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Sonntag, 20. Oktober 2019
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Geschrieben von Peter Bischof am 23. August 2019.
Politik

Was kann Osterode von Herford lernen?

Bei der Stadtentwicklung einen Dominostein anstoßen – die anderen fallen dann fast von allein

Jens Augat, Bürgermeisterkandidat der SPD in Osterode (r.), führte Tim Kähler, Bürgermeister der Stadt Herford, bei den über 30 Zuhörern ein. (Fotos: Peter Bischof)
Jens Augat, Bürgermeisterkandidat der SPD in Osterode (r.), führte Tim Kähler, Bürgermeister der Stadt Herford, bei den über 30 Zuhörern ein. (Fotos: Peter Bischof)
Der Alte Markt in Herford ist ein schöner großer Platz in der Innenstadt, der aber durch die Busse und dem Busbahnhof völlig zugestellt war.
Der Alte Markt in Herford ist ein schöner großer Platz in der Innenstadt, der aber durch die Busse und dem Busbahnhof völlig zugestellt war.
Ziel war, den Platz verkehrsfrei zu machen, damit es ein Ort ist, an dem sich Menschen gern aufhalten.
Ziel war, den Platz verkehrsfrei zu machen, damit es ein Ort ist, an dem sich Menschen gern aufhalten.
Die Zuhörer verfolgten aufmerksam, mit welchen Konzepten die Stadt Herford erfolgreich war.
Die Zuhörer verfolgten aufmerksam, mit welchen Konzepten die Stadt Herford erfolgreich war.
„Die Kinder sind aus dem Haus, der Hund ist tot, das Häuschen im Grünen wird nicht mehr gebraucht. Aber eine kleine Wohnung im Zentrum der Stadt ist jetzt ideal.“ Tim Kähler trug seine Ideen sehr anschaulich vor.
„Die Kinder sind aus dem Haus, der Hund ist tot, das Häuschen im Grünen wird nicht mehr gebraucht. Aber eine kleine Wohnung im Zentrum der Stadt ist jetzt ideal.“ Tim Kähler trug seine Ideen sehr anschaulich vor.
Auch der ehemalige Kaufhof mit seiner typischen Bauweise aus den Siebzigern mit viel Beton störte das Stadtbild erheblich.
Auch der ehemalige Kaufhof mit seiner typischen Bauweise aus den Siebzigern mit viel Beton störte das Stadtbild erheblich.
Mit Hilfe eines Investors wurde das Kaufhof-Gebäude aufgestockt und darauf Wohnungen gebaut.
Mit Hilfe eines Investors wurde das Kaufhof-Gebäude aufgestockt und darauf Wohnungen gebaut.

Es gehe nicht nur um den Kornmarkt, sondern darum, ein Gesamtkonzept für die Stadt zu entwickeln, sagt Jens Augat, SPD-Bürgermeisterkandidat für die Stadt Osterode. Er lud deshalb am Mittwoch (21.08.2019) zum „Stadtgespräch“ in das Café Klatsch ein. Mit Tim Kähler, Bürgermeister der Stadt Herford, hatte er einen kompetenten Referenten gefunden, der über das  Städtebauliche Entwicklungskonzept seiner Stadt berichtete.

Man müsse über den Tellerrand schauen, sehen, wer wo erfolgreich sei, so Jens Augat. Deshalb habe er Tim Kähler eingeladen, da Herford mit seiner Entwicklung  sogar überregionale Schlagzeilen im Handelsblatt und in der Süddeutschen Zeitung gemacht habe. Denn Herford kann inzwischen den Zuzug junger Menschen vermelden, seit die Stadt als Wohn- und Wirtschaftsstandort positiv wahrgenommen werde.

 

„Wenn Sie so eine Bauruine wegmachen, sagen die Leute: Aha, da passiert was.“

Tim Kähler, Bürgermeister Herford

 

Nach 18 Uhr traf man Leute, die man nicht treffen wollte

Tim Kähler ist seit fünf Jahren Bürgermeister in Herford. Bei seinem Amtsantritt habe er einem Stadtrundgang initiiert und viele Leerstände, Baulücken und eine hohe Unzufriedenheit in der Bevölkerung mit der eigenen Stadt wahrgenommen, so Tim Kähler. Nach ‪18 Uhr habe man in der Innenstadt zwar noch Leute getroffen, aber „das waren solche, die man nicht treffen wollte.“

Angesichts der aktuell nötigen Sanierungs- und Investitionsprojekte habe man dann einen Masterplan Innenstadt aufgestellt. Dabei wurden drei Fragen in den Vordergrund gerückt:

1. Wie schaffe ich Orte und Plätze, an denen die Menschen gern sein wollen und sich aufhalten wollen?

2. Wie schaffe ich eine hohe Aufenthaltsqualität, die dazu führt, dass die Menschen – parallel zum Internet – sozusagen nebenbei einkaufen. Man müsse, ergänzte Tim Kähler, die Menschen vor die Schaufenster der Geschäfte bringen, damit sie hineingehen und einkaufen.

