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Mittwoch, 17. Juli 2019
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Geschrieben von Peter Bischof am 24. März 2019
Region

Die Natur baut die neue Wildnis

Ranger Thomas Beck wirbt beim Grünkohlessen des SPD Ortsvereins Herzberg für die Ziele des Nationalparks Harz

Nationalpark-Ranger Thomas Beck bei seinem Vortrag zum Thema „Baustelle Natur“. Foto: SPD Herzberg
Nationalpark-Ranger Thomas Beck bei seinem Vortrag zum Thema „Baustelle Natur“. Foto: SPD Herzberg
Eigentlich sei Totholz doch ganz schön, fragte Thomas Beck die Zuhörer. Foto: Nationalpark Harz
Eigentlich sei Totholz doch ganz schön, fragte Thomas Beck die Zuhörer. Foto: Nationalpark Harz
Natur Natur sein lassen, das Motto in großen Teilen des Nationalparks Harz. Foto: Nationalpark Harz
Natur Natur sein lassen, das Motto in großen Teilen des Nationalparks Harz. Foto: Nationalpark Harz
Die Grünkohlzeit sei zwar fast vorbei, aber man habe das traditionelle gemeinsame Essen unbedingt noch durchführen wollen, sagte Steve Scholtyseck.
Die Grünkohlzeit sei zwar fast vorbei, aber man habe das traditionelle gemeinsame Essen unbedingt noch durchführen wollen, sagte Steve Scholtyseck.
Der Chef kam selbst: Andreas Engelmann sorgte für ein gelungenes Grünkohlessen.
Der Chef kam selbst: Andreas Engelmann sorgte für ein gelungenes Grünkohlessen.
Das Essen schmeckte auch den Lonauer Genossen.
Das Essen schmeckte auch den Lonauer Genossen.
Neben Vortrag und Essen blieb auch Zeit für intensive Gespräche.
Neben Vortrag und Essen blieb auch Zeit für intensive Gespräche.

Die Grünkohlzeit sei zwar fast vorbei, aber man habe das traditionelle gemeinsame Essen unbedingt noch durchführen wollen, sagte Steve Scholtyseck, der Vorsitzende des SPD Ortsvereins Herzberg, zur Begrüßung der Gäste im
Dorfgemeinschaftshaus Lonau. Ursprünglich sei die Veranstaltung mit dem Europaabgeordneten Bernd Lange als Hauptredner bereits für Mitte Februar geplant gewesen. Doch aufgrund von Terminüberschneidungen habe man kurzfristig einen neuen Termin finden müssen.
Umso mehr freute sich der Vorsitzende, dass mit Thomas Beck, seit 25 Jahren Ranger im Nationalpark, ein kompetenter Vortragender gefunden worden sei. „Ich möchte erklären, welche Ziele der Nationalpark hat, und welche Ursachen  heutige Waldbilder haben", begann  Thomas Beck seinen Vortrag.

Natur Natur sein lassen

„Im Nationalpark gilt ,Natur Natur sein lassen’ als gesetzliches Prinzip. In der Nationalpark-Kernzone soll sich deshalb die Natur ohne menschliche Eingriffe frei entfalten können. Das sind aktuell 60 Prozent der Gesamtfläche des Parks, bis 2022 sollen es 75 Prozent sein.“
In der restlichen Fläche würden unterstützende Wald-Entwicklungsmaßnahmen durchgeführt, so Thomas Beck. Hier werde die Auflockerung von standortfremden Fichtenbeständen durch die Pflanzung von Buchen und anderen Laubbäumen unterstützt.
Denn die menschlichen Eingriffe der Vergangenheit hätten den Artenmix der Wälder  verändert. Gerade im Harz finde man in den tieferen Lagen viele Fichten statt der eigentlich hier heimischen Buchen. Dies sei dem damaligen intensiven Bergbau geschuldet. „Früher hatte man im Harz mehr Holz unter der Erde als über der Erde", so Thomas Beck.

Immenser Holzbedarf der Bergwerke

Denn der Holzbedarf in den Bergwerken sei immens gewesen. Um die abgeholzten Waldflächen auch in den tieferen Lagen kurzfristig wieder zu bepflanzen, seien die schnell wachsenden Fichten genommen worden. „Bei einer normalen Entwicklung wachsen Fichten in den höheren Lagen und in den tieferen Laubbäume, insbesondere Buchen.“ 
Der Nationalpark unterstützte deshalb in einigen Bereichen den Wandel des Waldes, so würden in den ehemaligen Fichtenforsten in den mittleren und tieferen Lagen junge Buchen angepflanzt. Sie sollen auch als Samen-Bäume der nächsten Waldgeneration dienen. „Ziel ist die Rückkehr zu den ursprünglichen Laubwäldern", so Thomas Beck.

