Geschrieben von ski am 03. Oktober 2023
Gudrun Teyke erhielt das Bundesverdienstkreuz
Besondere Ehrung für jahrzehntelange kommunalpolitische und vielfältige ehrenamtliche Tätigkeit




Vom Vorschlag bis zur Verleihung hat es drei Jahre gedauert, aber am Freitag, 29.09.2023, war es dann so weit: die Bad Lauterbergerin Gudrun Teyke erhielt das Bundesverdienstkreuz. Korrekt gesagt, muss es eigentlich heißen: im Namen des Bundespräsidenten erhielt sie das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.
Als „ein Vorbild weit über Bad Lauterberg hinaus“ bezeichnete Landrat Marcel Riethig die Geehrte. „Das Bundesverdienstkreuz zeichnet gute Menschen aus, nicht nur gute Taten. Die so Ausgezeichneten sollen den anderen als Beispiel dienen“. Denn: „Das Bundesverdienstkreuz kann man sich nicht erarbeiten, man muss es sich ver-dienen“.
Und gedient hat Gudrun Teyke in vielfältiger Weise: allen voran als Ratsfrau. Sage und schreibe 49 Jahre lang war sie Mitglied des Rats der Stadt Bad Lauterberg, davon 10 Jahre lang als Ratsvorsitzende und sechs Jahre lang als stellvertretende Bürgermeisterin. Natürlich hat sie sich auch in ihrer Partei, der SPD, engagiert, der sie seit 61 Jahren angehört: 50 Jahre Vorstandsarbeit hat sie geleistet und ist Trägerin der Willy-Brandt-Medaille.
Ein starker Grund für das Engagement
„Es war nicht immer leicht für mich, als voll berufstätige Frau und Mutter mit Kindern, diese Ehrenämter zu übernehmen. Das schafft man nur, wenn ein starker Grund dahintersteht – und man es gerne macht.“ Einen starken Grund hat sie von ihrem Vater, dem ehemaligen Bad Lauterberger Bürgermeister Rudolf Haase, in die Wiege gelegt bekommen: „Er hat zu mir gesagt, Mädchen, du musst aufpassen, dass sich so etwas wie die Nazi-Diktatur niemals wiederholt“. Und das hat sie sich zu Herzen genommen: „Ich habe immer ganz klare Kante gegen Rechts gezeigt“. Und einen weiteren Grund für ihr großes Engagement nennt Gudrun Teyke: „Meine große Liebe zu meiner Heimatstadt Bad Lauterberg“.
Auch wenn Gudrun Teyke mit ihrem politischen Engagement eine sozialdemokratische Familientradition fortgesetzt hat, einfach hat sie es dabei nicht gehabt. Daran erinnerte auch Lothar Leifheit, der bei der Feierstunde, die die SPD Bad Lauterberg anlässlich der Verleihung veranstaltete, die Laudatio hielt. „Wir sind zu der Zeit leider eine Männergesellschaft gewesen“. Bei ihrer ersten Ratskandidatur im Jahr 1972 traten 36 Genossen für die SPD an – darunter nur zwei Frauen, eine davon war Gudrun Teyke. Und das sollte sich auch bei den nächsten Wahlen nicht ändern. Die standhafte Sozialdemokratin, so Leifheit, sei immer an vorderer Stelle gewesen, bei allem, was die SPD für Bad Lauterberg erreicht habe.
Und Ex-Bürgermeister Dr. Thomas Gans, der auf ihre Initiative hin zurück nach Bad Lauterberg gekommen war, erklärte: „Ich wüsste niemanden, der es mehr verdient hat als du“.
Schiedsfrau mit viel Ausdauer
Das politische Wirken von Gudrun Teyke ist jedoch bei weitem nicht ihr einziges Engagement für die Gesellschaft. 20 Jahre lang war sie ehrenamtliche Schiedsfrau. Zahllose Streitigkeiten („Sobald im Herbst das Laub fiel, häuften sich die Fälle“) wurden bei ihr zu Hause besprochen und größtenteils auch geregelt. Nachbarschaftsstreitigkeiten, aber auch Körperverletzungen, Beleidigungen und Hausfriedensbrüche wurden bei ihr geschlichtet. „Da braucht man viel Geduld. Ich habe mir immer wahnsinnig viel Zeit genommen. Und das Gesetz kam mir dabei zugute: niemand darf den Schiedsraum verlassen ohne Genehmigung der Schiedsperson“. So ließ sie die streitenden Parteien auch mal minutenlang in der Stille warten, bis endlich wieder jemand einen Schritt nach vorne machte. Mit dieser Taktik war sie erfolgreich: „Die durchschnittliche Erfolgsquote bei Schiedsleuten ist 54 % - ich hatte 84 %“. Dabei musste sie am Anfang noch dafür kämpfen, dass das damals übliche Schild am Hause mit dem niedersächsischen Wappen nicht mehr „Schiedsmann“, sondern „Schiedsamt“ lautete. Inzwischen ist sie Ehrenschiedsfrau des Bezirks Göttingen.
