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Geschrieben von ski am 23. Juli 2014
Aktuell

"Wellenbäder", heiratswillige Studenten, eine fehlende Baugenehmigung und anderes mehr

Gudrun Teyke ließ in ihrem Festvortrag die Geschichte des Bades lebendig werden

Das 1. Badehaus entstand 1866 an der Stelle des heutigen Kurhauses
Das 1. Badehaus entstand 1866 an der Stelle des heutigen Kurhauses
Das Cur- und Logierhaus: alle waren von dem Bau so begeistert, dass man ganz vergessen hatte, eine Baugenehmigung einzuholen
Das Cur- und Logierhaus: alle waren von dem Bau so begeistert, dass man ganz vergessen hatte, eine Baugenehmigung einzuholen
Er hatte die Idee und verhalf Lauterberg zu neuer Blüte: Ernst Heinrich Benjamin Ritscher
Er hatte die Idee und verhalf Lauterberg zu neuer Blüte: Ernst Heinrich Benjamin Ritscher
Das Kurhaus um 1914
Das Kurhaus um 1914
Die Quelle im Kleinen Kurpark 1854.
Die Quelle im Kleinen Kurpark 1854.
Gudrun Teyke (li.) und Gertraude Hartmann, die Ur-Urenkelin von Ernst Ritscher, die als Ehrengast beim Badjubiläum weilt
Gudrun Teyke (li.) und Gertraude Hartmann, die Ur-Urenkelin von Ernst Ritscher, die als Ehrengast beim Badjubiläum weilt

Die Geschichte des Bades – also der Grund, weswegen Bad Lauterberg überhaupt sein Badejubiläum feiert, wurde am Dienstagabend im Kursaal lebendig. Gudrun Teyke erzählte sie locker und gleichzeitig spannend und es gelang ihr, ihre zahlreichen Zuhörer im gut gefüllten Saal bis zur letzten Minute zu fesseln. Der Weg Lauterbergs von den Anfängen bis heute war ja auch nicht immer einfach, und es gab viele Rückschläge. Mehrmals war in der Badgeschichte das gesamte bisherige Gästeklientel durch die äußeren Umstände weggebrochen – wie zuletzt bei der Abschaffung der Vorsorgekuren durch die Gesundheitsreformen. Und jedesmal gelang es der Stadt, sich wieder neu zu ordnen und zu erfinden. Doch auch der Anfang des Kur- und Badewesens war nicht ohne Widerstände und Schwierigkeiten verlaufen.

22 Gläser Wasser am Tag sollten sie trinken, die ersten zwölf Gäste, die in Lauterberg 1839 eine Badekur antraten. So verordnete es Doktor Ernst Ritscher, der Gründer der Kaltwasserheilanstalt in der Harzstadt. Außerdem empfahl er regelmäßige Schlaf- und Essenszeiten, viel Bewegung, eine einfache, gesunde Ernährung und natürlich Kaltwassergüsse. Übernommen hatte er die Methode von Vinzenz Prießnitz, der für seine Heilkunst mit Kaltwasserbehandlungen berühmt war. Die Idee, im Flecken Lauterberg eine Kaltwasserheilanstalt zu gründen, kam zur rechten Zeit, denn der Bergbau, von dem die Leute jahrhundertelang einigermaßen gelebt hatten, lag darnieder, und die Menschen litten Not.

