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Sonntag, 17. Oktober 2021
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Geschrieben von ski am 09. September 2021
Wirtschaft

Explodierende Baukosten, lange Genehmigungsverfahren, unwirtschaftliche Sanierungen bei Altbauten

Der Verband der Wohnungswirtschaft Niedersachsen-Bremen vdw tagte in Bad Lauterberg

vdw-Verbandsdirektorin Dr. Susanne Schmitt mit Bürgermeister Dr. Thomas Gans und dem Vorstandsvorsitzenden der Gemeinnützigen Baugenossenschaft Ingo Fiedler. Foto: vdw
vdw-Verbandsdirektorin Dr. Susanne Schmitt mit Bürgermeister Dr. Thomas Gans und dem Vorstandsvorsitzenden der Gemeinnützigen Baugenossenschaft Ingo Fiedler. Foto: vdw

„Wir sind die Guten auf dem Wohnungsmarkt“, stellt vdw-Direktorin Dr. Susanne Schmitt klar: „Bei uns sind die Genossenschaften, die kommunalen Träger von Wohnungsbau und einige private, sozial orientierte Wohnungsbaugesellschaften organisiert – wir bauen alle schwerpunktmäßig im preisgedämpften Segment“. Und dieser Verband der „Guten“ aus Niedersachsen und Bremen tagte diese Woche in Bad Lauterberg im Hotel Revita. Zu besprechen gab es vieles, denn der Wohnungsbau und der Mangel an bezahlbarem Wohnraum insbesondere in Großstädten sind in aller Munde. „Gutes Wohnen muss für jedermann möglich sein zu bezahlbaren Preisen“, fordert Schmitt im Pressegespräch mit Ingo Fiedler, dem Vorstandsvorsitzenden der Gemeinnützigen Baugenossenschaft Bad Lauterberg und Bad Lauterbergs Bürgermeister Dr. Thomas Gans. Doch das ist alles andere als einfach: „Wir haben viele Gebäude im Bestand, die energetisch saniert werden müssen“, so Schmitt. Doch Altbauten sind nur mit enormem finanziellen Aufwand energetisch sanierbar: „Wenn wir die Klimaschutzziele erreichen wollen, dann wird die Wohnungswirtschaft das niemals allein schaffen – wir brauchen die Kommunen, den Bund und das Land als Partner“. Dem pflichtet auch Ingo Fiedler bei. „Die Gemeinnützige Baugenossenschaft hat eine soziale Verantwortung. Wir können auch nicht die Mieten aufrufen, die in der Großstadt üblich sind. Uns fehlen aber auch die finanziellen Mittel, um den gesamten Gebäudebestand, den wir haben, in den nächsten zehn Jahren energetisch so herzurichten, dass er den Klimazielen entspricht.“

Knappes und teures Baumaterial

Aber auch bei Neubauten gibt es Probleme. „Das Baumaterial ist knapp und hat lange Lieferzeiten – wir müssen mehrere Monate auf Fenster warten, so etwas haben wir noch nie erlebt. Und uns laufen die Baukosten davon“, sagt Fiedler  Das bestätigt auch vdw-Verbandsdirektorin Schmitt: „Wir haben Preissteigerungen von Dämmmaterial von 150 Prozent, bei Holz von 200 Prozent, Baustahl hat sich um 100 Prozent verteuert….. es gibt also keine Preisstabilität, dazu kommt noch ein Handwerkermangel. So kommen Projekte ins Stocken oder werden ganz angehalten“. Dazu kommen die hohen energetischen Standards und andere Auflagen, die das Bauen stark verteuern. Der Verband fordert daher einen Baukostengipfel von der Regierung. Zudem solle es mehr Bauplätze für den Geschosswohnungsbau geben, und Kommunen sollten bei der Frage nach Bauland gemeinnützige Anbieter bevorzugen.

