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Geschrieben von PM am 08. Januar 2016
Kultur und mehr

Der Geist von „Charlie Hebdo“

Suzanne Bohn spricht im Päda Bad Sachsa über François Cavanna, einem Mitbegründer des französischen Satiremagazins

Der traurige Mohammed vom ersten „Charlie Hebdo“-Titel nach dem Terrorangriff ist zum Jahrestag des Attentats in vielen Zeitungen als Symbol verwendet worden – hier der Ausschnitt einer Karikatur zur Karikatur aus der Sonderausgabe der deutschen taz.
Der traurige Mohammed vom ersten „Charlie Hebdo“-Titel nach dem Terrorangriff ist zum Jahrestag des Attentats in vielen Zeitungen als Symbol verwendet worden – hier der Ausschnitt einer Karikatur zur Karikatur aus der Sonderausgabe der deutschen taz.
François Cavanna im Jahr 2005 auf einer Buchmesse. (Quelle: s. Artikelende)
François Cavanna im Jahr 2005 auf einer Buchmesse. (Quelle: s. Artikelende)

In diesen Tagen jährt sich das Attentat auf die Redaktion des französischen Satiremagazins „Charlie Hebdo“ in Paris zum ersten Mal. Dieses geschichtliche Datum haben Kulturforum Bad Sachsa und Pädagogium Bad Sachsa als Anlass für eine gemeinsame Veranstaltung genommen: Suzanne Bohn hält einen aufrüttelnden Vortrag über François Cavanna, der einer der Gründer von „Charlie Hebdo“ war.

Suzanne Bohn bringt Originalzitate und zeigt Charlie-Hebdo-Zeichnungen von Cavanna und versucht auch, das Attentat und seine „Entstehungsgeschichte“ einzubeziehen. Ihr Vortrag gewinnt durch die neuerlichen Terrorattentate in Paris im vergangenen November an Dynamik und Relevanz. Sie erzählt anschaulich und fesselt mit ihrer intensiven Vortragsweise, warnt aber auch, dass die Veranstaltung nichts für „sehr sensible oder humorlose Seelen“ ist.

„Humor ist nicht harmlos“, hat Cavanna einmal gesagt. „Humor ist grausam. Humor zieht blank, urteilt, kritisiert, geißelt und tötet.“ Und Suzanne Bohn beweist, dass „Charlie Hebdo“ genauso gearbeitet hat und auch jetzt – nach den neuerlichen Anschlägen in Paris – so arbeitet.

Die Veranstaltung findet in Kooperation von Kulturforum Bad Sachsa und Pädagogium Bad Sachsa am Donnerstag, 14. Januar 2016, um 19 Uhr in der Aula des Pädagogiums statt.

Der Eintritt ist frei.

 

Suzanne Bohn über ihre Begeisterung für François Cavanna  

„Im Sommer 2013 traf ich bei einer meiner Führungen im Frankfurter Goethehaus auf eine Besucherin, eine Literatur-Übersetzerin, mit der ich die Gelegenheit hatte, mich anschließend noch ausgiebig zu unterhalten. Wir sprachen über Literatur und sie verriet mir, dass ihr französischer Lieblingsautor François Cavanna sei.

François Cavanna, der Mitbegründer und Chefredakteur von „Hara-Kiri“ und dessen Nachfolger „Charlie Hebdo“.

Ich hatte Cavanna noch nie gelesen. Diese Bildungslücke galt es augenblicklich zu schließen. Umgehend bestellte ich mir zwei Bücher von ihm: „Les Ritals“ und „Mignonne, allons voir“ (eine Grammatiklektion in Französisch – herrlich gut gemacht!).

Ich war so angetan von seinem Stil (einnehmend, authentisch, humorvoll, derb, sehr derb, anders, ein eigentlich sentimentaler Mann, der Dinge zu erzählen hat und sie zu erzählen weiß), dass ich mir (fast) alle seine Bücher beschaffte: „Les Ruskoffs“, „Maria“, „Bête et méchant“, „Les yeux plus grands que le ventre“, „Coups de sang“, „Lune de miel“. Ich war so angetan, dass ich in jenem Sommer 2013 daran dachte, François Cavanna in mein Repertoire aufzunehmen.

Doch den Deutschen erklären zu müssen, was „Charlie Hebdo“ ist, schien mir eine fast unmögliche Mission. Zu umfangreich, zu französisch, zu rabelaisien, also zu brutal, dachte ich. Denn wenn wir in Frankreich das Land des feinen Geistes, der eleganten Ironie sind (verkörpert vom Meister der Ironie, Sacha Guitry), so sind wir auch das Land der grob-sexistischen Andeutungen, der brutalen abstoßenden Anmache, der vulgären Witze, alles zusammengefasst unter dem Begriff „esprit gaulois“ (in der besten Tradition von François Rabelais und glänzend illustriert unter anderem vom Komiker Coluche). „L´esprit gaulois“ ist eine französische Spezialität, die als solche nicht ins Strafregister fällt (so die Justizministerin Elisabeth Guigou in ihrem Buch „Etre femme en politique“). „Charlie Hebdo“ fällt in letztere Kategorie. Das zu vermitteln schien mir sehr schwer.

Ja, und dann kam mir die Geschichte zur Hilfe: Der Anschlag auf „Charlie Hebdo“ im Januar 2015. Die darauf folgende Berichterstattung, das große Interesse für diese Zeitschrift („Je suis Charlie“) hatten die Aufklärungsarbeit für mich übernommen. Zwei Jahre nach meiner ersten Begegnung mit ihm, möchte ich Ihnen François Cavanna vorstellen.

Es wird nicht um „Charlie Hebdo“ gehen, sondern vordergründig um François Cavanna und um die Frage, wie wird der schüchterne Sohn eines italienischen Maurers, der des Französischen nicht mächtig war, und einer französischen Putzfrau, selber Arbeiter in jungen Jahren, zum Chefredakteur einer der bissigsten, provozierendsten Satirezeitschriften Frankreichs, die permanent rote Zahlen schrieb, genauso regelmäßig verboten wurde und deren Produktion elf Jahre lang eingestellt wurde (in dieser Zeit schrieb Cavanna seine autobiographischen Bücher, welche so erfolgreich waren, dass er sich und seiner Familie ein Haus bauen konnte). Eine spannende Vita.“

 

Fotonachweis:

Foto oben: Boris Janssen
François Cavanna:
Oscar J. Marianez (Personal photo) - Polmars at fr.wikipedia (Own work) [CC BY-SA 2.0 fr (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/fr/deed.en)], from Wikimedia Commons 2005


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