Von der skandivischen Pulka bis zum Sankt Andreasberger Bob




Winterliche Temperaturen - wenn es sie denn gibt - laden dazu ein, dem bevorzugten Wintersport nachzugehen. Neben Skifahren und Schlittschuhlaufen steht dabei auch das Rodeln immer noch hoch im Kurs. Wer keinen Holzschlitten sein Eigen nennt, kann auch auf günstigen Plastikbobs (oder gar etwas so Profanem wie einer stabilen Plastiktüte) jauchzend die heimischen Hügel hinabbrausen. Doch mit einem Schlitten durch die verschneite Berglandschaft zu fahren, diente nicht immer nur dem Vergnügen.
Urzeitliches Fahrzeug und antikes Sportgerät
Die mutmaßlich erste Erwähnung des Rodelns stammt vom griechischen Schriftsteller Plutarch, der im ersten Jahrhundert nach Christus lebte. Er berichtete von den Kimbern, einem germanischen Volksstamm, der ursprünglich aus dem dänischen Jütland stammte und im Laufe der Geschichte immer weiter nach Süden zog. Laut Plutarch kletterten die Kimber nackt auf schneebeckte Berge und sausten dann auf Schilden wieder hinab.
Während das (abgesehen von der Nacktheit in Verbindung mit den eisigen Temperaturen) eher nach Vergnügen klingt, waren Schlitten in der damaligen Zeit doch eher als Arbeitsgerät oder Transportmittel verbreitet. In Gegenden mit viel Schnee wie Skandinavien oder im Alpenraum wurde auf ihnen Holz oder Stroh von A nach B gebracht, was dank des rutschigen Untergrunds um ein Vielfaches einfacher war als etwa mit einer Kiepe.
Die Vorläufer der späteren Transportschlitten, die sogenannten Stangenschleifen, nutzten unsere Vorfahren schon in der Steinzeit. Zwei lange Holzstangen wurden mit einer oder mehreren Querstangen zu einem dreieckigen Gebilde verbunden, das anschließend von Pferden, Ochsen, Hunden oder auch Menschen gezogen werden konnte, um Güter über längere Strecken zu bewegen. Größere Ladung wurde einfach an den Stangen befestigt, für kleinere Dinge (und zum Schutz vor Wind und Wetter) wurde das Dreieck mit Leder oder Stoff bespannt. Dieses Prinzip wurde auf der ganzen Welt genutzt, Fundorte gab es beispielsweise in Frankreich, der Ukraine und im Norden Amerikas.
In Skandinavien unersetzlich
Vor der Erfindung motorbetriebener Fahrzeuge war ein Hundeschlitten vor allem in den skandinavischen Ländern das bevorzugte Mittel, um Strecken zu bewältigen – und in manchen Gegenden ist es auch heute noch das praktikabelste Fortbewegungsmittel, etwa um durch dicht bewaldete Gebiete oder über zugefrorene Seen zu gelangen. Für Expeditionen zum Nord- oder Südpol sind „Pulkas“, auch Nansenschlitten genannt, unerlässlich. Sie werden mit Ausrüstung und Verpflegung beladen und von Menschen oder Hunden gezogen, und im Notfall können auch Verletzte damit transportiert werden.
Ebenfalls in Skandinavien populär – und für viele Menschen eine Art „Winterfahrrad“ - ist der Tretschlitten, auch Spark genannt (vom schwedischen „sparkstötting“). Er ist für zwei Personen konstruiert, von denen eine auf dem vorderen Teil auf einer Art Stuhl Platz nimmt und von der zweiten Person angeschoben wird, die sich entweder abstößt oder, wenn es bergab geht, auch auf die Kufen stellen und gemütlich vor sich hingleiten kann. Auf diese Art konnte man in früheren Zeiten kleine Kinder warm eingemummelt von einem abgelegenen Hof zum anderen bringen. Die moderne Form diese Schlittens erinnert optisch eher an einen Tretroller und bietet auch nur noch Platz für eine Person, die sich allerdings schnell und wendig damit fortbewegen kann.
Ewiger Evergreen: das Davoser Modell
Das, was die meisten in unseren Breitengraden vor Augen haben, wenn sie das Wort „Schlitten“ hören, ist das Modell „Davos“. Diesen Namen bekam es beim ersten historischen Schlittenrennen in, natürlich, Davos, das 1883 dort stattfand. Tollkühne Hobbyrodler bretterten damals die Strecke von Davos nach Klosters hinab. John Addington Symonds, englischer Autor und Kunsthistoriker, der wegen einer Tuberkulose-Erkrankung viel Zeit in dem schweizerischen Luftkurort verbrachte, fand Gefallen an dem Sport und gründete noch im selben Jahr den „Internationalen Schlittelclub Davos“. Die Urform dieses Schlittens hatten Norweger in der Schweiz eingeführt, und lokale Schreiner optimierten ihn schließlich für die dortigen Verhältnisse und Vorlieben.
Tollkühne Männer und Frauen in fliegenden Kisten
Für diejenigen, die auch in der warmen Jahreszeit nicht auf das Schlittel-Feeling verzichten wollen, gibt es Sommerrodelbahnen – im Grunde eine Mischung aus Achterbahn und Schlittenfahren. Deren Vorläufer gab es bereits vor mehr als 500 Jahren in Russland, wo man künstlich erbaute Berge hinabfahren konnte. Später gab es dann immer mehr dieser Bahnen, die den Besuchern erlaubten, entweder auf Schienen oder in Rinnen herumzusausen.
Die „Rinnenform“ trug schließlich auch zur Entwicklung mehrerer Wintersportarten bei, die bis heute beliebt sind: Erstens das Rennrodeln, bei dem ein oder zwei Sportler mit Karacho (um genau zu sein: bis zu 150 km/h) über die Strecke rasen.
Zweitens der Bobsport (vom englischen „to bob“, was ruckartige Bewegungen meint), bei dem wahlweise zwei oder vier Sportler in einem relativ großen Fahrzeug durch zum Teil extrem steile/schräge Kurven fahren. Der Bob wurde übrigens 1888 in Sankt Andreasberg erfunden, als ein Engländer dort zwei Schlitten zu einem beweglicheren großen Teil miteinander verband.
Drittens das Skeleton-Rodeln, bei dem man sich bäuchlings und mit Schmackes auf einen speziellen kleinen Schlitten wirft und dann mit dem Kopf voran über die Eisbahn prescht. Eine harmlosere, für Privatleute geeignete Variante dessen ist das Rodeln auf einem Luftkissen-Schlitten, das ein bisschen wie ein flaches Gummiboot daherkommt und auch auf dem Bauch liegend benutzt wird.
Wer übrigens im Harz rodeln möchte, hat dazu in mehreren Orten die Möglichkeit: Bahnen gibt es in Torfhaus, Wildemann, Altenau, Sankt Andreasberg, Schulenberg und Clausthal-Zellerfeld. In Torfhaus ist es dank Flutlichtanlage sogar möglich, auch in der Abenddämmerung noch zu rodeln.