.

Diese Webseite verwendet Cookies. Mit der weiteren Nutzung von LauterNEUES erklären Sie sich damit einverstanden.

Dienstag, 20. Oktober 2026
Login



Geschrieben von ski am 17. April 2024

Aktuell

Glasplatte, Blitzlichtpistole, Autofocus: Ausstellung im Heimatmuseum befasst sich mit der Geschichte der Fotografie

Anlässlich des 120-jährigen Jubiläums von Foto Lindenberg sind außergewöhnliche Bilder und Geräte zu sehen

Die Ausstellung im Heimatmuseum ist für Technikinteressierte sehenswert, aber auch wegen ihrer alten Stadtansichten von Bad Lauterberg
Die Ausstellung im Heimatmuseum ist für Technikinteressierte sehenswert, aber auch wegen ihrer alten Stadtansichten von Bad Lauterberg
Helmut Lindenberg führte fachkundig durch die Ausstellung
Helmut Lindenberg führte fachkundig durch die Ausstellung
Das Atelier Lindenberg im Jahr 1904 (Bildquelle: Foto Lindenberg)
Das Atelier Lindenberg im Jahr 1904 (Bildquelle: Foto Lindenberg)
Die Ausstellung stieß bei der Eröffnung auf großes Interesse
Die Ausstellung stieß bei der Eröffnung auf großes Interesse
Kleinbildkameras und Spionageobjekte...
Kleinbildkameras und Spionageobjekte...
Stereofotografie
Stereofotografie
Eine Kuh schaut gemächlich aus der Haustür... (Bild: Foto Lindenberg)
Eine Kuh schaut gemächlich aus der Haustür... (Bild: Foto Lindenberg)
Der alte Postplatz mit Maibaum. Bild: Foto Lindenberg
Der alte Postplatz mit Maibaum. Bild: Foto Lindenberg

„Die Fotografie wurde 1839 erfunden – sie ist also so alt wie die Wasserkur in Lauterberg“, erklärte Helmut Lindenberg zur Eröffnung der Ausstellung am Freitag, 05.04.2024. Anlässlich des 120-jährigen Firmenjubiläums der Firma Foto Lindenberg in diesem Jahr hat das Bad Lauterberger Heimatmuseum eine Sonderausstellung über die Geschichte der Fotografie zusammengetragen. Anfangs wurde sie freilich noch Daguerrotypie genannt, nach ihrem Erfinder Louis Daguerre, wobei  Silberverbindungen auf glatt polierten Kupferplatten benutzt wurden. Bald schon wurde das Verfahren sehr populär und technisch weiterentwickelt. Dennoch war es ein unvorstellbar großer Aufwand: Die Platten mussten lichtdicht in einem Holzkoffer transportiert werden, um sie vor Ort zu belichten. Die große kastenförmige Kamera mit dem Balgen wurde auf das Stativ aufgebaut und die Menschen fürs Motiv in Szene gesetzt.

Still halten war das Motto

Die Belichtungszeit war allerdings recht lange – das konnten mehrere Minuten sein – so dass die Fotografierten äußerst still halten mussten. (Dabei half, wie das Museum zeigt, unter anderem eine Kopfstütze). Die älteste bekannte Fotografie Bad Lauterbergs, eine Aufnahme aus dem Jahr 1855, zeigt übrigens die damalige Bad Lauterberger Hauptstraße – und eine Kuh, die mitten darauf herumsteht. Eine wirklich mutige Entscheidung des damaligen Fotografen, sich sogar an ein bewegliches Motiv zu wagen...

War die Belichtung der ziemlich großen und schweren beschichteten Glasplatte dann vollbracht, so musste die Platte an Ort und Stelle sofort entwickelt werden, bevor die Emulsion trocknete. Daher waren Fotografen seinerzeit oft einem ganzen Pferdewagen unterwegs, der gleichzeitig die komplette Ausrüstung, einige Kulissen und die Dunkelkammer enthielt. Die Qualität der seinerzeit gefertigten Aufnahmen und deren Detailreichtum sind dank der großen Belichtungsfläche erstaunlich gut. Man konnte davon mit fortschreitender Technik bald auch mehrere Abzüge machen, es gab jedoch noch kein Vergrößerungsgerät. Für besonders kleine Bilder gab es dagegen eine spezielle Kamera der Firma Voigtländer, nämlich für Bilder in Medaillongröße – eine Replik von dem raketenförmigen Gerät ist auch im Heimatmuseum zu sehen.

