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Donnerstag, 25. April 2019
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Geschrieben von Christian Dolle am 01. Oktober 2014
Kultur und mehr

Mordsharz mit internationaler Besetzung

Abwechslungsreiche Krimilesungen in Wernigerode, Goslar und Bad Lauterberg

Herausragende Krimi-Kulisse: Die Schmiede des Weltkulturerbes Rammelsberg in Goslar.
Herausragende Krimi-Kulisse: Die Schmiede des Weltkulturerbes Rammelsberg in Goslar.
Marc Elsberg.
Marc Elsberg.
Kathrin R. Hotowetz.
Kathrin R. Hotowetz.
Tatjana Kruse.
Tatjana Kruse.
Stefan Holtkötter.
Stefan Holtkötter.
Andreas Gruber.
Andreas Gruber.
Helmut Exner.
Helmut Exner.
Elisabeth Herrmann.
Elisabeth Herrmann.

Mit manchen Lesungen sei es wie mit einem guten Konzert – anschließend höre man die CD mit anderen Ohren beziehungsweise lese das Buch mit anderen Augen. So ähnlich drückte Mordsharz-Organisator Christoph Lampert sich aus und beschrieb die Faszination des Festivals damit sehr treffend. Drei Tage lang rockten mehrere Autoren die Bühnen und zeigten zum Teil völlig neue Facetten des Genres Krimi. Tatjana Kruse bewies am Freitag (19.09.2014) in Wernigerode, dass Literatur auch Stand-Up-Comedy sein kann und Andreas Gruber überraschte am Samstag (20.09.2014) in Goslar mit einer schaurig-skurrilen Sexgeschichte. Am Sonntag (21.09.2014) schließlich fand das Krimifestival auf dem Bad Lauterberger Hausberg einen würdigen Showdown.

 

Der Freitag in Wernigerode

Den Anfang in der Remise in Wernigerode machte Kathrin R. Hotowetz mit ihrer Krimi-Saga „Im Schatten der Hexen“. Begleitet von der Band Brigandu entführte sie auf die mystische Seite des Harzes mit unerklärlichen Geschehnissen, giftigen Pflanzen und verschwundenen Kindern. Nicht zuletzt dank des Kulturklint war die Veranstaltung gut besucht. Erstmals wurden beide Veranstaltungen gekoppelt, was sich auch künftig als Erfolgsmodell erweisen könnte.

„Eigentlich brauche ich gar keinen Tisch, ich stehe lieber“, ersparte Tatjana Kruse den Organisatoren anschließend den Umbau auf der Bühne. Und mit genau dieser unkomplizierten Direktheit stellte sie auch ihr Buch „Sticken, stricken, strangulieren“ und ihren Kommissar Seifferheld vor. Fast schon kabarettistisch anmutend trug sie mehr oder weniger frei eine absurde Szene nach der anderen vor und ließ ihr Publikum kaum Zeit zum Luftholen. „Als Autor hat man ja weder Einfluss auf den Titel noch auf das Cover und somit auch nicht auf den Gartenzwerg, den der Verlag vorne draufdruckte, obwohl im ganzen Buch kein Zwerg vorkommt“, erzählte sie zwischendurch immer wieder Anekdoten aus dem Leben einer gebeutelten Schriftstellerin. „Da ich in Fachkreisen ohnehin schon als schwierig galt, schrieb ich im zweiten Seifferheld-Krimi dann einen Gartenzwerg rein.“

Dass im Rahmen des Kulturklint anschließend noch der Politkabarettist Klaus Pawlowski auftrat, passte wunderbar, im besten Sinne angeheizt war das Publikum jetzt allemal.

 

Der Samstag in Goslar

Für den Samstag in Goslar hatten sich die Organisatoren Susanne Kinne, Roland Lange und Christoph Lampert in diesem Jahr für den Rammelsberg entschieden. Das ehemalige Bergwerk erwies sich als herausragende Krimi-Kulisse, wie sie auch dank Leinwand und farbigem Licht atmosphärischer kaum sein konnte.

Den Anfang machte hier der in Berlin lebende Stefan Holtkötter mit seinem Politthriller „Todeskabinett“. Einblicke in die echten Verstrickungen hinter der hauptstädtischen Politfassade hätten ihn zu der Geschichte inspiriert, erläuterte er. Die kam dann auch glaubwürdig daher, vor allem aus der Perspektive der Tochter eines Senators geschildert, die dank der öffentlichen Strahlkraft des Vaters keine Beziehung zu ihm aufbauen kann und somit auch nur bedingt trauert als dieser auf ungeklärte Weise ums Leben kommt.

Mit einer Szene aus seinem Thriller „Herzgrab“ schlug der aus Österreich stammende Andreas Gruber schließlich härtere Töne an und ließ sein Opfer gefesselt in einem Keller auf seinen Mörder warten. Danach stellte er eine komplette Kurzgeschichte vor, die in einem Altenheim spielt, wo sein Held Essen ausliefert, eigentlich jedoch an die Reichtümer der älteren Damen herankommen will. Um sein Ziel zu erreichen schreckt er auch nicht davor zurück, sich auf eine heiße Nacht mit einer Achtzigjährigen einzulassen, was Gruber in charmantem Wienerisch genüsslich und erschreckend detailliert schilderte. Zwischen Lachen und Gruseln musste das Publikum miterleben, wie der Höhepunkt zum letzten für die alte Dame wurde.

