Geschrieben von Dr. Sandra Bonetto und Dr. Sabine Heinecke am 24. Februar 2021
"ErzieherInnen in der Jugendhilfe sind am Limit"
Frauen für Frauen e.V.: Besondere Strapazen für die stationäre Jugendhilfe durch die Pandemie
Gemäß dem Motto „Schuster, bleib bei deinen Leisten“, soll jeder seiner Profession treu bleiben und sein Bestes geben. Die Corona Pandemie hat das Gegenteil bewirkt: die Grenzen, die einen Beruf vom anderen trennen, werden immer flüssiger. Dies kann zu Unklarheiten und Missverständnissen führen. Schuldfragen werden aufgeworfen und selten geklärt, was am Ende auf Kosten der Schwächsten geht. Wir, in der Jugendhilfe, geben was wir können, mehr geht sowieso nicht!
Die Corona Pandemie stellt den Lehrbereich seit etwa einem Jahr vor Herausforderungen. Für die Jugendhilfe, die ebenfalls zu den systemrelevanten Arbeitsfeldern gehört, sind die Herausforderungen der Pandemie alternativlos. Das heißt, mit den Kindergarten- und Schulschließungen wurde der Alltagsrhythmus von stationär betreuten Kindern und Jugendlichen schwer gestört. Institutionelle Schließungen sind hier unmöglich; im Gegenteil, die qualitative und quantitative Betreuungspflichten wurden um ein Vielfaches erweitert.
Die Konsequenzen für Jugendhilfe-Einrichtungen wie Frauen für Frauen in Osterode sind schwerwiegend: MitarbeiterInnen müssen nicht nur länger arbeiten, sondern übernehmen weitere diverse Funktionen. Mit „Home Schooling“ stehen ErzieherInnen unter ständigem Druck. Schulen erwarten viel, aber oft ohne ein wirkliches Verständnis für den Mehraufwand, den stationäre Jugendhilfe-Einrichtungen in diesen Zeiten leisten müssen. ErzieherInnen können nicht im „Home Office“ arbeiten, sie sind stets Frontpersonal. Die Kinder und Jugendlichen leben in Wohngruppen und werden rund um die Uhr betreut. Sie haben einen groβen Bedarf an Zuwendung und können oft nicht verstehen, warum z.B. Familienkontakte nur in Ausnahmefällen stattfinden können.
Die Grenzen zwischen dem eigentlichen Job als ErzieherIn und den Pandemie-bedingten zusätzlichen Aufgaben werden immer poröser: wie soll ein/e MitarbeiterIn gleichzeitig als Eltern-Ersatz, LehrerIn, Bezugsperson, FreizeitgestalterIn, usw. fungieren, ohne die Kinder und Jugendlichen zu verunsichern? LehrerInnen zeigen einem Kind nicht, wie man sich z.B. richtig die Nägel schneidet oder die Haare kämmt. LehrerInnen kochen kein Mittagessen für die Kinder und essen kein Abendbrot mit ihnen.
ErzieherInnen in der Jugendhilfe am Limit
Alle ErzieherInnen bei Frauen für Frauen versuchen den Alltag so kreativ wie möglich zu gestalten. Das kostet aber viel Kraft. Ein gutes Jugendhilfesystem braucht gesunde ErzieherInnen. Momentan sind viele am Limit. Der generelle Fachkraftmangel im sozialen Bereich verschärft die Bedingungen. Ein fehlendes Verständnis für die tatsächlichen Umstände in der stationären Jugendhilfe – in anderen Arbeitsfeldern und in der Öffentlichkeit – trägt zu den bestehenden Schwierigkeiten bei, anstatt diese zu erleichtern.
ErzieherInnen, die in stationären Wohngruppen arbeiten, befinden sich derzeit in einem multifunktionalen Kontext: sie ersetzen Eltern und LehrerInnen, müssen aber gleichzeitig ihre eigentliche Rolle als BezugsbetreuerInnen und ErzieherInnen erfüllen. Um den unterschiedlichen Anforderungen, die jede dieser Rollen mit sich bringt, gerecht zu werden, sind ErzieherInnen dazu gezwungen, ihre eigentliche Funktion immer mehr zu erweitern. „Home Schooling“ ist ein gutes Beispiel, um die komplizierte Situation der ErzieherInnen in der Zeit von Corona zu illustrieren: Eine stationäre Wohngruppe besteht aus mehreren Kindern und Jugendlichen, die verschiedene Schulen besuchen. Jede Schule, jede Klasse, ja oft jede/r LehrerIn hat unterschiedliche Anforderungen – das schließt ein „streamlining“ (eine Optimierung, so daß alles im Einklang fließt) von Aufgaben seitens der ErzieherInnen aus. Alle Schulfächer sollen im „Home Schooling“ abgedeckt werden, aber ErzieherInnen sind definitiv keine ausgebildeten LehrerInnen. Nicht jede/r ErzieherIn spricht Englisch oder Französisch, kann Algebra oder kennt das Periodensystem von chemischen Elementen (um nur einige Bereiche zu erwähnen). Dann bricht das WLAN zusammen – Erzieherinnen sind auch keine IT-ExpertInnen - und Arbeitsblätter- und aufgaben können nicht rechtzeitig an die Schule gemailed werden, mit dem Resultat, das die SchülerInnen schlechte Noten bekommen. Für einen Haushalt mit zwei Kindern ist es schon schwer, diesen Anforderungen nachzukommen. Wie sollen ErzieherInnen denn mit mindestens 10 Kindern/ Jugendlichen klarkommen? SchülerInnen, aus verschiedenen Schulen und Klassen? Mit diversen Aufgaben aus verschiedenen Schulfächern? Mit unterschiedlichen Fristen? Das scheint sich niemand zu fragen.
Belastungen der Jugendhilfe in diesen Zeiten unsichtbar
Die ErzieherInnen, die in der stationären Kinder- und Jugendhilfe tätig sind, fühlen sich fast unsichtbar. Während die Medien gerne über die Belastungen der anderen verschiedenen Professionen berichten, hört man kaum etwas über die arg strapazierte Jugendhilfe. Wo ist das positive Feedback für ErzieherInnen, die momentan wesentlich mehr zu leisten haben als sonst? Die Corona-bedingten Schwierigkeiten in der stationären Jugendhilfe und die vermehrten Anstrengungen von ErziehrInnen müssen dringend sichtbar gemacht werden. Nur so kann sich ein besseres Verständnis der derzeitigen Krise im Jugendhilfebereich durchsetzen und zu sinnvollen Kooperationen führen.
