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Sonntag, 17. Oktober 2021
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Geschrieben von Christian Dolle am 17. September 2020
Kultur und mehr

Dreckiger als alle Vorgänger

Rezension zu „Harzkinder“ von Roland Lange

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Autor Roland Lange, hier mit dem Vorgänger-Roman
Autor Roland Lange, hier mit dem Vorgänger-Roman

Eine Frau, deren Sohn in den 80er Jahren in der DDR entführt wurde. Jetzt, fast 40 Jahre später trifft sie auf einen Mann, den sie als ihr Kind zu erkennen glaubt. Voller Emotionen heuert sie einen zwielichtigen Privatdetektiv an, der die Vergangenheit ans Licht bringen soll. Bald allerdings wird klar, der Detektiv hat selbst eine dunkle Vergangenheit und jener Mann, den sie für ihren Sohn hält, steckt heute tief im Sumpf der rechten Szene.
„Harzkinder“ ist der neue Krimi von Roland Lange. Den Anstoß zum Schreiben, so sagt er selbst, gab ihm seine Recherche über Zwangsadoptionen in der ehemaligen DDR. Daraus jedoch entwickelt er einen Thriller, der gleichermaßen erschreckend aktuell wie atemberaubend spannend  und hintergründig ist.

Keineswegs ein beschaulicher Regionalkrimi

Für Roland Lange sollte dieses Buch in einem neuen Verlag in gewissem Sinne ein Neuanfang sein. Er ist bekannt für seine Harzkrimis um Kommissar Ingo Behrends, die immer gut konstruiert, aber eben mit einer guten Prise Humor sowie Lokalkolorit geschrieben und daher gut und leicht zu lesen sind. Zwar spielt auch „Harzkinder“ logischerweise im Harz, jedoch an verschiedensten Orten, die im Grunde nur die Kulisse für den authentisch wirkenden Fall bilden. Mit dem, was viele unter Regionalkrimi verstehen, hat das nichts zu tun.

Dieses Buch wirkt sehr viel dreckiger als Langes Vorgänger, die Figuren sind vielschichtiger und vor allem ambivalenter, keine Normalos oder strahlenden Helden, sondern allesamt ein wenig gebückt durch die Lasten der Vergangenheit. Insbesondere beim Detektiv ist lange nicht klar, ob er überhaupt eine positive oder negative Figur in der Geschichte ist.
Vor allem die Geschichte selbst aber ist keinesfalls beschaulich, wie man es im Harz vielleicht erwarten könnte, denn von Anfang an geht es knallhart zur Sache. Neonazis, von denen einige mit dem Verfassungsschutz in Kontakt stehen, während andere auf grausame Weise ermordet werden. Sozusagen als Kontrast dazu die Mutter, die nie die Hoffnung aufgab, ihren entführten Sohn zu finden.
Sie wiederum wird sehr gefühlvoll geschildert, jedoch nicht ohne eine gewisse Bitterkeit, beispielsweise, wenn sie ihrem Mann freudestrahlend berichtet, den verlorenen Sohn gesehen zu haben, und dafür nur ein desinteressiertes „schon wieder?“ erntet. All das ist packend beschrieben, ebenso wie der erfreulich differenziert charakterisierte Neonazi, der an den Parolen zweifelt, aus Sorge um seine Familie aber nicht aus der Szene aussteigen will, wobei all das ohne den sonst oft obligatorischen moralischen Zeigefinger daherkommt.
Insgesamt stecken viele Denkanstöße über Gesellschaft, Politik, Geschichte und Haltung in diesem Buch, doch dabei legt es genug Tempo vor, um diese nicht quälend auszuwalzen, sondern bleibt immer vor allem ein Spannungsroman, der von Anfang bis Ende neugierig auf die nächste Seite macht. Genaugenommen nicht nur das, denn nach einem wirklich explosiven Finale bleiben noch genug Fragen offen, die auf eine Fortsetzung und auf eine horizontal erzählte Storyline einer neuen Serie hoffen lassen.


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