Der prominenteste Autor des Abends war unumstritten sein Landsmann Marc Elsberg, dessen technikkritischer Thriller „Zero“ gerade die Bestsellerlisten erobert. Erschreckend realistisch verknüpft er eine Krimihandlung mit realistischen Schilderungen, wie Daten in der modernen Welt gesammelt, verkauft und zum Schaden vieler eingesetzt werden können. Ausgehend vom Enttarnen eines Verbrechers mit einer Datenbrille sprach Elsberg über Muster und Manipulationen, wie sie heute schon in der Werbung eingesetzt werden und leicht auf andere Lebensbereiche übertragen werden können.

„Ihre Bank kann mit hoher Wahrscheinlichkeit herausfinden, ob sie sich in den nächsten fünf Jahren scheiden lassen“, behauptete er und sorgte somit für ein Gruselgefühl der anderen Art. Wenn Programme längst in der Lage sind selbstständig zu lernen, bedeutet das auf lange Sicht eine Wende kopernikanischen Ausmaßes für die Menschheit, stellte er seine unbequeme These auf. Damit warf er viele Fragen unter seinen Zuhörern auf und diskutierte noch lange über verschiedene durch Technisierung und Globalisierung angestoßene Entwicklungen, die sich heute schon nicht mehr aufhalten lassen.

 

Der Sonntag in Bad Lauterberg

Das letzte Kapitel des diesjährigen Mordsharz spielte auf dem Hausberg in Bad Lauterberg. Mit der preisgekrönten Bestsellerautorin Elisabeth Herrmann, die sich als brillante Sprecherin und zudem als Harz-Fan erwies, fand das Krimifestival dort einen würdigen Showdown.

Zunächst einmal stellte jedoch Helmut Exner seinen neuen Harzkrimi „Alfies Bestattungsladen“ vor. Obwohl der Sonntagmorgen nicht die typische Zeit für Krimi ist, war die Lesung gut besucht, die Fans des Autors gespannt auf seine neuen aberwitzigen Ideen. So war die Krimihandlung dann auch wieder durchzogen von skurrilen Charakteren und absurden Episoden, diesmal rund um ein Bestattungsinstitut, dessen Inhaber nicht immer den pietätvollen Anforderungen seines Berufsstandes gerecht wird. Auch alte Bekannte aus vorherigen Büchern, allen voran natürlich Lilly Höschen, tauchten auf und sorgten für etliche Lacher.

Während der Pause kam Elisabeth Herrmann auf dem Hausberg an und vertiefte sich mit den Organisatoren Susanne Kinne, Roland Lange und Christoph Lampert in ein ungezwungenes Gespräch. Als die drei dabei feststellten, dass ein Roman der Autorin im Harz spielte, ließ sie sich überreden, nicht nur wie geplant aus „Versunkene Gräber“, sondern auch aus „Schattengrund“ ein Stück vorzulesen.

Überhaupt sei sie häufig im Harz, da sie hier familiäre Wurzeln habe und die besondere Atmosphäre hier sehr schätze. In einem Interview sprach sie außerdem über die Verfilmungen ihrer Romane um den Anwalt Joachim Vernau mit Jan Josef Liefers sowie über ihre Vorliebe für Geschichten, die den reinen Unterhaltungscharakter der Gattung sprengen.

Mit ihrer Lesung entführte sie dann ins Nachbarland Polen und auf jenen Friedhof, auf dem das Schicksal der Kriegsvertriebenen bis heute nicht vergessen ist. Beeindruckend beschwor sie dabei die Stimmung der gelesenen Szenen herauf und bannte ihre Zuhörer durch einen Vortrag, der jedes Hörbuch als unzureichende Kopie erschienen ließ. Bei der anschließenden Szene aus „Schattengrund“, die auf einem verschneiten Wanderweg zum Brocken spielte, hatte es fast den Anschein als würde es auch auf dem Hausberg um einige Grad kühler werden.

Begeistert war am Ende auch Schriftstellerkollege Andreas Gruber, der am Tag zuvor in Goslar gelesen hatte und seinen Aufenthalt im Harz spontan um einen Tag verlängert hatte. „Er fragte mich, ob ich ihn abholen könne, was ich natürlich gerne getan habe“, erzählte Roland Lange, „Im Auto hatte ich eine CD von Flaming Row laufen und Andreas Gruber war sofort begeistert, dass wir im Harz auch tolle Rockmusik zu bieten haben. Das sind die besonderen Mordsharz-Momente und der Grund, warum ich mich jedes Jahr auf das Festival freue.“

 

Zum Auftakt des Mordsharz Literaturfestivals las Drei-???-Autor Christoph Dittert in den Herzberger Central-Lichtspielen. Außerdem gab es in Wernigerode Aufführungen des Kinder-Mitmach-Musicals „Mr. Pig und das Geheimnis des Einhorns“ von Frank Bode und Roland Lange.


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