Geschrieben von ski am 31. Juli 2014
Straßenfegen als Teil der Kur
"Von Prießnitz zu Kneipp": Owe Hönck hielt einen kurzweiligen Vortrag im Rahmen des Badejubiläums

Er war ein schlesischer Landwirt, der für seine Heilkunst mit kaltem Wasser berühmt wurde und schon als Jugendlicher begonnen hatte, Tiere und Menschen zu heilen. Aber er muss auch ein äußerst cleverer Geschäftsmann gewesen sein, der seiner Heimatstadt Gräfenberg einen ungeheuren wirtschaftlichen Aufschwung durch die angebotenen Kuren bescherte: diese Seite von Vincenz Prießnitz wurde beim Vortrag von Badearzt Owe Hönck am Mittwoch (23.07.14) näher beleuchtet. Prießnitz durchbrach das Tabu, dass man Kranke nicht mit kaltem Wasser in Berührung bringen durfte. Mit großem Erfolg, obwohl die Behandlung damals teilweise alles andere als angenehm gewesen sein muss, wenn das eiskalte Wasser in einem Schwall über den Patienten gegossen wurde. Aber selbst gegen Trunkenheit und Benommenheit soll es geholfen haben - wen wundert's... Das Programm, das Prießnitz verschrieb, umfasste neben Abgießungen aber auch Schwitzpackungen, Wickel und viel Bewegung - und eine Kombination der beiden letzteren wurde auch erfunden: die "feuchte Wanderpackung".
Zuvor mussten die Kurkandidaten bei Prießnitz allerdings einen Eignungstest bestehen: nur wer nach einem Wechselbad eine Hautrötung aufwies, galt als geeignet für eine Wasserkur. Der umtriebige Prießnitz bescherte seiner Heimatstadt eine florierende Kuranstalt - und seine Geschäftstüchtigkeit zeigte sich auch darin, dass die Patienten Brennholz spalteten und die Straßenreinigung übernahmen - als Teil ihrer Kur verordnete Prießnitz Bewegung. Mit alldem erzielte er gute Erfolge, auch bei der damals in der Oberschicht weitverbreiteten Gicht.
Im Gegensatz dazu mussten die Patienten von Sebastian Kneipp nicht erst geprüft werden - er wollte ja allen helfen, auch im Sinne seines christlichen Glaubens, schließlich war er Pfarrer. Er war aufgrund seiner eigenen gesundheitlichen Probleme über ein Buch von Johann Hahn über Wasserheilkunde zu seinen Therapievorstellungen gekommen - und hatte sich mit kalten Bädern in der Donau behandelt. Auch er verschrieb Wasser zum Trinken und als Anwendung von außen, verfeinerte die Behandlung allerdings. Zu den Kneipp'schen Säulen gehört daneben aber auch die Ernährung, die Kräuterheilkunde, die Bewegung und die "Ordnungstherapie" für die Seele beziehungsweise den Geist, man könnte heute sagen: eine Vorbeugung gegen das Burn-Out-Syndrom. All dies macht Kneipp auch heute noch so aktuell.
Die Zuhörer freuten sich bei dem kurzweiligen Vortrag von Kneipparzt Hönck über die vielen Illustrationen aus früherer Zeit - wer weiß schon, wie man sich selbst allein einen Leibwickel anlegt? Bürgermeister Dr. Thomas Gans fand vor allem die Idee prima, die Kurgäste selbst die Straße fegen zu lassen und damit der Stadtkasse einige Kosten zu ersparen.... Viele neue Aspekte haben jedenfalls alle Zuhörer gelernt. Anschließend wurde am Kneipp-Denkmal ein Kranz durch den Kneippverein niedergelegt, der bekanntlich in diesem Jahr 90 Jahre besteht.