Geschrieben von Peter Bischof am 18. Juni 2019
Es begann vor 65 Jahren mit einem Brief
Anneliese Fiebig aus Herzberg und Will Berend aus den Niederlanden verbindet eine enge Freundschaft





Anneliese aus Herzberg und Will aus Ankeveen bei Hilversum in den Niederlanden verbindet eine 65-jährige Freundschaft. Begonnen hat alles im Jahr 1954, als der damalige Englischlehrer Petzold an der Realschule Herzberg den Schülern als Aufgabe auftrug, eine Brieffreundschaft zu beginnen. Er verteilte Adressen von Jugendlichen in den Niederlanden und in England.
Den ersten Brief schrieb die 16-jährige Anneliese, damals noch unter ihrem Mädchennamen Plümer, an ein junges Mädchen in Hilversum, Willy Bruggemann, genannt Will. Schon nach wenigen Tagen war die Antwort da. Will schrieb in deutscher Sprache, da sie in der Schule diese Sprache lernte. In der Folgezeit entstand ein reger Briefwechsel zwischen den Mädchen.
Es entstand schnell eine echte Freundschaft
Bereits ein Jahr später fuhr Anneliese auf Einladung der Familie Bruggemann nach Hilversum. „Von der ersten Minute an haben wir uns super verstanden“, erinnert sich Anneliese. Auch von den Eltern ihrer Brieffreundin wurde sie herzlich aufgenommen. Sie weiß aber auch noch, dass Nachbarn und Freunde der holländischen Familie durchaus noch Ressentiments gegenüber den Deutschen zeigten, der 2. Weltkrieg war schließlich erst vor neun Jahren beendet worden. Doch Wills Vater wehrte dies mit dem Hinweis ab, was er mit den Deutschen erlebt habe, könne er schließlich nicht auf seine Tochter übertragen.
Das waren aber nur Ausnahmen in der Anfangszeit, ansonsten entstand nicht nur zwischen den beiden Mädchen, sondern auch zwischen ihren Familien und dem jeweiligen Umfeld eine echte Freundschaft. Im Jahr 1956 kam Will das erste Mal nach Herzberg, fühlte sich bei der großen Familie Plümer in der Knollenstraße richtig wohl, denn Anneliese hatte sechs Geschwister und es war immer etwas los im Haus.
Auch die Ehemänner wurden schnell Freunde
Ab dem Jahr 1958 besuchten sich die Mädchen regelmäßig gegenseitig, das änderte sich auch nicht, als Anneliese ihren späteren Ehemann Manfred Fiebig kennenlernte. Auch Will war bald bei ihrem Ben Berend in festen Händen.
Die beiden Männer verstanden sich ebenfalls auf Anhieb. Allein schon die Fußballleidenschaft bot eine gemeinsame Plattform. Wenn Manfred „Jogi" Fiebig mit dem damals noch sehr erfolgreichen VfL Herzberg auf den Platz lief, waren Anneliese, Will und Ben oft dabei. Beim Besuch in Holland waren dann die Spiele des heimischen Fußballclubs Pflicht.
Eine kleine Pause bei den gegenseitigen Besuchen beziehungsweise Urlauben im Nachbarland gab es, als die Kinder von Anneliese und Manfred geboren wurden. Doch auch der Nachwuchs war schnell in die Familienfreundschaft eingebunden.
Der Sohn und die ältere Tochter von Anneliese und Manfred erinnern sich noch gern an die Besuche in den Niederlanden, an die Fahrten auf den Grachten und die Besichtigungen der damals noch sehr zahlreichen Windmühlen. Zwischen den Kindern, auch Will und Ben hatten mit ihren Edwin Nachwuchs bekommen, entstanden ebenfalls schnell Freundschaften.
Als einzige der Klasse den Kontakt gehalten
Heute sind die Brieffreundinnen – in diesem Fall darf man das verraten – beide 80 Jahre alt. Will und Ben haben Anneliese noch in jedem Jahr besucht, auch wenn die Fahrt über eine Strecke von fast 500 Kilometern inzwischen für das niederländische Ehepaar ziemlich anstrengend ist. Doch sie kommen gern hierher, haben die Fußgängerzone in Bad Lauterberg, die Altstadt von Goslar und das Schloss Wernigerode auf dem Besuchsprogramm.
Bei den noch regelmäßig stattfindenden Klassentreffen der ehemaligen Realschülerinnen aus Herzberg wird Anneliese von ihren Klassenkameradinnen immer wieder bewundert. „Unsere Brieffreundschaften sind schnell wieder eingeschlafen, du bist die Einzige, die den Kontakt über die vielen Jahre aufrechterhalten hat.“
Auch wenn das mit den Besuchen künftig sicherlich immer schwieriger wird, wird die Freundschaft bestimmt noch lange halten. Es gibt schließlich Telefon. Und zur Not kann man sich auf die Anfänge besinnen und schreibt einfach wieder einen Brief.