Zudem wirkte sie mit den vorgeschriebenen Unterbrechungen vierzig Jahre lang als ehrenamtliche Schöffin beim Amtsgericht sowie zehn Jahre lang als Beisitzerin beim Verwaltungsgericht Göttingen und fünf Jahre lang beim Gericht der Bundeswehr für die Anerkennung von Wehrdienstverweigerern.
Spezialistin für Heimatgeschichte
Besonders am Herzen liegt ihr aber auch ihre Heimatstadt Bad Lauterberg und deren Geschichte; in 35 Jahren ehrenamtlicher Mitarbeit beim Stadtarchiv hat sie auch zahlreiche Vorträge und Veröffentlichungen über die Stadtgeschichte gehalten und Stammtische für Heimatgeschichte geleitet. Seit 40 Jahren ist sie zudem Mitglied des Kneipp-Vereins Bad Lauterberg und war rund 30 Jahre im Vorstand tätig. Jetzt bereitet sie schon einmal die Vereinsgeschichte des Kneipp-Vereins für dessen 100-jähriges Bestehen im nächsten Jahr auf.
Zurückblicken kann sie auch noch auf 25 Jahre Vorstandsarbeit bei der AWO Bad Lauterberg, sowie rund 20-jährige Vorstandsarbeit im mittlerweile aufgelösten „Verein zur Förderung der Jugend“ und jahrelange Arbeit im Gesamtelternrat und Kreiselternrat.
„Als ich von dem Bundesverdienstkreuz erfahren habe, habe ich zuerst gedacht, das hast du doch gar nicht verdient. Aber dann habe ich mir alles aufgeschrieben, was ich schon gemacht habe, und dachte mir, doch, das reicht.“ Vorgeschlagen wurde sie von ihrem langjährigen Ratskollegen Ingo Fiedler, dem aktuellen SPD-Fraktionsvorsitzenden.
In 49 Amtsjahren niemals bei einer Sitzung gefehlt
Die Politik ist bei aller Vielfalt ihres Engagements immer ihre größte Leidenschaft gewesen. Zu ihren erfreulichen politischen Erinnerungen zählt sie die Einführung der KGS-Oberstufe und die Entschuldung der Stadt Bad Lauterberg durch den Zukunftsvertrag. Aber auch eine wenig bekannte Episode aus den 1970ern: „Als der bereits fertig geplante Bau einer 6-spurigen B27 mitten durch Bad Lauterberg, unter Abriss von Häusern und der Errichtung von Hochhäusern, durch die Pleite der Baufirma verhindert wurde.“
Für ihre Ratsarbeit musste sie sich immer wieder durchbeissen und vieles in Kauf nehmen: „Ich musste ja damals sehr früh aufstehen, um im Sanatorium Ritscher zu arbeiten, und die Ratssitzungen dauerten oft bis Mitternacht“. Aber: „Ich habe in 49 Jahren Ratsmitgliedschaft nicht bei einer einzigen Sitzung gefehlt.“ Keine Unpässlichkeit, kein Geburtstag hat sie von der Teilnahme an den Sitzungen abgehalten: „Das hat mit dem Respekt vor dem Amt zu tun. Für mich war es so eine große Ehre, Ratsperson der Stadt zu sein.“
Bedauert hat sie die geringe Anzahl an weiblichen Ratsmitgliedern. „Die Frauen haben es sich oft nicht zugetraut und man(n) hat es ihnen nicht zugetraut“. Wer in die Politik gehen will, für den hat sie einen Rat: „Man sollte sich informieren und die Sache ernst nehmen. Außerdem darf man nie etwas persönlich nehmen – man muss es wirklich nur der Sache und der Stadt zuliebe machen.“ Gudrun Teyke selbst hat in letzter Zeit viele Ehrenämter aufgeben müssen - „die Kraft reicht nicht mehr“. Aber sie verspricht: „Mit meiner verbliebenen Kraft werde ich mich weiter für die Belange der Stadt Bad Lauterberg einsetzen.“ Bei der Feierstunde mahnte sie: „Bad Lautereberg hat sich im Vergleich ein kleines Stück heile Welt bewahrt – wir sollten aufpassen, dass das auch so bleibt.“
Besonders freute sich die Geehrte über die zahlreichen Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei der Feierstunde anlässlich der Verleihung des Verdienstordens.