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Donnerstag, 13. August 2020
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Geschrieben von Boris Janssen am 22. April 2015
Kultur und mehr

Komm auf die Insel, Schätzchen

Achtung: Der folgende Text über das neue Programm der Stillen Hunde enthält keinen Spoiler

Auf dem Weg zur Schatzinsel: Long John Silver an Deck des Segelschiffes. Mit Hilfe des Dreibeins wird der Fiesling einbeinig.
Auf dem Weg zur Schatzinsel: Long John Silver an Deck des Segelschiffes. Mit Hilfe des Dreibeins wird der Fiesling einbeinig.
Stefan Dehler als John Silver.
Stefan Dehler als John Silver.
Als vernarbter Billy Bones liegt Christoph Huber schnell am Boden und erfährt ebenso eine „Seebestattung“…
Als vernarbter Billy Bones liegt Christoph Huber schnell am Boden und erfährt ebenso eine „Seebestattung“…
…wie später der blinde Pew. Der braucht zum Glück des Publikums kein Augenlicht zum Lesen.
…wie später der blinde Pew. Der braucht zum Glück des Publikums kein Augenlicht zum Lesen.
Dr. Livesey denkt nach.
Dr. Livesey denkt nach.
Der nervige Papagei verlangt andauernd nach „Dukaaaaaten“.
Der nervige Papagei verlangt andauernd nach „Dukaaaaaten“.
Die Piratinnen vom Stadtmarketing (von links) Janine Schröter, Ute Engelmann und Doralies Baltzer…
Die Piratinnen vom Stadtmarketing (von links) Janine Schröter, Ute Engelmann und Doralies Baltzer…
…hatten wieder einen gelungenen Abend mit kulinarischer Pause vorbereitet.
…hatten wieder einen gelungenen Abend mit kulinarischer Pause vorbereitet.

Nein, wir verraten nicht, dass auf dieser ominösen Insel mit dem „Krähennest“ ein großer Schatz versteckt sein soll, nie im Leben. Wir wollen uns doch nicht mit diesem zwielichtig-merkwürdig-komischen Typen herumschlagen müssen, die Robert Louis Stevenson vor über 130 Jahren erfand und die nun im Bad Lauterberger Haus des Gastes der Presse drohen. Denn die plaudere ja bestimmt nur wieder alles brühwarm aus. Nee, lieber nicht. Wir wollen deshalb auch gar nicht erst auf den alten Schmöker „Die Schatzinsel“ eingehen, den Generationen von Lesern wahlweise als ganz großes Abenteuer oder als abgrundtiefe Langeweile empfinden. Warum auch? Die szenischen Lesungen der Stillen Hunde aus Göttingen bieten weder das eine noch das andere – sondern ein ganz eigenes Vergnügen. Ein Stille-Hunde-Vergnügen eben. Die Fans lieben es.

Für ihre diesjährige Tour durch Südniedersachsens Bibliotheken haben sich die Schauspieler Stefan Dehler und Christoph Huber also Stevensons Klassiker vorgenommen. Das Ergebnis präsentierten sie am Samstag (18.04.2015) auf Einladung der Bad Lauterberger Stadtbücherei im Vortragssaal des Haus des Gastes. Hinterher war das Publikum zufrieden, die Stillen Hunde hatten wieder ihre perfekte Mischung aus inhaltlichem Spaß und professionellem Ernst getroffen.

 

Eine Mischung aus Monty Python und „Nackter Kanone“

Diese Mischung wirkt zuweilen, als hätten sich Monty Python und die Macher der „Nackten Kanone“ zusammengeschlossen. Inhaltlich dient der Klassiker vor allem als Aufhänger für einen Abend voller Albernheiten und Absurditäten. Der wiederum lebt in erster Linie von dem unvergleichlichen Spiel auf unterschiedlichen Ebenen. Da muss das Publikum schon mal Trinklieder mitgrölen, fleißig rudern oder aber einen Kapitän und, nun ja, Ziegen mimen. Da zieht Jim Hawkins im 19. Jahrhundert aus der geheimnisvollen Truhe eine Jogging-Jacke von Adidas – und eine echte Seemannsbraut, also eine Gummipuppe. Mit der weiß er natürlich nichts anzufangen, aber logisch, sie wird später noch zum Running-Gag werden. Immer wieder verwickeln die einzelnen Figuren, aber auch Huber und Dehler als sie selbst das Publikum in Gespräche, machen Witze mit aktuell-politischem oder kenntnisreich-lokalem Bezug. Und wie immer streiten sich die Schauspieler darum, wer denn nun besser performt („Schauen Sie lieber auf mich – da haben Sie mehr davon.“).

An so einem Abend passiert es dann schon mal, dass Blinde plötzlich lesen können oder das Textbuch als Stütze zweckentfremdet wird, weil der Schauspieler mit vorlagengemäß nur drei Fingern an der Hand so schlecht aus der Amphore trinken kann. Da kommt dann angesichts der aufgeblasenen Dame irgendwann auch die Frage auf, wie denn noch gleich die Beate-Uhse-Version der Schatzinsel heißt („Komm auf die Insel, Schätzchen. Oder so ähnlich.“).

Ja, das ist manchmal schon reichlich albern. Dennoch, die Stillen Hunde machen sich mit ihren Bearbeitungen nicht über die Klassiker lustig. Ganz im Gegenteil – gerade in den ernsthaften Momenten, wenn sich alle vom Lachen erholt haben, fällt auf, wie liebevoll und durchdacht die so improvisiert daherkommende Inszenierung in Wirklichkeit ist. Das Bühnenbild besteht nur aus einem Gestänge, einem Tuch, zwei Hockern, sechs Baustellenlampen an langen Strippen und besagter Truhe. Das alles ist so geschickt angeordnet, dass es ohne Umbau eine Gastwirtschaft abgibt, ein großes Schiff samt Segel und Takelage oder eine Landschaft mit Bäumen und Berg. Und wenn Stefan Dehler auf der Truhe sitzt, sich bedächtig hin und her wiegt, das Holz der Truhe zum Knarzen bringt, dann braucht man kaum noch Phantasie, um Jim Hawkins im kleinen Ruderboot auf dem großen Meer zu sehen.

 

„Frau Baltzer darf nicht in Rente gehen“

Wirklich ernst wurden die Stillen Hunde dann ganz zum Schluss, nach der Vorstellung. Nachdem sich Büchereileiterin Doralies Baltzer bei den beiden für viele tolle Auftritte seit dem Jahr 2000 bedankt hatte, blickte Christoph Huber durch das Lichtloch im Vortragssaal in den ersten Stock, dorthin, wo im Zuge des Umbaus im Haus des Gastes irgendwann einmal die seit Monaten geschlossene Bücherei hinziehen soll. Diese architektonische Merkwürdigkeit hatten die beiden zuvor schon zu einigen Pointen verarbeitet („Das wird der Whirlpool für das Kurbad.“). Jetzt mahnte Huber die Stadt: „Wir können Bad Lauterberg nur dringend dazu raten, die Bibliothek zu behalten.“ Und, fast noch wichtiger: „Frau Baltzer darf nicht in Rente gehen.“ Wer sollte sich dann um die Bücherei kümmern? Oder den wie immer mit Pausensnack perfekt organisierten Stille-Hunde-Abend? Nein, das geht einfach nicht. Auch wenn Baltzers letzter Arbeitstag eigentlich schon im kommenden Herbst ansteht. Aber das verraten wir sicherheitshalber lieber nicht.


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