Geschrieben von Christian Dolle am 17. Mai 2014
Was die Brüder Grimm verschwiegen haben
Märchenhafter Theaterabend an der KGS Bad Lauterberg





Es war einmal ein Bildungssystem, in dem kam es nur darauf an, möglichst viel Wissen anzuhäufen, häufig durch stumpfes Auswendiglernen. Das gehört der Vergangenheit an, denn heute setzt Schule viel mehr auf Kreativität und selbstständiges Arbeiten. Beim Theaterabend an der Kooperativen Gesamtschule (KGS) am Freitagabend (16.05.2014) zeigten die Schüler, wie einfallsreich sie mit Literatur und Sprache spielen können und dabei trotzdem ihre Texte auswendig können.
Die Schüler des 10. Jahrgangs hatten sich im Wahlpflichtkurs „Darstellendes Spiel“ mit Märchen auseinandergesetzt. Im Unterricht und in einem intensiven Workshop im Haus der Jugend in Osterode wurden das Stück, die Dialoge und vor allem die Charaktere entwickelt, so dass eine Märchenparodie entstand, die bekannte Figuren in völlig neuem Kontext zeigte.
Im Deutschunterricht hatten die Schüler Gedichte zum Teil ebenfalls in einen neuen Kontext gesetzt, indem sie sie verfilmten. Vor und nach dem Stück wurden einige dieser Clips gezeigt, die zum Beispiel enthüllten, dass Friedrich Schillers „Bürgschaft“ in Wahrheit im Bad Lauterberger Kurpark spielte. Auch Goethes „Erlkönig“ und einige Poetry-Slam-Texte von Julia Engelmann oder Sebastian 23 wurden dabei kreativ bearbeitet und bekamen im voll besetzten Foyer der KGS viel Applaus.
Zickiger als bei Heidi Klum
Am meisten beklatscht wurde jedoch das Theaterstück, das durch viele originelle Ideen und das temporeiche Spiel der Darsteller begeisterte. Selbstverständlich ging es darum, dass der Prinz seine Prinzessin finden sollte, doch vom „Adelsinstitut für Tradition, Höfisches und Etiquette“ war bei Jacob und Wilhelm Grimm nie die Rede. Auch dass Rapunzel, Dornröschen, Schneewittchen und die anderen zickiger sind als die Kandidatinnen bei Heidi Klum wurde über Jahrhunderte verschwiegen. Dass hingegen Rokäppchen und der Wolf nach all den Jahren wie ein altes Ehepaar streiten und die sieben Zwerge statt Bergbau heute nur noch Partys im Sinn haben, leuchtet schon eher ein.
Manch kindliche Illusion wurde zerstört als das Publikum mit ansehen musste, wie der Prinz seine Auserwählte in einer Kuppelshow sucht oder dass Wachküssen nach dem Genuss vergifteter Äpfel leider wirkungslos ist. Tröstlich nur, dass der Prinz am Ende doch noch den Richtigen fand, auch wenn diese Offenbarung manch konservativen Märchenfreund erst recht vor den Kopf stoßen dürfte. Den Zuschauern hingegen gefiel all das sehr und sorgte für einen äußerst kurzweiligen Abend. Kurzweilig? Naja... und wenn sie nicht gestorben sind, applaudieren sie noch heute.