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Samstag, 24. August 2019
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Geschrieben von Boris Janssen am 01. Juni 2016
Sport

Dieter Baumann im Osteroder Olymp

Der 5.000-Meter-Olympiasieger von 1992 hat sich im Barcelona-Klima von Osterode als Entertainer in Bestform gezeigt

Der Profi muss es wissen: Dieter Baumann präsentiert, was ein Läufer so alles nicht braucht.
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Der wahre Sinn des Lebens im Olympischen Dorf: Anstecknadeln sammeln.
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Mal in Zeitlupe: Was passiert eigentlich beim Kugelstoßen?
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Medaillenauktion? Würde Dieter Baumann niemals machen – eine Goldmedaille einfach kaufen.
Medaillenauktion? Würde Dieter Baumann niemals machen – eine Goldmedaille einfach kaufen.
Was außer Laufen bei Dieter Baumann glühenden Ehrgeiz weckt, wird hier nicht verraten…
Was außer Laufen bei Dieter Baumann glühenden Ehrgeiz weckt, wird hier nicht verraten…
…nur so viel: Es hat etwas mit Löffeldrehen zu tun.
…nur so viel: Es hat etwas mit Löffeldrehen zu tun.
Dieter Baumann beantwortet gerne die Fragen des Publikums – und auch gerne mit einem Augenzwinkern.
Dieter Baumann beantwortet gerne die Fragen des Publikums – und auch gerne mit einem Augenzwinkern.
Schattenseiten des Sports: Darf es dem IOC tatsächlich egal sein, wenn Menschen für solche Botschaften eingebuchtet werden?
Schattenseiten des Sports: Darf es dem IOC tatsächlich egal sein, wenn Menschen für solche Botschaften eingebuchtet werden?

Das Klima muss stimmen, dann ist Dieter Baumann in Höchstform. Da war es ja ein Glück, dass am Montagabend (30.05.2016) die zum Schneiden schwüle Luft im Freiheiter Hof in Osterode den 5.000-Meter-Olympiasieger von 1992 exakt an seinen Finallauf in Barcelona erinnerte. Wo doch Baumann ohnehin schon als Ehrengast zum 8. Internationalen Volksbankmeeting kommen sollte, hatte Meeting-Organisator Rainer Behrens für den Vorabend gleich noch ein Kabarett-Event auf die Beine gestellt, veranstaltet vom NLV-Kreis Osterode, allein durch Mundpropaganda innerhalb kürzester Zeit restlos ausverkauft. Und dort erlebten die etwa 200 Zuschauer, dass Dieter Baumann seine als Profisportler begonnene Karriere heute als Entertainer wirklich gut – ja – am Laufen hält. Unter den Gästen war auch die als Betreuerin zum Meeting angereiste Kugelstoßerin Astrid Kumbernuss, die Olympiasiegerin von Atlanta 1996 und dreifache Weltmeisterin.

 

„Der Luftpistolenschütze ist der Partykönig von Olympia“

„Dieter Baumann, die Götter und Olympia“ war der Abend überschrieben – und das war denn auch Programm. Als Fahnenträger zog der Läufer auf die Bühne ein und entzündete dort das olympische Feuer, bevor er es mit seinen launigen Anekdoten von den Olympischen Spielen zunächst ganz locker angehen ließ. Klar, die Goldmedaille war schon was, aber: „Das Beste ist das Leben im olympischen Dorf.“ Die Gemeinschaft, das miteinander Fiebern, das Feiern – und das Sammeln von Anstecknadeln. Davon bekommt offenbar jeder Athlet von seinem Heimatverband eine Handvoll in die Hand gedrückt, um sie verschenken zu können. Aber an die anderen heranzukommen, das ist schwierig. „Ich allein habe 15 Anstecknadeln von den Fidschiinseln bekommen“, ist Baumann mächtig stolz, „davon gab‘s ja insgesamt nur 45.“

