Geschrieben von Christiane Albisser am 22. September 2020
Machbarkeitsstudie für eine geplante Gedenkstätte Helmetalbahn in Auftrag gegeben
3.000 KZ-Gefangene mussten die Helmetaltrasse zwischen Osterhagen und Nordhausen bauen. Jetzt soll eine Gedenkstätte entstehen




Die Aufarbeitung der Geschehnisse des zweiten Weltkrieges erfolgt auch heute noch in unserer Region. Am Freitag, dem 18.9.2020 trafen sich die erste Kreisrätin des Landkreises Göttingen Christel Wemheuer, Anja Kreye vom Regionalmanagement des Landkreises Göttingen, Projektleiterin der LEB Niedersachsen e.V. Jascha Jennrich, Bad Lauterbergs Bürgermeister Dr. Thomas Gans, allgemeiner Vertreter des Bürgermeisters Bad Sachsa Uwe Weick, allgemeiner Vertreter des Bürgermeisters Walkenried Christopher Wagner, Firouz Vladi von der Arbeitsgemeinschaft Spurensuche und Verein Deutsches Gipsmuseum und Karstwanderweg, sowie weitere an dem Projekt beteiligte Mitarbeiterinnen der LEB an dem Gedenkstein zum KZ-Außenlager Nüxei.
Zitat eines ehemaligen Gefangenen: „Nüxei, das war ein langer Todeskampf…“
An diesem Ort wurde in der Endphase des Zweiten Weltkrieges 1944/1945 die Helmetalbahn als Umgehungsstrecke der Hauptbahnstrecke durch den Harz, die für den intensivierten Rüstungstransport gebraucht wurde, durch 3000 Zwangsarbeiter des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora zum Teil fertiggestellt.
Die Gefangenen wurden in dieser Zeit in sechs KZ-Außenlagern entlang der Strecke untergebracht, in Osterhagen, Nüxei, Mackenrode, Ellrich, Günzerode und Wieda. Etwa die Hälfte von ihnen kamen durch die katastrophalen Arbeits- und Lebensbedingungen ums Leben oder wurden durch Erschießungen auf den Todesmärschen nach Auflösung der Konzentrationslager ermordet. Heute leben noch zwei dieser einstigen Gefangenen und die Grundzüge des Außenlagers sind noch sichtbar.
Die Trasse, die von Osterhagen in Niedersachsen bis Nordhausen in Thüringen führt, wurde aufgrund der Boden- und Landschaftsverhältnisse mit einem Berg- und einem Talgleis geplant. Da die Bahnstrecke nach dem Krieg über die innerdeutsche Grenze führte, wurde sie nie in Betrieb genommen, sondern wieder zurückgebaut.
Im Landkreis Göttingen befindet ich das insgesamt vier Kilometer lange Teilstück um Mackenrode und Osterhagen, ein Teil davon gehört heute zum Karstwanderweg.
Christel Wemheuer gab einen Einblick in die Umfänglichkeit der historischen Aufarbeitung in unserer Region mit allen Hürden aber auch der guten Beteiligung sowohl seitens der Politik als auch der Öffentlichkeit.
Um dem Leid der Zwangsarbeiter und Häftlingen zu gedenken und an diese schreckliche Zeit zu erinnern, hat der Landkreis Göttingen die Ländliche Erwachsenenbildung (LEB) beauftragt, im Rahmen einer Machbarkeitsstudie, verschiedene Formen des Gedenkens (Gedenkweg, Gedenkstätte etc.) zu prüfen. Finanziert wird dieses Projekt durch die LEADER-Region Osterode am Harz. Die Gemeinden Bad Lauterberg, Bad Sachsa und Walkenried sowie der Landkreis Göttingen unterstützen dies ausdrücklich.
Gedenkweg, Gedenkstätte oder eine alternative Nutzungsidee
Jascha Jennrich lobte ebenfalls die gute Zusammenarbeit und stellte die Machbarkeitsstudie der LEB vor. Die Machbarkeitsstudie liefert mehrere Vorschläge, die dem Kreistag zur Entscheidung vorgelegt werden können. Sie beinhaltet die Möglichkeit eines Gedenkweges, einer Gedenkstätte, einer Mischform, sowie eventuell einer alternativen Nutzungsidee, welche sich aus den Arbeiten der Machbarkeitsstudie ergeben kann.
