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Freitag, 23. August 2019
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Geschrieben von Christian Dolle am 06. Juni 2019
Kultur und mehr

Wenn die Gummibärenbande zu Bollywoodmusik im Nebel um die Birke tanzt

Sascha Storz präsentierte die Autoren Norman Liebold und André Ziegenmeyer

Sascha Storz
Sascha Storz
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André Ziegenmeyer
André Ziegenmeyer
Norman Liebold
Norman Liebold
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Ein langer Arbeitstag neigt sich dem Ende entgegen, doch noch steht ein weiterer Termin an. Eine Lesung mit Vernissage. „Kunst trifft Kunst“, so das Motto, Fotograf Sascha Storz präsentiert einige seiner Bilder und gleich zwei Autoren. Ohne große Motivation steige ich ins Auto und mache mich auf den Weg in Richtung Bad Sachsa.
Aus dem CD-Player erklingt Jimi Hendrix und hebt meine Laune wenigstens ein bisschen. Das ist Kunst, wie ich sie mag, auf welche Art von Kunst ich gleich treffe, weiß ich ehrlich gesagt gar nicht so genau. Gut, Sascha Storz ist ein großartiger Fotograf, vor allem einige Schwarzweiß-Arbeiten, die ich von ihm kenne, haben mich ziemlich begeistert. Aber Motive rund um Bad Sachsa? Und mit den Autoren habe ich mich ehrlich gesagt bis jetzt kaum beschäftigt. Norman Liebold soll in verschiedenen Genres schreiben, vom Gesellschaftsroman bis zum Kunstmärchen. Und André Ziegenmeyer schreibt wohl humorvolle Alltagserzählungen oder so.
Für die Musik sorgt Markus Mau, den ich als eine Hälfte des Glorious Gentlemen's Orchestra kenne und zuletzt auf irgendeiner Gala als Act gegen die Langeweile erlebt habe. Na, ob er Jimi Hendrix das Wasser reichen kann, mal sehen.
Als ich ankomme, ist im Photostudio Storz zwar viel los, aber alles noch Vorbereitungen für die Veranstaltung, die Sascha in dieser Form auch zum ersten Mal macht. Um nicht blöd im Weg herumzustehen, sehe ich mir erst einmal die Fotos an. Analog fotografierte Birken, viel Nebel und ziemlich melancholische Stimmung. Das alles auf Birkenholz gedruckt und damit deutlich anders als alles, was es sonst so im Internet oder in der Dekoabteilung diverser Baumärkte zu sehen gibt. Okay, also hier brauche ich schon mal nicht den beflissenen Kunstkenner zu spielen, die Bilder beeindrucken mich wirklich.
Wenn die Literatur jetzt aber dazu passt, dann könnte es doch ein ziemlich anstrengender Abend werden. Langsam füllt sich der Raum, für einen Montagabend kommen doch erstaunlich viele Gäste und kurz darauf beginnt Markus dann mit „Always look on the bright side of life“. Nicht gerade das, was Jimi gespielt hätte, aber definitiv das, was ich mir zum Motto nehme, wenn die Texte auch nur ansatzweise so melancholisch sind wie die Fotos.
Tatsächlich beginnt André Ziegenmeyer dann mit einem Text über die „Flotte Lotte“, die sich zur Überraschung des Erzählers (und auch zu meiner) als Küchengerät herausstellt. Weiterhin fabuliert er über vielsagende und sinnentstellende Schreibfehler in seinem Job als Journalist. Hey, Moment mal, wie kann dieser Typ, den ich nicht kenne, so treffend aus meinem Leben erzählen?
In Norman Liebolds erstem Text geht es um einen Park, in dem eine ältere Dame von Passanten kopfschüttelnd angeguckt wird, weil sie ständig mit sich selbst spricht. Die Blicke bleiben aus als schließlich auch Businesstypen mit Headsets den Park als Aufenthaltsort für ihre Mittagspausen entdecken, in denen sie natürlich trotzdem noch einige wichtige Telefonate führen müssen. Auch das ist hintersinniger Humor, wie ich ihn mag und allmählich wähne ich mich wirklich auf der bright side of life.
Dann stellt sich heraus, dass beide Autoren genug Texte dabei haben, um auf den des anderen zu reagieren und plötzlich stelle ich fest, dass hier nicht nur Kunst auf Kunst trifft, sondern diese auch miteinander interagiert und daraus eine Eigendynamik, also neue Kunst entsteht. Sogar Sascha liest schließlich einen eigenen Text, denn er hat kürzlich angefangen, das Leben seines Vaters – der sogenannte „Schnulzenkönig“ Erich Storz – in Kurzgeschichten aufzuschreiben. In der, die er liest, geht es um eine Begegnung mit dem Namensvetter Honecker in der ehemaligen DDR und auch die trifft meinen Geschmack.
Im Folgenden liest Norman ein Märchen, das sich als bissige Satire auf politische Verhältnisse herausstellt, einen Text aus einem Buch, dessen Cover bei Amazon zensiert wurde, und einen weiteren, in dem es, nun ja, um Kacke geht. Ein in der Weltliteratur unterrepräsentiertes Thema, aber bei ihm tatsächlich lustig. André steuert noch eine Geschichte bei, in der er von seiner kleinen Tochter bzw. der Elternzeit erzählt, die ihn zum Zombie aus The Walking Dead macht, und beichtet dann in einem Live-Hörspiel mit der eingespielten entsprechenden Musik seine Liebe zu Bollywoodfilmen. Zwischendurch spielt Markus Songs wie „The unknown stuntman“, besser bekannt als Titelsong aus „Ein Colt für alle Fälle“, oder auch „Disney's Gummibärenbande“, bei dem dann plötzlich ziemlich viele im Publikum „Gummibären hüpfen hier und dort und überall...“ mitsingen.
Es dauert noch eine ganze Weile bis ich sehr spät an diesem Abend wieder im Auto sitze und mich auf den Heimweg mache. Wie um alles in der Welt soll ich bloß aus dieser großartig skurrilen Mischung einen ernsthaften feuilletonistischen Pressetext machen? Ein Ding der Unmöglichkeit. Aber, Jimi, diese Unvorhersehbarkeit, diese Mischung verschiedener Elemente, die eigentlich gar nicht zusammen passen, dieser Abend, an dem spontan etwas Einzigartiges entstand – das ist vermutlich genau der Umgang mit Kunst, den du dir für die Zukunft gewünscht hättest.

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