Geschrieben von ski mit Informationen von Axel Pape am 10. September 2025
Eine einmalige Gelegenheit: das Haus Schulstraße 65 öffnet seine Türen am Sonntag
"200 Jahre Schulstraße 65" zum Tag des offenen Denkmals - mit dem Blasorchester Herzberg
Diese Gelegenheit wird es so vermutlich in den nächsten (200 ?) Jahren nicht wieder geben: am kommenden Sonntag, 14.09.2025, öffnet das Haus Schulstraße 65 in Bad Lauterberg seine Pforten für die Öffentlichkeit anlässlich des Tags des offenen Denkmals. Das denkmalgeschützte Fachwerkhaus befindet sich in Privatbesitz - und Eigentümer Axel Pape gibt zu: "Das ist schon irgendwie eine bekloppte Idee, sein eigenes Haus zu zeigen!".
In den 80er Jahren hatte die Familie das Haus gekauft – „als Bruchbude und Lost Place“, wie er sagt, also in beklagenswertem Zustand. Aber: „Es ist doch der Traum jedes Hausbesitzers, ein eigenes Schloss zu haben“. Drei Tonnen Schutt wurden alleine aus dem historischen Brunnen geholt, vieles aus der 200-jährigen Geschichte des Hauses wieder sichtbar gemacht und nun wurde auch das Fachwerk fachgerecht saniert. Die im Hinterhaus eingemietete Pinselfabrik ist praktisch noch genau so, wie sie 1973 verlassen wurde. Eine architektonische Besonderheit, erklärt Axel Pape, sind auch manche Fenster: „Wir haben zehn Schiebefenster, die noch aus der Bauzeit des Hauses stammen, die gibt es kaum noch irgendwo zu finden.“ Auch das Flusssteinpflaster im Hof ist noch original – und weil seinerzeit schon beim Bau des Hauses, um Geld zu sparen, Materialien von anderen Häusern wiederverwendet wurden, sind Teile davon noch um einiges älter als das Baujahr des Hauses, das sich dank einer Einritzung auf dem Dachboden auf 1825 festlegen lässt. Zudem hat Familie Pape das Interieur liebevoll mit entsprechenden Antiquitäten dekoriert. Es lohnt sich also, diese einmalige Gelegenheit wahrzunehmen und am Sonntag zum Tag des offenen Denkmals die Schulstraße 65 zu besuchen.
Blasorchester Herzberg spielt Stücke aus dem Film Blues Brothers
Und dazu ist auch noch musikalisch ein Highlight geboten: zum Auftakt um 11 Uhr spielt das Blasorchester Herzberg auf dem Platz vor der Linde – und zwar nicht irgendein Programm, sondern mitreißende Musik von den Blues Brothers. Imbiss und Getränke bietet Pfeffer & Minz.
Zur Geschichte des Hauses
Bauboom ab 1800
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden in kurzer Zeit gleich einige Häuser nebeneinander im Bereich der mehrhundertjährigen Bergstadt-Linde in Bad Lauterberg neu gebaut. Größer und repräsentativ: Neben der langen dreigeschossigen Schule entstanden weitere vornehme Wohnhäuser. Eine kleine Einritzung „A.A. 1825 Oct 30“ im Haus 279 (heute Schulstraße 65) im Dachgeschoss versteckt, dürfte das Datum markieren, das zu einer 200-Jahr-Feier veranlasst.
Biedermeier
Den höchsten Glanz des Biedermeiers verlieh die Familie des Bürgermeisters Westerhausen dem Haus ab 1850. Der Apotheker Adolf Ripke aus Lauterberg (damals noch) am Harz erwarb 1885 das Grundstück und eröffnete ein entsprechendes Geschäft, das auch die Fabrikation von Tabakwaren umfasste. Nach nur 10 Jahren übernahm 1896 der Kaufmann Louis Naupert aus Bremen. Das Geschäft führte er unter dem Namen „Adolf Ripke, Apotheker, Nachfolger“ weiter. Durch den Verkauf von Grundstücksteilen an den Fabrikanten Albert Haltenhoff 1899 wurde die Erweiterung um einen Weinhandel ermöglicht.
Strukturwandel ins 20. Jahrhundert
Der Strukturwandel zu einem Wohnhaus und Gewerbebetrieb war bereits eingeleitet. 1913 erwarb der Gutsverwalter Wilhelm Peckmann das Grundstück, der neben seiner Verwaltertätigkeit den Weinhandel forcierte. Die bereits seit 1893 tätige Rekord-Pinselfabrik etablierte sich unter Wilhelm Hofmann als Mieter im Hinterhaus.
Die schlechte Zeit
Die schlechte Zeit begann schon vor dem Krieg. Aus gesundheitlichen Gründen musste Wilhelm Peckmann 1935 eine Ausnahmegenehmigung für den bisherigen Handel von Wein, Säften, Sprituosen und Tabakwaren beantragen, die durch das Gesetz zum Schutz des Einzelhandels (1932) beschränkt war.
Umgehend nach Kriegsende wurde das große Vorderhaus mit den 12 Wohnräumen und 2 Dachmansarden in die Wohnungsbewirtschaftung mit Zwangseinquartierungen aufgenommen. Der Zustand der vermieteten Zimmer führte zu heftigen Streitigkeiten, in die die Stadt als Aufsichtsbehörde eingreifen musste. Auch die Einquartierung von Verwandtschaft verlief nicht weniger spannungslos. Ab den 1960ern, nach dem Tod ihres Mannes, richtete Marie Peckmann 4 Räume und ein Frühstückszimmer für die Vermietung an Feriengäste her. Die Pinselfabrik stellte ca. 1973 den Betrieb ein. Lager von Vorprodukten, Arbeitstische, Werbematerial blieben unberührt zurück. Ab 1984 stand das Haus leer; nur noch 3 Zimmer waren bewohnbar; von den 12 Wohnräumen.
Sanierung
Was für ein schönes Haus in der Schulstraße 65, Bad Lauterberg. Noch im Fassadenwettbewerb 1986 geehrt, dahinter seit Jahren bereits ein „Lost Place“. Dabei war die Häuserreihe am damaligen Schulplatz schon vor mehr als hundert Jahren beliebtes Foto- und Postkartenmotiv und diente als Werbung für die Touristik. Die offensichtliche Begeisterung teilen die jetzigen Besitzer seit dem Erwerb 1988 mit der Sanierung zu einem bewohnbaren Heim und der gefühlten Verpflichtung alles Zweckmäßige zu erhalten und weiterhin zu nutzen.
Fundstücke geben Rätsel auf und können durch Interessierte wie Ortskundige vielleicht noch aufgeklärt werden.