Darüber hinaus wird ein Konzept entwickelt, welches auch die resultierenden Erhaltungskosten und sonstigen finanziellen Aufwendungen beleuchtet und Möglichkeiten entwickelt, wie diese getragen werden können. Hierfür sind detaillierte Arbeitsschritte, wie z. B. die Klärung von Eigentumsverhältnissen, der Kontakt mit Eigentümern und Anliegern, der Kontakt mit ehrenamtlichen Einrichtungen als mögliche Kooperationspartner, die Kostenermittlung für die Durchführungsvarianten usw. notwendig.
Firouz Vladi las aus seinem Buch über den Bau der Helmetalbahn einige Passagen vor, die die Unmenschlichkeit zu dieser Zeit nur allzu gut widerspiegeln, unter anderem auch eine sich zugetragene Begebenheit in der Weihnachtsnacht 1944, in der die Gefangenen in der Kälte stehend und frierend vor einem Tannenbaum mit Geschenken darunter, einem Kirchenchor aus Mackenrode beiwohnen mussten. Jede Bewegung, die die Kälte etwas hätte mindern können, war strengstens verboten, Mitsingen - nicht möglich, die Geschenke annehmen - vielleicht das Todesurteil? Über die Unhöflichkeit der Gefangenen empört, zog dieser Chor nebst Geschenken wieder von dannen und auch der Tannenbaum wurde direkt wieder abgebaut.
Einen gerade erst 17-jährigen jungen Mann als Totenschreiber einzusetzen, und ihm den Befehl zu geben, die Leichen mit deren Häftlings-Nummer auf die Stirn zu tätowieren ist gewiss eine furchtbare Aufgabe.
Eine Anwohnerin, die die Gegebenheiten des Lagers kannte, sagte zu der Ermordung der Menschen nur, dass es sich doch nur um Häftlinge gehandelt habe. Ein paar Tage später befanden sich links und rechts des Gedenksteins zwei gepflanzte Büsche.
Vladi freut sich, dass die Geschichte der Aufarbeitung nicht mit dem Setzen des Gedenksteins im Jahre 1999 endet, sondern auch mit zukünftigen Projekten weitergeführt wird. Die Gemeinde Walkenried plant ebenfalls eine Kriegsgräbergedenkstätte, hier soll aus einem Aschehaufen eine Grabstätte erstellt werden, denn „Die Aufarbeitung ist wichtig“, so Christopher Wagner.
Dr. Thomas Gans: „Thema ist präsent“
Es sei gut und richtig, Vergangenes in den Fokus zu stellen, so Dr. Thomas Gans, und er sagte die volle Unterstützung zu. Es sei die Aufgab der Politik, diese Erinnerungslücken zu schließen. Er gab einen Gedankenanstoß, dass eventuell eine Zusammenarbeit mit „Jugend für Dora“ entstehen könnte. Vielleicht wäre auch ein Gedenkweg bis zum Mittelbau-Dora als Ziel umsetzbar, so könnte man Geschichte begehbar und erfahrbar machen.
Die Stadt Bad Sachsa sagt Unterstützung, wo möglich, zu. Die Bereitschaft sei auf jeden Fall vorhanden, man sei aber aufgrund der momentanen Situation auf ehrenamtliches Engagement angewiesen. Weitere Partner, die dieses Projekt mit auf den Weg bringen könnten wären eventuell auch das Grenzlandmuseum, das Stadtarchivar sowie die Heimatpflege.
Vielen EinwohnerInnen und den allermeisten BesucherInnen der Urlaubsregion ist dieser Teil der Vergangenheit weitgehend unbekannt.
Diese Form des Gedenkens ist wichtig, auch für die kommenden Generationen. Schulklassen oder Jugendgruppen können es als Lernort benutzen um auch diese unschöne regionale Geschichte kennenzulernen.
Eine Informationsveranstaltung, zu der alle interessierten BürgerInnen sowie VertreterInnen verschiedener Interessengruppen eingeladen sind, findet am 11. November 2020 um 18:00 Uhr im Dorfgemeinschaftshaus in Osterhagen (Weilroder Weg 5, 37431 Bad Lauterberg) statt.
Buch: Firouz Vladi, Der Bau der Helmetalbahn, Verlag Mecke-Druck, Duderstadt (2000), ISBN 3-932752-55-4.