1904 wurde das Foto-Atelier Lindenberg gegründet

Etwa 1890 dann stellte die Firma Kodak einen revolutionäre Neuerung vor: anstatt einer großen Glasplatte wurde ein Film als Schichtträger genommen. Der Rollfilm war geboren. Endlich musste nicht mehr für jedes Bild eine Glasplatte in die Kamera eingesetzt und dann sofort entwickelt werden. Man konnte mehrere Bilder hintereinander machen, und schickte dann die volle Kamera an die Firma Kodak ein, wo die Fotos entwickelt wurden. Die Kamera erhielt man dann zusammen mit den Abzügen und bestückt mit einem neuen Rollfilm zurück.

Helmut Lindenbergs Großvater Emil Lindenberg, der eigentlich Kunstmaler war, interessierte sich sehr für dieses neue Medium. Er übernahm 1904 ein bestehendes Atelier in Bad Lauterberg und gründete die Firma Foto Lindenberg. Die Technik schritt in den 1920er und 1930er Jahren rasch voran. Bald wurden Kleinbildkameras entwickelt, deren Urtyp die berühmte Leica war, freilich alles noch in schwarz-weiß. Mitte der 30er Jahre wurden aber schon die ersten Farb-Diafilme erfunden.  Die Farbnegativfilme kamen etwas später: 1955, so erklärt Helmut Lindenberg, war die Firma Foto Lindenberg das erste lizensierte Agfacolor-Labor im Harz. Dennoch hat er seinerzeit noch Porträtfotografien häufig in schwarzweiss und auf Glasplatte gemacht: „Die konnte man nämlich retuschieren!“.

Blitzlichtpulver - und Gardinen, die es nicht überlebten

Mit den beliebten Farbdiafilmen wurde für die Fotografen auch die Belichtungsmessung immer wichtiger. Mit einer Art Rechenschieber, bei denen Jahreszeit, Tageszeit, Wetter und Motiv eingestellt wurde, konnte man vorgeschlagene Werte für Blende und Belichtungszeit ablesen. Später kamen dann Handbelichtungsmesser auf, bevor diese schließlich in die Kameras gleich mit eingebaut wurden. Die Belichtung war jedoch immer ein abenteuerliches Thema. Innenaufnahmen, besonders von bewegten Motiven, waren früher freilich nur mit Blitzlichtpulver möglich, bestehend aus Magnesiumoxid – es brennt bekanntlich sehr hell und auch sehr heiß. „Das Fotografieren mit Blitzlichtpistole war ein großer Aufwand“, erklärt Helmut Lindenberg. „Zunächst wurde der Raum dunkel gemacht, dann machte man den Kameraverschluss auf, musste die Blitzlichtpistole abschießen, dann den Kameraverschluss wieder zumachen und dann konnte man das Licht wieder anmachen.“ Und er erinnert sich schmunzelnd: „Ich kenne mindestens zwei Lauterberger Familien, deren Gardinen das nicht ausgehalten haben“.

Spiegelreflexkameras und Minikameras

Ein Schritt nach vorne war dann die Blitzlichtbirne, die dem einen oder anderen vielleicht noch in Form des Blitzwürfels in Erinnerung ist, wie er in den 1950ern gebräuchlich war. Dank der Entwicklung des Synchronverschlusses wurden nun die Auslösung des Blitzes und die Öffnung des Kameraverschlusses zeitlich koordiniert.  1954 wurde aber schon der erste Elektronenblitz der Firma Braun vorgestellt, und 1959 die vollautomatische Kamera, die Zeit und Blende selbst einstellte. Bis in die 1950er Jahre hinein war die deutsche Kamera-Industrie auch weltmarktführend, wie Helmut Lindenberg erklärte – so gab es etwa russische Nachbauten der berühmten Modelle von Leica und Zeiss.
Die Spiegelreflexkameras lösten allmählich die Sucherkameras ab. Sie bedienen sich eines Tricks: das einfallende Licht wird mittels eines Spiegels in den Sucher umgelenkt. Dadurch kann man im Sucher genau erkennen, wie das Bild später aussehen wird. Drückt man den Auslöser, klappt der Umlenkspiegel beiseite und der Lichtstrahl kann den Film belichten.

