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Montag, 25. Oktober 2021
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Geschrieben von PM am 11. Oktober 2021
Vereine und Verbände

Erkenntnisse aus einem Jahr Distanz-Lernen

Bildungsgewerkschaft GEW hielt Kreisversammlung ab

Referentin Anne Kilian und den GEW-Kreisvorsitzender Arne Gruppe
Referentin Anne Kilian und den GEW-Kreisvorsitzender Arne Gruppe

Im öffentlichen Teil der Kreisversammlung der Bildungsgewerkschaft GEW im Harzer Hof in Scharzfeld wurde am vergangenen Montag die Digitalisierung im Bildungsbereich in pädagogische Zusammenhänge gestellt und hinterfragt. GEW-Kreispressewart Walter Ziegler ließ uns dazu den folgenden Bericht zukommen:  

Der hoch aktuelle Vortrag der Expertin aus dem GEW-Landesvorstand, Anne Kilian, und interessante Debattenbeiträge fanden leider zu wenige Teilnehmer, die in den Schulen arbeiten und mit digitalen Medien und ihren Begleiterscheinungen im Alltag zu tun haben. Aus dem Teilnehmerkreis wurde das nicht als mangelndes Interesse gewertet, sondern es wurde eine beträchtliche Anzahl von Elternversammlungen und Konferenzveranstaltungen in verschiedenen Schulen am selben Tag angeführt.

Eingangs berichtete Anne Kilian von maßgeblichen Befürwortern des digital gestützten Distanz-Lernens auf Landesebene, auch Kultusminister Tonne sei „schon vor Corona“ dafür zu begeistern gewesen, verständlich vor allem mit Blick auf die manchmal von der Umgebung und vom Präsenz-Lernen abgeschnittenen Schülerinnen und Schüler auf den Inseln an der Nordseeküste. Zudem stellte die Referentin an den Anfang: „Digitaler Unterricht ist gleich moderner Unterricht? Diese Gleichung stimmt nicht automatisch!“ Ernsthaftes, echtes Lernen und Erforschen von Sachthemen auf digitalem Weg sei lernentwicklungspsychologisch in der Regel erst in weiterführenden Schulen ab Jahrgang 7 sinnvoll. Zudem sei „nicht Digitalisierung, sondern Didaktisierung“ notwendig, also die Verständigung über Ziele des Lernens, zu deren Erreichen digitale Technik ein gutes Mittel sein könne.

Heiß diskutierte Fragen waren in der Veranstaltung zum Beispiel:

„An sich ist der Mensch ja keine Maschine“, wie verändert sich dann bei gehäuftem Digital- bzw. Distanz-Unterricht das Verständnis von Schule, vom Miteinander, vom sozialen Lernen, von Menschenbildung, die sich nicht nur als passgenaue Ausbildung für den aktuellen Arbeitsmarkt versteht?

Ist nicht auf allen Ebenen, beim Rechnen- und Schreibenlernen oder Malen und Zeichnen genauso wie bei komplexen Lerninhalten der gemeinsame Streit um die Sache, was richtig, falsch oder schön ist, notwendig, um gemeinsam hinzu zu lernen, und ist das im Distanzlernen leistbar?

Darf man Studien ignorieren, die nachweisen, dass der fürs Lernen und Verinnerlichen wichtige Bezug zu allem, was eigenhändig gelegt, geordnet, begriffen, geschaffen, geschrieben oder gerechnet wurde, stärker ist als der Bezug zu allem, was flüchtig angeklickt oder gewischt wurde?

Darf man China ignorieren, wo derzeit bei der Digitalisierung auf die Bremse getreten wird, weil dort beobachtet wurde, dass die feinmotorischen Fähigkeiten von Kindern sich nicht entwickeln, wenn die Verlagerung in den digitalen Raum voranschreitet?

Können sogenannte Lernprogramme den Kindern wirklich etwas beibringen? Oder können sie nur Übungsprogramme sein für Lerninhalte, Schreibregeln, Verfahren, Mengenzerlegungen, die zuvor im Wortsinne „begriffen“ sein mussten?

Muss auch in Schulen beachtet werden, dass weniger zufrieden mit der Arbeit ist, wer überwiegend nur noch digital kommunizieren darf? Warum versuchen viele gute Bürokräfte, nach Jahren am PC in einem Handwerksberuf Fuß zu fassen?

Wer schützt die Schüler- und Schülerschaft vor der Preisgabe persönlicher Daten, vor dem „digitalen Beifang“? Ist es gut, wenn die Lehrerin sehen kann, dass ein Schüler seine Facharbeit um 23.45 Uhr abgeschickt hat? Möchte wirklich jeder Mensch per Videokonferenz sein Zuhause zeigen?

Muss man sich nicht sehr gut kennen und viel grundsätzliche Übereinstimmung haben, um ein heikles Beratungsgespräch mit der Lehrerin am Bildschirm zu führen?

Neben diesen Fragen wurde die „weiter auseinander gehende Schere“ zwischen Gleichaltrigen angesprochen. Durch ihr Milieu benachteiligte Kinder und Jugendliche nähmen sich beim Lernen auf Distanz als verschärft mit Mängeln behaftet wahr, wenn schon technisch nicht geeignete Hardware oder die Internetversorgung nicht klappe. Zudem habe das Lernen unter Corona-Bedingungen vielfach zum Ausbau psychischer Ängste geführt, wieder unter die Leute zu gehen, sich wieder vor anderen mit eigenen Arbeitsergebnissen verantworten und dabei mit der eigenen Persönlichkeit auf den Präsentierteller stellen zu müssen; auch das zu trainieren habe in den vergangenen Monaten gelitten.

Zu guter Letzt wurden einige Vorteile digitaler Wege benannt. Gut angewandt, könnten sie ein Mittel sein, Lernfortschritte zu individualisieren, individuelle Prüfungsformate zu schaffen oder auch von ihrer Umgebung zeitweise abgeschottete Kinder im Krankenhausunterricht und in vergleichbaren Sondersituationen zu erreichen. Auch Nutzungsmöglichkeiten der digitalen Ebene für den Unterricht weiterführender Schulen wurden benannt, zum Beispiel für den Politik-Unterricht „Kontrapunkt“ zum Thema Stammtisch-Parolen.   

 


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