Ein weiteres Problem, so Schmitt, seien die Planungsverfahren: „Die dauern manchmal Jahre, Monate nach der Einreichung werden dann noch Unterlagen nachgefordert, dann vergehen wieder Monate, bis diese bearbeitet sind“. Sie fordert, dass nach einer bestimmten Frist der Bauantrag automatisch als genehmigt gilt, wenn die Behörde nicht reagiert. Zudem solle man das Verfahren stärker digitalisieren: „Damit könnte man das Bauen auch schneller machen“.

Der Wunsch: eine Deadline, nach deren Ablauf der Bau automatisch genehmigt ist

Damit rennt sie bei Bürgermeister Dr. Thomas Gans offene Türen ein. „Wir Kommunen leiden ja unter denselben Problemen, wenn wir etwas bauen. Wir sind als Stadt zu klein, um eine eigene Baubehörde zu haben, und müssen uns ebenso mit der Baubehörde des Landkreises herumschlagen wie die Privaten.“ Und von lange dauernden Genehmigungsverfahren, Nachforderungen, die von der Behörde Monate später gestellt werden, und den Verzögerungen, die das alles nach sich zieht, kann er ein Lied singen: „Wenn dann eine Nachforderung kommt, wie dies zuletzt bei der Außentreppe am Haus des Gastes der Fall ist, dann müssen wir als Behörde ja erst wieder ein europaweites Ausschreibungsverfahren durchziehen, das auch seine Zeit dauert. Und die Firma, die die Ausschreibung gewonnen hat, hat die Auftragsbücher rappelvoll und wir müssen wieder Monate auf die Handwerker warten, ohne dass sich irgendetwas in der Zwischenzeit tut“.  
Was die Genehmigungen betrifft, wünscht auch er sich eine „Deadline“: „Wenn sich so eine Baugenehmigung über ein bis zwei Jahre hinzieht, dann kann das auch für die Finanzierung eines Projekts tödlich sein, der Bauherr benötigt doch Planungssicherheit. Die Baugenehmigungsbehörde müsse aber natürlich dann auch personell so ausgestattet werden, dass eine kurzes Genehmigungsverfahren auch möglich ist.  Außerdem fordert Gans mehr Augenmaß bei den behördlichen Auflagen: „Der Brandschutz ist wichtig, aber er muss auch im Verhältnis zu den realen Gefahren und den Kosten stehen.“

Gebäude vergammeln wegen zu hoher Denkmalschutzauflagen

Ganz besonders schwierig, so Gans, sei es, wenn ein Altbau saniert werden soll und dem Denkmalschutz unterliege. „Wir haben hier in Bad Lauterberg etliche sehr alte Häuser, die Privateigentümern gehören und die einfach vergammeln, weil es viel zu teuer wäre, sie zu sanieren. Mit den Mieten, die man erzielen kann, ist das nicht finanzierbar. So verkommen die Gebäude einfach. Das ist dem Stadtbild nicht gerade förderlich, und für Fachwerkgebäude, die unter Denkmalschutz stehen, gilt dies doppelt.“ Und wenn das Haus dann erst einmal vergammelt sei, ist das Denkmal ja auch weg. Ohnehin sei es schwierig, die Auflagen für energetische Sanierung, für Brandschutz und Denkmalschutz unter einen Hut zu bringen. Aus demselben Grunde fordert auch der vdw, dass für denkmalgeschützte Gebäude andere Standards gelten müssen als für Neubauten.

Weniger Wohnungswechsel auftgrund der Pandemie

Für Bad Lauterberg kann Ingo Fiedler vom Wohnungsmarkt berichten, dass in der Corona-Zeit weniger Wohnungswechsel stattfinden als normalerweise, die Menschen also eher nicht umziehen.  Die Genossenschaft hat in den nächsten Jahren einen Neubau auf dem Plan, aber angesichts der explodierenden Baukosten wird dies eine Herausforderung werden: „Wir können und wollen hier nicht dieselben Mieten aufrufen wie in den Großstädten. Gleichzeitig wollen wir energetisch hochwertig und seniorengerecht bauen – den Spagat müssen wir schaffen.“ 


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