3. Was heißt überhaupt hohe Einkaufs-Qualität? Parallel dazu müsste man zudem über ein Parkraum- und ÖPNV-Konzept nachdenken.

Daraufhin sei der Masterplan für Herford entstanden, für die Innenstadt habe man drei Themenbereiche herausgearbeitet:

1. Herford dynamisch: Wirtschafts- und Einzelhandelsfunktion der Innenstadt, zum Beispiel Verbesserung von Fußgängerzone, Plätzen und Einzelgebäuden.

2. Herford kulturell: kulturelle Besonderheiten, zum Beispiel Anbindung einiger Stadtviertel und Plätze an die Innenstadt.

3. Herford ans Wasser: Vervollständigung der Wall-Umgestaltung und neue Zugänge zum Wasser.

Tim Kähler schickte seinen dann folgenden Beispielen voraus, dass sein Konzept für Herford mit seinen über 65.000 Einwohnern und der Nähe zu Bielefeld passend sei, aber natürlich große Unterschiede zwischen Osterode und Herford bestünden. Man müsste sich deshalb in Osterode heraussuchen, was für diese Stadt passend sei.

 

Irgendwann muss man entscheiden

Und noch zwei Ratschläge hatte er: Entscheidend sei zwar, die Bürger einzubinden, aber irgendwann müsse man auch entscheiden und anschließend dazu stehen. Weiter sei wichtig, nicht alles auf einmal zu versuchen, sondern an einer Stelle anzufangen und dann Stück für Stück die Stadt weiterzuentwickeln. „Wenn man erstmal einen Domino-Stein umgestoßen hat, fallen die anderen meist von selbst“, prophezeite Tim Kähler. Man müsse einen Ort oder Platz „schön machen, damit die Nächsten sagen, das wollen wir auch so haben.“ Wichtig sei, eine positive Stimmungslage zu erzeugen.

Zu dem „schön machen" gehöre in erster Linie ein einheitliches Bild. Es nütze nichts, wenn zum Beispiel bei der Außengastronomie der eine Wirt Plastikstühle vor die Tür stelle und der nächste gediegene Korbsessel.

Dieses alles habe man in Herford bei der Neugestaltung einer Straße, der Bäckerstraße, berücksichtigt. Es gibt dort unter anderem eine freizuhaltende Laufzone, einen kontrastreichen Ausbau, großformatiges Pflaster und eine effiziente Ausleuchtung, das heißt, die Straßenbeleuchtung ist oben über der Mitte der Straße platziert, die Straße wird abends in erster Linie durch die Schaufenster erleuchtet.

Wichtig sei bei allen Vorhaben, dass die Stadt vorangehe, als erstes investiere, auch mit Hilfe von Fördergeldern. Seine Erfahrung sei, so Kähler, dass dann von ganz allein Investitionen von Privatleuten erfolgten. Er habe das „Umwegrendite“ genannt.

 

Einzelhandel und  Gastronomie

Dabei gelte es zudem, sowohl eine Einzelhandels-Konzentration als auch die Gastronomie-Orientierung im Auge zu behalten. Nur mit diesem Zusammenspiel könne man erfolgreich sein. So sei in Herford als erstes ein Platz entstanden, ein Kleinod mit einem Café, einer Bibliothek und Bücherei und einem Platz für spielende Kinder.

Die Menschen kämen hier gern hin, würden im Café am Morgen ihre Zeitung lesen und am Nachmittag Kaffee und Kuchen genießen, während die Kinder spielten.

„Wir haben hier gezielt einen Einzelpunkt gesetzt“, so das Stadtoberhaupt. „Es war so eine Art erster Dominostein. Entscheidend war auch, dass wir mit dem schwierigsten Teil angefangen haben.“

 

Parallelen Kino-Ruine und Busparkplatz

Auch wenn Kähler vorausgeschickt hatte, dass sich Herford und Osterode doch erheblich unterschieden, so erkannten zumindest die rund 30 Zuhörer bei den Themen Busparkplatz und Kino-Ruine  eindeutige Parallelen zwischen den beiden Städten.

