhalt der Deutschen Staatsbürgerschaft nach fünf langen Monaten Training, Tests und Kosten von 900 Euro endlich am 1. Februar 2012 in den Händen hielt.

Auch Glaube ist für Ayla Polley wichtig, aber streng gläubig war ihre Familie früher nie. Das Tragen eines Kopftuches war keine Pflicht. „Ich lebe nach dem Koran, aber in einer Moschee beten muss ich nicht. Meinen Glauben brauche ich niemandem zu zeigen. Das mache ich für mich in meinen eigenen vier Wänden“, findet sie. Trotzdem geht sie auch gerne in die Kirche, wenn eine besondere Veranstaltung ist. „Manche Lieder in der Kirche singe ich mit, andere nicht, dann gucke ich zu“, sagt Ayla Polley. So einfach ist das.

 

Ein Artikel aus der Serie „Willkommenskultur“ des Kirchenkreises Harzer Land über Flüchtlingshilfe und Willkommenskultur in der Region. Weitere Artikel folgen in lockeren Zeitabständen.


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