Frühere Anpflanzungen falsch konzipiert

Die Fichtenmonokulturen im Harz seien inzwischen zwischen 80 und 100 Jahren alt, alles eine Altersklasse mit wenig Abwechslung im Wald. Hier fände der Borkenkäfer ideale Bedingungen vor. „Die Anpflanzungen waren früher sicherlich gut gemeint, aber leider falsch konzipiert", blickte Thomas Beck zurück. Denn eigentlich müsse das alles Mischwald sein. So aber fielen dem Borkenkäfer jetzt ganze Fichten-Populationen zum Opfer.
„Aber es ist erstaunlich, wie schnell die Natur reagiert und in welch kurzer Zeit wieder Wald nachwächst. Die Natur schafft neuen Wald, aber nach eigenen Regelungen. Nach relativ wenigen Jahren ist unter den abgestorbenen Fichten eine neue Vielfalt herangewachsen.“

Verständnis bei den Führungen wecken

Die Ranger würden genau das bei ihren Führungen erklären. Alles getreu dem Motto „Baustelle Natur: Hier baut die Natur die neue Wildnis“.  „Wir müssen die Gesamtheit der Leute betreuen, die in den Harz und den Nationalpark kommen, Touristen, Mountainbiker, E-Biker, Geocacher, Wanderer. Neuerdings gibt es dann noch den neuen Trend, mit Drohnen alles noch einmal von oben zu filmen. Aber bei den meisten finden wir viel Verständnis für unsere Maßnahmen“, weiß Thomas Beck.
Es seien eher die Einheimischen, die die fehlenden menschlichen Eingriffe beklagten. Doch wo Wald war und ist, werde immer wieder Wald entstehen. Das gelte insbesondere für den Harz mit seinen durchschnittlich 260 Regentagen im Jahr.
Das häufig beklagte Totholz, dass einige lieber als Brennholz verwenden würden, werde zu Waldboden, es sei die perfekte Kreislaufwirtschaft der Natur. Hier  entwickelten sich Gräser, Moose, Farne und Blumen.

„Früher hatte man im Harz mehr Holz unter der Erde als über der Erde.“
Thomas Beck, Ranger im Nationalpark Harz.

Die Artenvielfalt nimmt schnell zu

„Besonders Spechte finden im und am Totholz zahlreiche Insekten und Larven. Wir haben aktuell die größte Artenvielfalt von Höhlenbrütern, eine Vielzahl von Spechtarten, die ihre Höhlen in die alten Bäume zimmern.“ Diese seien später bei vielen Tieren als Unterschlupf beliebt, zum Beispiel beim Raufußkauz. Auch Tannenmeisen gehörten zu den Höhlenbrütern. Sie bauen ihre Nester ebenfalls gerne in Astlöcher und Baumhöhlen. In den lichten Wäldern finden sie zahlreiche Insekten und Larven.
Das gelte auch für die Mopsfledermaus, die naturnahe, insektenreiche Wälder mit hohem Totholzanteil liebe. „Hinter der abstehenden Rinde abgestorbener Fichten zieht sie ihre Jungen auf. Kleine Vögel, aber auch kleine Säugetiere wie Mäuse oder Fledermäuse kleine Reptilien stehen wiederum auf dem Speiseplan des Sperbers, der sich ebenfalls stark vermehrt.“

In wenigen Jahren wächst neuer Wald

Auch dem Luchs und dem Fuchs kommen diese lichten Wälder entgegen, sie finden hier durch die schnell stark wachsende Population zum Beispiel von Mäusen wesentlich mehr Nahrung.
An der Grenze zu benachbarten Wirtschaftswäldern würde der Nationalpark allerdings Sicherheitsstreifen einziehen durch frühes Fällen und Abtransport des vom Borkenkäfer befallenen Holzes, dies gelte auch für morsche Bäume an beliebten und stark frequentierten Wanderwegen und an der Strecke der Brockenbahn.
Angesichts der neuen Wildnis wandele sich der Wald viel schneller als vermutet, fasste Thomas Beck zusammen. Dies könne man an der Leistenklippe/Hohnekamm, am Meineberg bei Ilsenburg und am Quitschenberg nahe Torfhaus sehen.
Dies könne man ebenfalls im Nationalpark Bayerischer Wald beobachten, der diese Entwicklung teilweise früher durchlaufen habe. Dort habe es im Jahr ‪2001 rund 3000‬ Quadratkilometer tote Waldflächen gegeben. Bis 2015 habe sich hier der Fichtenwald regeneriert und die Waldwildnis könne inzwischen touristisch genutzt werden.


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