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Sonntag, 17. Oktober 2021
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Geschrieben von Karl-Heinz Wolter am 19. September 2021
Region

Waldpädagogik für Jugendliche in der Krise

Kinder-und Jugendhilfe "Wildtrack" betreibt jetzt das Walther-Freist-Haus in Zorge

Das Klettergerüst
Das Klettergerüst
Von rechts: Dirk Markert und Holger Seidel (Erlebnistage); das Ehepaar Bartmann; Dirk Pacht, Sybille und Lothar Sause, Hans Henning
Von rechts: Dirk Markert und Holger Seidel (Erlebnistage); das Ehepaar Bartmann; Dirk Pacht, Sybille und Lothar Sause, Hans Henning
Vor dem Gelände an der Straße
Vor dem Gelände an der Straße
Die Feuerstelle
Die Feuerstelle

Die in der Gemeinde Bothel im Landkreis Rotenburg (Niedersachsen) ansässige Kinder-und Jugendhilfe  gGmbH "Wildtrack" betreibt jetzt in der Ortschaft Zorge das dortige "Haus Walther Freist", ein Waldjugendheim mit langer Tradition, was auch schon einmal als "Wiege der Waldpädagogik" bezeichnet wurde. Das Gelände mit den verschiedenen Gebäuden und Einrichtungen wurde jetzt offiziell von den bisherigen Betreibern "Erlebnistage", einer Gesellschaft zur Förderung der Erlebnispädagogik e.V., übernommen, die dieses Objekt aus wirtschaftlichen Gründen abgegeben haben.

Das im Jahr 1949 bereits gegründete Jugendwaldheim Walther Freist war das erste seiner Art überhaupt und wurde von den Landesforsten unterhalten. Der Namensgeber, der Walkenrieder Forstmeister Walther Freist, verwirklichte damals seine Idee, Jugendliche in den Wald zu holen und lebenslange Begeisterung zu wecken. So kamen in dieser Zeit etliche Gruppen nach Zorge und leisteten dabei immens wichtige Aufbauarbeit in den großenteils durch Auswirkungen des Krieges zerstörten Harzer Wäldern. Und dabei machten die Jugendlichen viele positive Erfahrungen in der Gruppenarbeit, erlebten Zusammenhalt und Geborgenheit. Und so manchem Jugendlichen dienten diese Erlebnisse damals als Hilfe zur Orientierung und Neufindung in den schwierigen Nachkriegsjahren.

Bei der jetzigen Übergabe des Hauses war sogar eine Tochter von Walther Freist, Doris Bartmann mit ihrem Ehemann Karl-Heinz Bartmann, zugegen, die sich noch gut an die Anfangsjahre dieser Zeit erinnerte, denn sie und ihre fünf Geschwister nahmen häufig am Leben im Jugendwaldheim teil und waren mitunter wichtige Gesprächspartner bei vielen Überlegungen. Frau Bartmann freute sich sehr, dass das Haus weitergeführt wird und wünschte den neuen Betreibern alles Gute. Die Namen zu den neuen Betreibern sind die beiden Geschäftsführer Lothar Sause und Dirk Pracht, die bereits einige Maßnahmen zur Renovierung und Optimierung von Gebäuden auf dem Gelände in Angriff genommen haben. In dem Bettenhaus mit den dazugehörigen Wasch- und Duschräumen können bis zu 40 Personen untergebracht werden; in der modernen Küche kann unter Anleitung selbst gekocht werden. Zentraler Treffpunkt wird auch künftig wohl der überdachte, imposante Lagerfeuerplatz sein, der einst nach Entwürfen von Jugendlichen dort aufgebaut wurde. Die Gäste können auf dem Gelände auf einer Wiese spielen, verschiedene Sport-und Freizeitangebote stehen zur Verfügung. Selbstverständlich gehören geführte Wanderungen zu dem Programm. Eine besondere Herausforderung dürfte das Erklimmen eines zwischen zwei mächtigen Fichten aufgebauten Klettergerüstes sein; eine Baumwipfel-Erfahrung der besonderen Art – ganz ohne Beton und Stahlkonstruktion. Und so können die Besucher den Wald und die Natur intensiv kennenlernen und dabei vielleicht auch ein wenig Abstand von dem auch für Jugendliche schon manchmal sehr betriebsamen Alltag gewinnen.

Und wenn es in den Anfangsjahren um die Beseitigung von Kriegsfolgen im Wald ging, sind es heute die Schäden im Harz durch Borkenkäfer und Sturm, die vielleicht durch Aktivitäten wie Neuanpflanzungen u.a. aus dem Haus Walther Freist mitgestaltet werden können. Das Unternehmen ist auch Mitglied in der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald. Der Beschäftigungsbereich und die Philosophie der Einrichtung hat sich somit kaum geändert.

Mit dem Haus in Zorge hat Wildtrack aber auch ein neues Basislager und eine Begegnungsstätte geschaffen, die Kindern und Jugendlichen hilft, wieder eine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben zu haben. Es geht dabei vornehmlich um junge Menschen, die sich aus den unterschiedlichsten Gründen in einer Krise befinden, aus der sie ohne professionelle Hilfe nicht allein herausfinden. In Zusammenarbeit mit den Jugendämtern bzw. der Jugendhilfe werden diese für mehrere Wochen aus ihrem bisherigen Umfeld herausgenommen und begeben sich hier vom Harz aus auf eine Reise "zu sich selbst", die dann weiter zur Ostsee und zum Oderbruch führt. Das Haus im Harz dient als Ort der Beruhigung wegen seiner Reizarmut und soll auch wegführen von Konsum und Medien. Selbstfindung, kennenlernen des eigenen ichs und das Erleben von Grundbedürfnissen stehen im Mittelpunkt. Dabei werden sie begleitet von dem Ranger und pädagogischem Leiter der Einrichtung, Hans Henning. Die vorhandene Energie und Aktivität bei den Jugendlichen wird dabei positiv eingesetzt. Damit wird hier der Grundstein für junge Menschen gelegt, um so wieder im Alltag Fuß zu fassen und ihren eigenen Weg zurück in die Normalität zu finden.


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