Während Spiegelreflexkameras mit ihren großen, wechselbaren Objektiven mit immer neuen fotografischen Möglichkeiten lockten, gab es aber auch eine gegenläufige Bewegung: möglichst kleine Kameras, die handlich mitzunehmen waren. Im kalten Krieg entwickelten sich etwa die Minox-Kleinstbildkameras zu beliebten Werkzeugen der Geheimdienste. Eine davon konnte tatsächlich mit einem Armband unauffällig wie eine Armbanduhr getragen werden. Wie handlich diese Kameras tatsächlich bereits waren, die gern für heimliche Aufnahmen genutzt wurden, auch das kann man im Bad Lauterberger Heimatmuseum in natura bewundern.

Vom analogen zum digitalen Fotografieren

Einen ganz anderen Ansatz verfolgten die Sofortbildkameras: die berühmten Polaroid-Schnappschüsse, die direkt aus der Kamera kamen und nach wenigen Minuten an der Luft fertig entwickelt waren. Die Entwicklung der Autofocus-Kameras, die den Abstand zum Motiv selbst messen und automatisch scharfstellen, war ein weiterer großer Schritt, bevor die Digitalisierung schließlich die gesamten Branche von Grund auf umkrempelte. Ab ca. 1990 kamen digitale Kameras auf. Zunächst speicherten sie die Bilddaten noch auf Disketten – damals aufgrund der sehr geringen Auflösung möglich, heute angesichts der schieren Datenmengen undenkbar. Doch, wie Helmut Lindenberg erläutert,  waren diese Kameras besonders bei Journalisten sehr beliebt, denn man konnte das Bild sofort für den Zeitungsdruck verwenden, ohne erst die Entwicklung des Films abwarten zu müssen. Die Auflösung digitaler Kameras wurde mit fortschreitender Entwicklung immer höher, später kamen noch Videofunktionen und Bearbeitungsmöglichkeiten hinzu.

Historische Aufnahmen aus Lauterberg

Auch einige fotografische „Sonderfälle“ sind bei der Ausstellung im Heimatmuseum berücksichtigt, so etwa die Stereofotografie, bei der mittels zweier Objektive im Augenabstand  die dreidimensionale Wirklichkeit abgebildet werden soll. Besonderes Interesse bei den Besuchern der Ausstellungseröffnung fanden aber die alten Fotografien aus Bad Lauterberg aus dem Archiv von Foto Lindenberg. Etwa 80.000 Aufnahmen, so schätzt Gunther Lindenberg, hat das Bad Lauterberger Traditionsunternehmen von der Stadt, ihren Bewohnern und der Umgebung archiviert. Die allerältesten auf den empfindlichen Glasplatten liegen dabei im Tresor: „Das sind unwiederbringliche Schätze“.

Doch die Ausstellung im Heimatmuseum bietet auch für Nicht-Lauterberger echte Schätze, Einblicke in die Technik und Kamera-Raritäten, so dass sich ein Besuch auf jeden Fall lohnen wird. Sabine Henkel, die Leiterin des Heimatmuseums, versichert, dass die Ausstellung bis zum Herbst gezeigt wird.

Die Öffnungszeiten des Heimatmuseums in der Ritscherstr. 13 sind Montag und Freitag von 15 Uhr bis 17:30 Uhr und Samstag von 10 Uhr bis 13 Uhr. Der Eintritt beträgt 3 Euro, mit Gästekarte 2 Euro, Kinder sind frei.


.................................................................................................................................................

Bild der Woche