„Wenn Sie so eine Bauruine wegmachen, sagen die Leute: Aha, da passiert etwas.“ in Herford ist sie weg. Auch der Alte Markt in Herford sei ein schöner großer Platz in der Innenstadt, der aber durch die Busse und dem Busbahnhof völlig zugestellt war. „Viele Städte kranken daran, dass sie Dinge in den 70er Jahren gemacht haben, die heute überhaupt nicht mehr passen. Wir haben gesagt, der Platz wird verkehrsfrei, der Busbahnhof gehört an die Bahn. Hierzu haben wir ein innovatives ÖPNV-Konzept entwickelt, markante Fragen waren der Bau eines großen Kreisverkehrs am Bahnhof, damit der Busbahnhof dorthin verlegt und der ÖPNV besser an die Schiene angebunden werden kann. Das Thema war hart umstritten, aber Fördermittel für ein Verkehrskonzept wurden bewilligt.“

 

Kleine Wohnungen für die 2. Lebensphase

Ähnlich sei es mit der Kaufhof-Ruine gewesen. Auch so eine typische Bauweise aus den Siebzigern mit viel Beton. Mit Hilfe eines Investors habe man das Gebäude aufgestockt und darauf Wohnungen gebaut. „Wohnungen für Leute in der zweiten Lebensphase. Die Kinder sind aus dem Haus, der Hund ist tot, das Häuschen im Grünen wird nicht mehr gebraucht. Aber eine kleine Wohnung im Zentrum der Stadt ist jetzt ideal“, so Kähler.

In Herford habe sich anfangs auch die Frage gestellt, wie bekomme man überhaupt Leute in die Stadt. „Wir haben Konzerte zwischen 16 und 20 Uhr veranstaltet, damit hinterher noch Zeit ist, dass die Zuhörer die Gastronomie besuchen können.“

Schließlich sei die Frequenz in der Innenstadt gestiegen, das habe man messen lassen. Die Stadt sei zwar bei den Kosten in Vorleistung gegangen, habe aber letzten Endes von den Gesamtinvestitionen lediglich ein Fünftel beisteuern müssen.

70 Prozent seien Fördermittel, bei den restlichen 30 Prozent seien neben der Stadt die Bürger beteiligt. Denn wenn man einen Impuls setze, sei die Erfahrung, dass private Investoren aufspringen. Man müsse Erfolge produzieren, damit andere auf den Zug aufspringen.

 

Erfolge produzieren, dann machen die Nächsten mit

Das sei sicherlich auch das mögliche Konzept für Osterode, denn die Stadt sei schön, habe altes Fachwerk und einen großen Platz, aus dem man etwas machen könne, machte Kähler Mut. Aber eines sei auch klar: ohne professionelle Hilfe gehe es nicht. Das gelte für die Bürgerbeteiligung, für die Dokumentation, um Transparenz zu schaffen und schließlich auch für die Planungen.

Denn die Stadt-Entwicklungspolitik müsse eine runde Sache sein, parallel zur Wirtschaftspolitik. Die Firmen brauchen gute Mitarbeiter, die vor Ort wohnen sollten, einkaufen und Steuern zahlen. Das funktioniere nur, wenn man selbst als Stadt attraktiv sei, wenn man sich wie Herford gegen Bielefeld oder wie zum Beispiel Osterode gegen Göttingen behaupten müsse.

„Man muss es versuchen“, so Tim Kähler. „Denn die Alternative ist: Ich dreh den Schlüssel um und mache die Stadt zu.“ Argumente aus dem Publikum wie Kaufland als Innenstadtkiller oder das Bad  Lauterberger Konzept „Autos in die Fußgängerzone“ ließ Kähler übrigens nicht gelten. Es gehe in der Innenstadt allein um eine hohe Aufenthaltsqualität. Und man brauche Geduld: „Ich schaffe in drei Jahren nicht, was zwanzig Jahre versäumt wurde.“

In Osterode sei man nach diesen interessanten Ansätzen aus Herford noch gespannter, was die demnächst vorgelegten Konzepte für die Kornmarkt-Neugestaltung bringen werden, schloss Jens Augat die Veranstaltung.

 

Zur Person: Tim Kähler

Tim Kähler wurde 2004 Sozialdezernent in Bielefeld und 2010 zusätzlich Erster Beigeordneter und damit auch Stellvertreter des Oberbürgermeisters. Er hat  Politikwissenschaften und Öffentliches Recht studiert. Anschließend war er im Europäischen Parlament in Brüssel tätig. In Berlin und Bonn war er Referent bei der Sozialdemokratischen Gemeinschaft für Kommunalpolitik im Bund. Er ist gebürtiger Bremer, er ist verheiratet und hat drei Kinder.


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