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Mittwoch, 17. Juli 2019
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Geschrieben von ski am 13. November 2014
Kultur und mehr

Worte sind Macht: Als die Menschen ihre Sprache befreiten

Universitätstage: Dr. Ehrhart Neubert beleuchtete in seinem Vortrag die Umstände, die zum Fall der Mauer führten

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In Bad Lauterberg  war der 12. November quasi das Datum des Mauerfalls. Die Grenze war offen, und die Feuerwehr fuhr durch die Stadt und gab bekannt, dass in Kürze die ersten Gäste aus Nordhausen eintreffen würden. Zu diesem historischen Datum fand der dritte Vortrag im Rahmen der Universitätstage des Kulturkreises Bad Lauterberg statt. Und nicht nur die Vorsitzende Renate Dittmar, auch Pastor Helmut Sassenberg, der in das Thema einführte, erinnern sich noch lebhaft daran. Ein historisches Datum, das allen noch ganz nah ist. Das war auch zu merken an den persönlichen Beiträgen in der dem Vortrag angeschlossenen Diskussion.

"Es war nicht alles schlecht in der DDR - die Witze waren gut", sagt einer, der so kompetent wie kaum ein anderer von der friedlichen Revolution 1989 erzählen kann: Dr. Ehrhart Neubert hat sich nicht nur als Historiker mit dem Mauerfall beschäftigt, sondern ist auch als Pastor dabeigewesen und hat die gesamte Entwicklung aus der Innenperspektive erlebt - von dem Schweigen der DDR-Bürger zu Anfang bis zu "Wir sind das Volk"-Rufen. Denn die Sprache ist ein Machtmittel, und diese lag zunächst wie alle Machtmittel komplett in den Händen der SED. Wie damals im privaten Kreis ganz anders gesprochen wurde als in der Öffentlichkeit, welche Floskeln erwartet und stets wiederholt wurden, welche Sprachregelungen es für Journalisten, pardon, Volksberichterstatter, gab - Neubert zeigte lebendig und detailliert auf, wie Herrschaft über die Sprache hergestellt wurde. Da wurden ganze Begrifflichkeiten gekapert, um Legitimität zu beschwören - Volkspolizei, Volksarmee, Volksgericht.... - und stets war klar, wie die offizielle Sprache zu verstehen war. Die Verlautbarungen der Partei wurden mit den Jahren immer mehr formalisiert und phrasenhaft. Dafür wurden die Witze, die man sich hinter vorgehaltener Hand erzählte, immer subtiler und subversiver. Der Witz, das war die zweite Sprache, die gesprochen wurde; er spiegelte die zweite Realität wieder.
"Eine geregelte, tabuisierte Sprache regelt auch das Denken", erklärte Neubert.  "Doch im Herbst 1989 begannen die Bürger plötzlich zu sprechen".

Dem war allerdings ein langer Prozess vorausgegangen, der bei den Friedensgebeten begonnen hatte: die Bürger begannen allmählich, immer freier zu sprechen.  Zunächst nur innerhalb dieser kleinen Räume, dann immer stärker auch außerhalb. Flugblätter mit Gedichten wurden gedruckt, Parolen auf Plakate geschrieben. Und während der ersten Demonstrationen hieß die vorsichtige, defensive Losung der Bürger noch "Wir sind keine Rowdys", später wurde man dann mutiger, bis hin zu der Losung "Wir sind das Volk", die die Legitimation des Regimes zurückweist. "Die Leute nahmen die SED-Sprache auf und drehten sie um".  Die babylonische Sprachverwirrung, die dann einsetzte, während der SED die Macht zusehends entglitt, fand schließlich ihren berühmten Höhepunkt in dem Gestammel eines unsicheren Günter Schabowski. Als er schließlich vor laufenden Kameras die neuen Ausreiseregelungen verkündete, wurden seine Worte von der Bevölkerung längst ganz anders ausgelegt , als von der SED beabsichtigt. Das Volk hatte sich die Deutungshoheit über die Sprache zurückerobert.

Eine Ausnahme in der Geschichte - eine friedliche Revolution ohne Blutvergießen hatte ein autoritäres Regime beendet. Schade, dass zu dem Vortrag 25 Jahre danach vergleichsweise wenige Besucher gekommen waren - die Zuhörer konnten nicht nur die Geschichte wieder erleben, sondern bekamen auch einen neuen Blickwinkel auf die damaligen Ereignisse:  unfreie Sprache und die Macht der freien Rede.


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