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Montag, 25. Mai 2020
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Geschrieben von Detlef Hänsel am 09. Januar 2020
Kultur und mehr

Es hat sich ausgeküsst!

30 Jahre Deutsche Einheit: Reflexionen zur friedlichen Revolution in einer Kunstmaschine

Das Objekt „Mauerspechte“ ist eines der Exponate der Ausstellung, die noch bis Ende Januar 2020 bei der Zukunftswerkstatt Herzberg zu sehen ist.
Das Objekt „Mauerspechte“ ist eines der Exponate der Ausstellung, die noch bis Ende Januar 2020 bei der Zukunftswerkstatt Herzberg zu sehen ist.
Blick in die Maschine.
Blick in die Maschine.
Mauerspechte im Visier.
Mauerspechte im Visier.

Zum Thema „30 Jahre Deutsche Einheit, 30 Jahre friedliche Revolution“ stellen derzeit in der Zukunftswerkstatt Herzberg Künstler aus „Ost und West“ gemeinsam aus. Zu den Ausstellenden gehört auch Detlef Hänsel, der damals selbst in der DDR lebte, jetzt aber seit vielen Jahren in Bad Lauterberg zu Hause ist. „Dieser dreißigste Jahrestag ist es sicher wert, dass sich alle Bundesbürger mit Dankbarkeit daran erinnern“, sagt Hänsel. In 2020 werde es bestimmt noch viele politische Statements dazu geben, und den Kulturschaffenden biete dieses Ereignis ebenfalls reichlich Stoff. „Deshalb habe ich zum Thema friedliche Revolution das kinetische Objekt ,Mauerspechte‘ geschaffen.“

Dieses Objekt ist ebenfalls in der Herzberger Ausstellung zu sehen. Detlef Hänsel erklärt selbst, was es damit auf sich hat:

„Friedliche Revolution und Mauerfall hatten 2019 ihr dreißigstes Jubiläum. Anlass zum Reflektieren. Wie geht man als bildender Künstler damit um? Kann ich das in einem kinetischen Objekt unterbringen? Ich habe es versucht, und herausgekommen sind meine „Mauerspechte“.

Zur Erinnerung: Mauerspechte wurden diejenigen genannt, die am Tag der Öffnung der Berliner Mauer mit Hämmern auf und an der Mauer herum pickten. Ein Symbol für die „Spaltung“ und Zerstörung dieser Mauer, und auch ein Eldorado für Souvenirjäger.

Für 28 lange Jahre war diese Mauer, das Symbol der deutschen Teilung. Ein in Beton gegossenes Schandmal eines stalinistischen Unrechtssystems – kalt, grau menschenverachtend, tödlich.

Auf schwarzen Grund stelle ich zwei Bruchstücke der gespalteten, geöffneten Mauer. Ein trauriger Ort, an dem mehr als 100 Menschen bei ihrer Flucht aus der DDR erschossen wurden. Meine Mauerfragmente sind bebildert. Links Leonid Breschnew, rechts Erich Honecker, beim „sozialistischen Bruderkuss“ gestört und auseinandergerissen.

Auf der West-Seite war die Berliner Mauer kilometerweit bemalt. Der Moskauer Maler Dimitri Wrubel hatte 1990 sein Graffito „Der Bruderkuss“ fertiggestellt. Als Vorlage diente ihm dabei das Foto „Le Baiser“ des Pressefotografen Bossu. Dieser hatte 1979 während der Feierlichkeiten zum 30. Jahrestag der Gründung der DDR Breschnew und Honecker beim öffentlichen Bruderkuss abgelichtet. Dimitri Wrubel hat sein Bild mit „Gott hilf mir, diese tödliche Liebe zu überleben“ untertitelt, wohinter sich auch ein privates Liebesleid verbarg.

Doch diese für so viele Menschen tödliche „Bruderliebe“ zwischen der ehemaligen Sowjetunion und dem DDR-Regime wurde erst 1989 endgültig beendet. Aber nicht Gott hat die Menschen in der DDR davon befreit. Mit der Politik der Perestroika (Umbau) von Michail Gorbatschow hat der Zerfall des ehemaligen Ostblocks in den 1980er Jahren begonnen. Die friedlichen und massenhaften Montagsdemonstrationen (in meiner Arbeit die zahlreichen Figuren aus Überraschungs-Eiern) haben 1989 letztlich das marode DDR-Regime gestürzt.