Eines aber werde er in seiner nächsten Sportkarriere definitiv anders machen: Er wolle dann in der Disziplin Luftpistole antreten. Traditionell holten die Schützen stets das erste Olympiagold fürs deutsche Team, und zwar gleich am ersten Tag. Dann könnten sie ihren Erfolg zwei Wochen lang feiern, während die Langstreckenläufer bis zum Schluss auf ihren Einsatz warten müssten und sozusagen mentale Zaungäste blieben. Ja: „Der Luftpistolenschütze ist der Partykönig von Olympia.“

 

Von Göttern und perversen Marketingideen

Mit den Göttern meinte Baumann dann eher die Selbsternannten, die Funktionäre nämlich. So wurde es auf der Gegengeraden des laut Ankündigung „ernst gemeinten Comedyabends“ dann tatsächlich sehr ernst. Hier kritisierte Baumann die Doppelmoral des IOC. Dessen Präsident Thomas Bach schäume einerseits über eine seiner Meinung nach „perverse Marketingidee“, weil eine clevere Werbeagentur es geschafft hat, einen Rennrodler aus Tonga regelkonform für die Winterspiele 2014 zu qualifizieren, der nach einer offiziellen Namensänderung rein zufällig so heißt wie ein deutsches Modeunternehmen. Andererseits habe das IOC keinerlei Probleme damit gehabt, eben diese Winterspiele nach Sotschi zu geben, „in die einzige russische Stadt, in der es nie Schnee gibt“. „Wer hat da jetzt die perversere Marketingidee?“ fragte Baumann.

Und überhaupt halte sich das IOC ja sonst mit Kritik doch auffällig zurück. Wie im Fall des Umweltaktivisten Evgeny Vitishko, der in der Nähe von Sotschi einen Bauzaun an einem öffentlichen Wald heruntergerissen und mit der sinngemäßen Parole „Das ist unser Wald“ bemalt und dafür eine Bewährungsstrafe erhalten habe. Er solle laut russischen Behörden gegen die Auflagen verstoßen haben und sitze seitdem ein. Sicher nur rein zufälliger Natur seien dagegen die Vergabe der Fußball-WM nach Russland und das folgende Engagement Franz Beckenbauers als Botschafter des Unternehmens Gazprom, welches wiederum bei den Sotschi-Spielen zweifelhaft profitiert habe.

 

„Geht einfach raus und bewegt Euch“

Nach diesem mentalen Grounding zog Baumann in der letzten Kurve zum fulminanten Endpurt an und mobilisierte alle Kräfte, mit denen er die Stimmung auf der Zielgeraden wieder ganz nach oben holte. Er beantwortete die schönsten der Fragen, die er sich vor Beginn von den Zuschauern hatte aufschreiben lassen und in denen es, na klar, auch schon mal um Elmex ging. Baumann legte einen Striptease hin, von Anzug auf Funktionswäsche, und rüstete sich sodann mit allem auf, was die Laufindustrie nur hergibt (ganz wichtig: Befestigungsbänder für Startnummern). Was man davon wirklich braucht, um mit dem Laufen anzufangen? Gar nichts – na gut, bis auf die Schuhe von seinem Sponsor natürlich. Und wenn jemand laufen nicht mag, dann halt walken, ganz egal. „Geht einfach raus und bewegt Euch.“

Mit diesem Rat beendete Dieter Baumann sein Programm nach rund zweieinhalb Stunden. Nicht so spannend wie die 13 Minuten von Barcelona, aber genauso unterhaltend mit skurrilen Typen, spontan gefundenen „Gaststars“ aus dem Publikum, ein wenig Lauflyrik und einer Zeitlupendemonstration vom Kugelstoßen („Das geht ja immer so schnell, dass man da normalerweise nichts sieht.“). Von der sagte Astrid Kumbernuss hinterher auf Nachfrage: „Das hat er gut gemacht.“ Und das kann man wirklich vom ganzen Abend sagen. Dieter Baumann als Entertainer? Läuft!  


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