Geschrieben von PM am 23. Mai 2020
Tarnname „Tanne“ – eine Harzer Rüstungsaltlast in Clausthal-Zellerfeld und Osterode am Harz
Aktualisierte Schrift zur Geschichte des Werks Tanne in den "Spuren Harzer Zeitgeschichte" erschienen
Am östlichen Stadtrand von Clausthal-Zellerfeld befinden sich die eingezäunten Ruinen des Werks Tanne. Seine Abwasserleitung erstreckt sich bis nach Osterode am Harz und die Umweltgifte belasten bis heute das Grundwasser. Das Werk gehört gemeinsam mit den Schwesterwerken im Bergland Oberhessens (Stadtallendorf, Werk Allendorf, und Hessisch Lichtenau, Werk Hirschhagen) sowie an der Elbe (Werke Elsnig bei Torgau und Krümmel bei Hamburg) zu den größten TNT-Produktionsstätten NS-Deutschlands. Nachdem das Werk und seine Folgen lange verschwiegen und heruntergespielt wurden, hätte wohl kaum jemand damit gerechnet, wie stark die Nachfrage nach Publikationen zu diesem Thema einmal sein würde. Nach ersten kleineren Veröffentlichungen in regionalen Magazinen erschien 1993 ein grundlegender Beitrag im Band „Rüstungsindustrie in Südniedersachsen während der NS-Zeit“, herausgegeben von der Arbeitsgemeinschaft Südniedersächsischer Heimatfreunde e.V. als Band 9 ihrer Schriftenreihe. Die Nachfrage war so groß, dass später ein Sonderdruck des Beitrags erschien. Als der vergriffen war, gab der Verlag Papierflieger eine wesentlich erweiterte Fassung in drei Auflagen 1998, 1999 und 2004 als Buch heraus. Auch die sind längst vergriffen. Zwar findet sich zwischenzeitlich viel Information zum Werk Tanne im Internet und an verstreuten Stellen in der Literatur sowie in einer Fülle von nichtöffentlichen Gutachten, aber dennoch – und vielleicht gerade daher – besteht weiterhin die Nachfrage nach einer fundierten Zusammenfassung der wesentlichen Fakten in einem Text. 1998 war der heutige Verein Spurensuche Harzregion e.V. gegründet worden – in ihm sind einige der Autoren aktiv und daher wurde die aktualisierte Neubearbeitung des Textes in dessen Schriftenreihe „Spuren Harzer Zeitgeschichte“ herausgegeben.
Aus dem Inhalt: Der früh geplante neuerliche Weltkrieg, Standortwahl und Aufbau des Werks Tanne, Arbeitskräfte für den Werksaufbau, Geheimhaltung, Produktionsbeginn am 1.4.1939, Sprengstoffabfüllung, Sprengstoffaufbereitung in der Tonsil-Anlage, Energie- und Wasserversorgung, Abwasserprobleme, Abwasserversenkung in den Osteröder Zechsteinkarst, Abwassereindampfung, Neutralisationsschlämme, Explosion am 6.6.1940, Bombenangriff am 7.10.1944, Arbeitssklaven der Dynamit Nobel AG, Gedenkstätte „Russenfriedhof“, Gesundheitliche Folgen für die Belegschaft, Einnahme durch die Alliierten und Entmilitarisierung, Geschichte und spätere Karrieren der Werksleitung, Nachkriegsnutzung und heutige Umweltschäden, gesundheitliche Auswirkungen auf Anlieger und zwei Berichte von betroffenen Anliegern zu ihrem Gesundheitszustand. Ein Dank und eine Auswahlbibliographie schließen den spannend zu lesenden und gut illustrierten Band ab, der ein Muss in jeder Harzbibliothek ist, weil sich allzuviele Autoren allzulange um dieses Thema herumgedrückt haben.
KNOLLE, F., BRAEDT, M., HÖRSELJAU, H., JACOBS, F. & WÄLDNER, C.-A. (2020): Tarnname „Tanne“ – eine Harzer Rüstungsaltlast in Clausthal-Zellerfeld und Osterode am Harz. – Spuren Harzer Zeitgeschichte 7, Papierflieger Verlag GmbH, Clausthal-Zellerfeld, ISBN 978-3-86948-696-3