So hatte es sich definitiv „AUSGEKÜSST!“

Nicht alle meiner Demonstranten und friedlichen Revolutionäre, sprich Überraschungs-Eier-Figuren, verbleiben vor der Mauer. Ein Teil davon bewegt sich rechts daran vorbei. Zehntausende Menschen sind 1989 schon vor dem Fall der Berliner Mauer aus der DDR geflohen. Im Sommer 89 habe ich mich dieser Bewegung über Tschechien, Ungarn und Österreich angeschlossen.

Warum nun ausgerechnet Figuren aus Überraschungseiern als Symbol für die friedlichen Montagdemos? Stellt das nicht eine Abwertung dieser Bewegung dar? Ursprünglich hatte ich an Playmobil-Figuren gedacht, und zwar nur an einen Arbeiter im Blaumann und mit Bau-Helm. Ein Ziel der sozialistischen Indoktrinierung bestand ja darin, das Individuum zu unterdrücken, es im Kollektiv zu vereinheitlichen und sich letztlich verlieren zu lassen. Dazu hätte der „vereinheitlichte“ Playmobil-Mann gut gepasst. Aber glücklicherweise war es dem DDR-Regime in 40 Jahren nicht gelungen, die Individualität und Vielfältigkeit der Ost-Deutschen zu unterdrücken. Deshalb diese Vielfalt, Farbigkeit und auch Fröhlichkeit der verwendeten Figuren.

Hinzu kommt noch, dass die Arbeit „Mauerspechte“ zu meinem Werkzyklus „Crazy-toys“ gehört. Crazy-toys sind hauptsächlich kleine Kunstmaschinen, in denen die bewegende Mechanik mit Technik aus Metallbaukästen realisiert wird und in denen Kinderspielzeuge und Figuren aller Art assembliert werden. Crazy-toys sind also sowohl kinetische „Spielzeugkunst“, als auch Kunstspielzeuge. Nicht zu vergessen: Im Spiel liegt sehr viel Ernst, und ohne Humor wäre Vieles nicht zu ertragen.

Bleiben wir also beim Spielzeug. Jeder kennt das Kinderspielzeug „pickende Hühner“ – auf einer Holzscheibe sitzen drei Hühnerfiguren, aus Sperrholz gesägt, über Schnüre mit einem darunter hängenden Gewicht verbunden. Dreht man das Ganze in der Hand, beginnen die Hühner der Reihe nach zu picken. So auch in meiner kinetischen Skulptur. In Ermangelung von Specht-Figuren wurden meine drei Hühner einfach zu Mauerspechten „befördert“ und auf die Mauerkrone montiert. Angetrieben wird dieser Mechanismus durch ein kleines Räderwerk aus Teilen eines „eitech“-Metallbaukastens.

Das kleine Maschinchen sprengt meine Mauer geradezu auseinander und zwängt sich somit zwischen die beiden sich vormals Küssenden. Außerdem treibt sie noch ein kleines Karussell an. Wie bei jeder Revolution gibt es neben den Verlierern und Gewinnern auch noch Gewinner der Premium-Klasse. Letztere, besonders tüchtige Wendehälse, Glücksritter und „Bereicherer“ aller Couleur, drehen sich rasant auf dem Geld- und Machtrausch-Karussell.

Akustisch wird die ganze Szenerie durch Original-Geräusche der friedlichen Revolution untermalt.

 

Das ganze Spektakel können Sie per Knopfdruck noch bis Ende Januar 2020 im Laden der Zukunftswerkstadt Herzberg in der Hauptstraße 58 in Bewegung setzen. Er ist geöffnet donnerstags von 17 bis 19 Uhr und samstags von 10 bis 12 Uhr.

In diesem Sinne: „Die Mauer muss weg! SED das tut weh! Stasi raus! WIR SIND DAS VOLK!“


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