Vom Bergbau zum Gesundheitswesen

Für das Vorhaben fand er zwar einflussreiche Unterstützer, jedoch musste Ritscher bei der einheimischen Bevölkerung dicke Bretter bohren. Die Lauterberger Bürger sollten schließlich die Unterbringung der Gäste bereitstellen, während die Badeanwendungen und die Mahlzeiten im Cur- und Logierhaus vorgenommen wurden. Doch die Vorstellung, kranke Fremde in der eigenen Stube zu beherbergen, behagte den Einheimischen anfangs überhaupt nicht. Der Erfolg gab Ritscher jedoch recht, und auch die Lauterberger erkannten in der Folge den wirtschaftlichen Nutzen des Kur- und Badewesens. Schon im zweiten Jahr kamen über 100 Gäste, und schnell hatte man in den Folgejahren mehrere tausend zusammen. Die Voraussetzungen – schöne Natur, gute Luft, gutes Wasser – waren gegeben, oder man schuf sie eben: so war die Stadt damals von zahlreichen Gräben durchzogen, an denen Wassermühlen betrieben wurden. Dort war das Wasser durch das Mühlrad bewegt und es wurden Stufen hineingehauen, damit die Badegäste hineinsteigen konnten - schon hatte man ein “Wellenbad”. Auch ein schönes Cur- und Logierhaus wurde gebaut, denn obwohl die Gäste in Privathäusern untergebracht waren, wurden die Hauptmahlzeiten gemeinsam eingenommen – schade, dass man vor lauter Eifer vergessen hatte, dafür auch eine Genehmigung einzuholen. Das wiederum sorgte für Verärgerung seitens der Behörden in Hannover und das Streichen fest eingeplanter Zuschüsse, woraufhin die Stadtoberen die Rechnungen für das Curhaus erst einmal nicht bezahlten, bis die Obrigkeit intervenierte....

Höhen und Tiefen

Interessant wurde Lauterberg – die Bezeichnung “Bad” trägt es erst seit 1906 – nicht nur für gutbetuchte, großbürgerliche Gäste, die mit ihrer Dienerschaft auf Kur waren, sondern auch für Studenten der norddeutschen Universitäten auf Brautschau. Es hatte sich bald herumgesprochen, dass im Kurpark auch die reichen Töchter der besseren Gesellschaft beim Spazierengehen zu bewundern waren.... und beim Kurball konnte man sich ja einmal kennenlernen. So strömten am Wochenende die Studenten nach Lauterberg – um so mehr, nachdem der Anschluss an das Netz der Reichsbahn erfolgt war, was zu einer Blüte Lauterbergs führte. Kurz nach der Feier zum 75-jährigen Badejubiläum 1914 ging es dagegen wieder steil bergab – nach dem Ersten Weltkrieg fiel, durch die Abschaffung des Adelswesens und des Militärs, praktisch das gesamte bisherige Gästepotential schlagartig weg. Und noch mehrmals sollten solche Tiefschläge folgen: kaum hatte sich die Stadt wieder erholt, folgte der Zweite Weltkrieg, nach dem durch die Ziehung der Zonengrenzen der größte Teil des vormaligen Klientels abgeschnitten war. Längst hatte man sich da auf Kneipp-Kuren spezialisiert. Erneut mussten neue Zielgruppen geworben werden – diesmal wurde man fündig, indem man bei den Wolfsburger VW-Werken und beim Rentenversicherungsträger für Vorsorgekuren warb, die die zahlreichen Gästehäuser füllten. Bis, nun ja, eben diese wieder der Gesundheitsreform zum Opfer fielen.....

Wie es kam, dass das Ritscher-Sanatorium heute das Rathaus ist, wie sich Josef Lutz für die Stadt und ihre Anerkennung als Kneipp-Heilbad einsetzte, wie die Lauterberger ihren Kurpark in Eigenleistung schufen - es gab noch viel mehr zu berichten, und Gudrun Teyke erzählte lebendig und spannend von den Menschen, dem Ort und den guten und schlechten Zeiten. Dafür gab es einen Riesenapplaus und viele lobende Worte aus dem Publikum. Bürgermeister Dr. Thomas Gans war begeistert von dem Vortrag und bekannte: "Mir ist ganz warm ums Herz". Augenzwinkernd warnen musste er dagegen die Zuschauer vor der anschließenden Stadtführung bei Nachtwächter Erich: "Glauben Sie dem bloß nicht alles, was er sagt!"


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