Diese Webseite verwendet Cookies. Mit der weiteren Nutzung von LauterNEUES erklären Sie sich damit einverstanden.

Freitag, 13. Dezember 2019
Login



Geschrieben von Boris Janssen am 05. Juli 2013
Region

Motorsägen und leere Brunch-Packungen

Seit einem Jahr gibt es die Selbsthilfegruppe Autismus-Osterode

295.jpg

Thorben* ist viereinhalb. Er lernt ständig neue Menschen kennen. Eines muss er dann unbedingt von ihnen wissen: „Hast Du eine Motorsäge?“ Yannick* hat ein Freundebuch im Kindergarten, schließlich hat das Jeder. Aber in Yannicks Buch darf sich kein Kind eintragen, niemand darf es mitnehmen – es ist ja sein Buch. Paul* hört gerne seine Hörspiel-CD vom „Kleinen König“. Vor allem diese eine Szene, zu der er den CD-Spieler immer wieder springen lässt – stundenlang, ohne Pause. Paul ist 14.

„Das sind halt etwas eigenwillige Ticks. Was soll’s?“ hören die Eltern oft, wenn sie von ihren Jungen erzählen. Nur, so einfach ist es nicht. Thorben, Yannick und Paul sind Autisten. Sie haben eine Entwicklungsstörung: Sie nehmen ihre Umwelt anders wahr als normale Menschen und sie können die Informationen, die auf sie einströmen, viel schlechter verarbeiten. Sie leben irgendwie in einer eigenen Welt.

Es gibt viele verschiedene Arten von Autismus. Aber manches ist auch typisch: Autisten haben große Probleme mit sozialer Interaktion und Kommunikation – sie können sich nur schwer in andere Menschen hineinversetzen und mit ihnen mitfühlen, sie können ihre eigenen Gefühle nur schwer mitteilen. Freundschaften und soziale Bindungen kennen sie kaum.

 

Sie werden groß, aber nicht erwachsen

Andererseits brauchen Autisten ihre feste Ordnung und Rituale, auch wenn diese für andere keinen Sinn ergeben. Ist etwas anders, als gewohnt, können sie große Probleme bekommen. Paul freut sich zum Beispiel immer, wenn der nächste Urlaub gebucht ist, es dann irgendwann endlich losgeht. Doch kaum sind die Koffer ins Ferienhaus getragen, fragt er: „Wann fahren wir wieder nach Hause?“ Yannick muss unbedingt „Brunch“ auf seinem Brot haben. Auf keinen Fall darf es etwas anderes sein, auch kein anderer Frischkäse. Es geht dabei nicht um den Geschmack, es geht um die Ordnung. Seine Mutter sammelt inzwischen leere Brunch-Packungen, um notfalls umfüllen zu können. Das macht niemand, dessen Kind nur mal einen Bockanfall hat.

Während sich andere Eltern damit trösten, dass die Trotzphase ihres Sprösslings sicher bald vorbei geht, wissen Thorbens, Yannicks und Pauls Eltern: Ihre Jungen müssen ihr Leben lang betreut werden. Denn kleine Autisten werden groß, sie werden stark und sie können durchaus viel lernen. Sie können Inselbegabungen entwickeln, wie es die Forscher nennen, wenn Autisten vielleicht besonders gut Kopfrechnen können, komplizierte chemische Strukturformeln aufs Blatt zaubern oder das U-Bahn-Netz von Berlin auswendig kennen. Aber wirklich erwachsen werden Autisten nicht – und auch nicht selbständig. Paul weiß schon jetzt, dass er in 25 Jahren noch immer mit seiner Mutter und der Oma jede Woche seinen kleinen Bruder zur Musikschule bringen will. Allerdings ist er dann der Fahrer und seine Mutter sitzt auf dem Beifahrersitz – so malt sich Paul seine Welt aus, wenn er 40 wird.

Eltern von Autisten haben viel zu erzählen. Darüber, was sie für Sorgen haben, was sie bedrückt, oder was sie mit ihren Kindern erleben und was vielleicht auch komisch ist. Doch sie werden von vielen Menschen nicht richtig verstanden, weil die nicht wissen, was es bedeutet, mit einem Autisten zu leben.

 

Offen über Probleme reden können

Deshalb haben sich vor einem Jahr mehrere Eltern aus der Region zur Selbsthilfegruppe Autismus-Osterode zusammengeschlossen. Hier tauschen sie sich aus über alles Mögliche: Gibt es neue Therapien? Welche Hilfestellungen können Autisten und ihre Eltern vom Staat oder von der Krankenkasse bekommen? Wie kann man Pflegemittel beantragen? Wie gehen andere Eltern in der Öffentlichkeit mit ihrer besonderen Situation um?

Nach einem Jahr zieht die Initiatorin der Gruppe Grit Bormann ein positives Fazit. „Es tut gut, sich zwanglos austauschen und gleichzeitig helfen zu können.“ Deshalb hofft sie, dass sich jetzt noch mehr Menschen, die mit Autisten zu tun haben, der Gruppe anschließen – egal ob Eltern, Geschwister oder Menschen, die auf welche Art auch immer mit Autisten arbeiten. Zum ersten Kennenlernen eignet sich am besten der Stammtisch: Einmal im Monat trifft sich die Gruppe in Bad Lauterberg bei „Taranto“. „Man kann hier auch einfach nur zu hören, niemand muss selbst etwas erzählen“, verspricht Grit Bormann. Und wenn doch, gilt für das Erzählte: „Nichts dringt nach draußen.“

Die Eltern schätzen an den Treffen vor allem eines: Offen über die eigenen Probleme reden zu können, ohne sich ständig erklären zu müssen. Schließlich wissen alle, wovon sie reden. Und nicht zuletzt geht es darum, einen fröhlichen Abend zu erleben – mit dem einem oder anderen befreienden Lachen. So wie Thorbens Mutter die „Inselbegabung“ ihres Sohnes mit Humor nimmt. Nach vielen mitgelauschten Gesprächen und unzähligen Besuchen im Baumarkt wäre sie nämlich noch zu ganz anderer Hilfestellung fähig: „Ich kann inzwischen auch gut zu Motorsägen beraten.“

*Namen geändert

 

 

Selbsthilfegruppe Autismus-Osterode

Stammtisch: jeden zweiten Freitag im Monat, 20 Uhr, im Restaurant Taranto (Butterbergstraße 2)

Ansprechpartnerin: Grit Bormann, E-Mail Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, Telefon 05524 / 86 70 60

Weitere Informationen auf der Website (externer Link) oder der Facebook-Seite  (externer Link) von Autismus-Osterode


.................................................................................................................................................

Bild der Woche