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Geschrieben von ski am 10. November 2024
Aktuell

Wenn das Herz schwer wird: die Rolle psychosozialer Faktoren beim Herzinfarkt

Prof. Christoph Herrman-Lingen referierte in der Kirchbergklinik über aktuelle Entwicklungen in der Psychokardiologie

Von links: Dr. Knoglinger, Prof. Herrmann-Lingen, Dr. Buchenau
Von links: Dr. Knoglinger, Prof. Herrmann-Lingen, Dr. Buchenau

Dass dem Volksmund zufolge das Herz schwer wird, man etwas auf dem Herzen hat, man an einem gebrochenen Herzen erkranken und gar sterben kann – das ist kein Zufall, wie die vielen TeilnehmerInnen an der ärztlichen Fortbildung am Mittwoch, 06.11.24 hörten. Professor Dr. Christoph Herrmann-Lingen, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Georg-August-Universität Göttingen und Autor des maßgeblichen Lehrbuchs für Psychokardiologie, informierte die anwesenden Ärztinnen und Ärzte über die Ergebnisse neuer Studien und die Möglichkeiten für ambulante und stationäre Behandlung, die die psychosozialen Aspekte mit einbezieht.

Denn es sind nicht nur somatische Risikofaktoren, die zu einer koronaren Herzkrankheit führen können; in den letzten drei Jahrzehnten konnten immer mehr Studien belegen, wie groß die Rolle der psychosozialen Faktoren ist: rund 30 % des Risikos für einen Herzinfarkt gehen auf sie zurück. Im einzelnen gehören beispielsweise Belastungen bei der Arbeit, Konflikte in der Familie, problematische Finanzen, belastende Lebensereignisse, aber auch Depressivität und geringe Kontrollüberzeugung (also die Überzeugung, das eigene Schicksal aktiv gestalten zu können) dazu.

Wie wirken psychische Faktoren auf das Herz und die Gefässe?

Warum das Rauchen oder ein hoher Blutdruck das Risiko eines Herzinfarkts erhöhen, ist geklärt. Wie aber wirken psychosoziale Faktoren eigentlich genau auf das Herz und die Gefäße ein? Was haben beispielsweise eine Scheidung, Arbeitslosigkeit oder eine Schlafstörung gemeinsam? Vermutlich ist das gemeinsame Merkmal: der Stress. Stress wirkt im Körper auf zwei Wegen: einmal beeinflusst er das Verhalten negativ, wirkt also indirekt: Wer unter psychosozialem Stress leidet, wird vermutlich eher mehr rauchen, weniger Sport treiben, sich schlecht ernähren oder sich sozial zurückziehen. Zum anderen wirkt er dirket, denn durch Stress werden das Herz-Kreislauf-System und die Blutgerinnung aktiviert und Zytokine freigesetzt. Zytokine sind, vereinfacht gesagt, Botenstoffe, die gebildet werden, wenn das Immunsystem aktiviert wird. Dadurch werden vermehrt Entzündungszellen gebildet – und diese finden sich in den Gefäßwänden wieder und schädigen diese.

Stressoren führen zu Herzerkrankung - Herzerkrankung wirkt als Stressor

Ein Trauerfall in der Familie, Mobbing am Arbeitsplatz – all dies kann also eine koronare Herzerkrankung begünstigen. Umgekehrt aber kann auch die Erkrankung bzw. ein Herzinfarkt selbst ein höchst belastendes Ereignis sein, das emotionalen Stress und Ängste auslöst – ein Teufelskreis. Nach überstandenem Infarkt  - der selbst ein traumatisches Ereignis sein kann - haben die Patienten nun zusätzlichen Stress durch das Wissen um die Krankheit und möglicherweise auch durch die Behandlung.  Um hier anzusetzen, so Prof. Herrmann-Lingen, muss es in der Behandlung darum gehen, an erster Stelle die krankheitsbezogene Lebensqualität verbessern. Geht es an Akutbehandlung und die Rehabilitation, werden insbesondere depressive Verstimmungen und Ängste dabei häufig noch zu wenig bei der Behandlung berücksichtigt. Dabei gibt es viele erfolgreiche therapeutische Ansätze, von der kognitiven Verhaltenstherapie über körperliches Training bis zur engen psychosozialen Betreuung im Nachgang. Es gebe durchaus erfolgreich getestete Modelle, sowohl im stationären als auch im ambulanten Bereich, die den Behandlungserfolg nach Herzinfarkt nachweislich verbessern, „doch sie werden in der Breite noch nicht eingesetzt“, so der Referent. In der Bad Lauterberger Kirchbergklinik wird aber bereits großes Augenmerk auf den psychokardiologischen Bereich gelegt. Um sich hier noch weiter zu entwickeln, nahmen zahlreiche Ärztinnen und Ärzte des Hauses an der Fortbildung teil. Über das große Interesse an dem Vortrag, dem sich eine lebhafte Fragerunde anschloss, freuten sich der ärztliche Direktor der Kirchberg-Klinik, Dr. Knoglinger und die Chefärztin der Abteilung für Psychosomatik und Psychotherapie, Dr. Buchenau.



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