Geschrieben von Boris Janssen am 18. Dezember 2015
Duden vergessen? Macht nix!
Das Unternehmen „Take it for your schoolbag“ will mit einem Kiosk den Schulalltag an der KGS erleichtern


Versemmelte Klassenarbeiten, nur weil die Formelsammlung zu Hause liegt – das soll an der Kooperativen Gesamtschule (KGS) bald vorbei sein. Denn „Take it for your schoolbag“ steht in den Startlöchern. Wenn alles klappt, eröffnet das Bad Lauterberger Jungunternehmen Anfang 2016 seinen Schulkiosk im Nebengebäude (ehemals OS) der KGS. Dort will es Schulmaterialien wie Stifte, Blöcke oder Lineale verkaufen und einen Verleihservice für größere Dinge wie Taschenrechner oder Wörterbücher anbieten. „Wer seinen Duden daheim vergessen hat, kann ihn dann gegen Pfand und eine kleine Gebühr bei uns ausleihen“, erklärt Vorstandvorsitzende Jasmin Schöler. Geht einmal die Tinte aus, ein Geodreieck zu Bruch oder auch ein Haargummi in die Binsen, soll der Kiosk künftig in den ersten beiden großen Pausen für schnellen Ersatz sorgen. „Damit wollen wir den Schulalltag ein wenig erleichtern“, sagt Schöler. Später könnte das Angebot noch um Getränke erweitert werden. „Das sollen dann aber alles Fair-Trade-Produkte sein“, ist den zehn beteiligten UnternehmensgründerInnen wichtig.
Die Angebotspalette ist Ergebnis einer umfangreichen Marktanalyse, zu der auch Umfragen in den Schulklassen gehörten und die sogar für eine völlige Neuausrichtung sorgte – zunächst wollte das Unternehmen nämlich kosmetische Produkte herstellen und über den Schulkiosk vertreiben. „Aber dann haben wir uns gefragt: Wer würde das in der Schule kaufen?“ erzählt Nadine Ritter aus der Verwaltungsabteilung. Die Umfragen bestätigten diese Zweifel. Daraufhin krempelten die jungen Geschäftsleute ihr Konzept noch einmal um und suchten sich einen passenden Großhändler als Kooperationspartner. Nun sind sie überzeugt, ihrer Zielgruppe genau das richtige zu bieten: allerlei Dinge, die sich Schülerinnen und Schüler direkt in der Schule für ihre Schultasche mitnehmen können – eben „take it for your schoolbag“.
Dieses Motto wählte das Unternehmen denn auch gleich als Namen. Vielleicht ein wenig ungewöhnlich für einen Laden, aber: „Er hört sich gut an“, sagt Ross Moncur vom Marketing. Und er beschreibt ja auch anschaulich, was es denn im Kiosk so gibt. Unterstützt wird die Botschaft durch das Unternehmenslogo – einen Ranzen mit Gesicht. Er ist angelehnt an eine Fernsehfigur für Vorschulkinder: In der Nickelodeon-Serie „Dora“ hat der Ranzen Backpack immer genau die Dinge parat, die Dora gerade braucht. Die Serie läuft seit zehn Jahren in Deutschland und habe bestimmt vielen der Jugendlichen, die heute die KGS besuchen, die ersten englischen Wörter beigebracht, schätzt Moncur: „Wir versprechen uns da einen Wiedererkennungseffekt.“
Natürlich unterliegt so ein Kiosk in einer Schule auch bestimmten Auflagen, mit denen sich das junge Unternehmen auseinandersetzen musste. Zum Beispiel sind Süßigkeiten seit dem sogenannten Müsli-Erlass im Grunde tabu. Auch darf keine Konkurrenz zum Mensabetrieb entstehen. Andererseits wird „Take it for your schoolbag“ womöglich für eine Regelnovelle sorgen: Die altehrwürdige KGS-Schulordnung verbietet es bisher, zwischen Haupt- und Nebengebäude zu wechseln, sofern das der Unterricht nicht erfordert. Die Schulpatin des Unternehmens Susanne Rathing-Hundertmark hat das Problem erkannt: „Wie sollen die Jugendlichen den Kiosk nutzen, wenn sie nicht hinüber gehen dürfen?“ So will sie ihren Einfluss als Lehrerin an der KGS für eine Änderung der Schulordnung nutzen: „Ich habe schon einen entsprechenden Antrag in die Konferenz eingebracht.“ Und wer weiß, wenn der Antrag durchgeht, profitiert vielleicht nicht nur der Wirtschaftsnachwuchs, sondern am Ende die ganze Schule – wenn dank richtiger Ausstattung die Klassenarbeiten noch besser ausfallen.
SchülerInnen gründen ihre eigene Firma
Na klar, Sie ahnen es längst: „Take it for your schoolbag“ ist natürlich kein normales Wirtschaftsunternehmen – es ist eine Schülerfirma in Kooperation der KGS mit der IW Junior gGmbH des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln. In so einer Kooperation gründen Jugendliche ab der 7. Klasse ein kleines Unternehmen mit eigener Geschäftsidee und müssen – oder vielmehr dürfen – sich eigenverantwortlich auch darum kümmern, Startkapital zu beschaffen, Buch zu führen, Aufgaben zu verteilen, Marketing zu betreiben, eben alles, was so dazugehört. Die IW Junior begleitet das Projekt unter anderem mit Feedback zu den monatlich fälligen Rechenschaftsberichten, mit Workshops und vielen Informationen. Außerdem sorgt es für die nötige Versicherung der Jugendlichen. Das Ganze bleibt also auf jeden Fall ein sicheres schulisches Experiment, die Teilnahme kostet nichts, für Startkapital und Einnahmen greift irgendwann auch eine Deckelung. Der Erlös der Firma steht aber am Ende den Jugendlichen selbst zu.
„Take it for your schoolbag“ nun ist die Firma von zehn Hauptschülern des zehnten Jahrgangs an der KGS. Sie entwickeln in diesem Schuljahr ihr eigenes Unternehmen im Arbeit/Wirtschaft-Unterricht sowie in einigen freiwilligen Extrastunden und werden sich künftig auch die Kiosk-Dienste teilen. Momentan läuft die heiße Phase, um die maximal 900 Euro an Startkapital zusammen zu bekommen – dazu verkaufen die FirmengründerInnen an alle Interessierten Förderurkunden über fünf beziehungsweise zehn Euro. Im Januar soll eine offizielle Gründungsversammlung stattfinden und der Geschäftsbetrieb aufgenommen werden. Mit dem Schuljahr endet dann gleichzeitig das Projekt und die Firma wird wieder aufgelöst. Was sie mit einem eventuellen Überschuss machen wollen, steht noch nicht fest, auf jeden Fall aber wollen die SchülerInnen einen Teil spenden.
KGS-Schulleiter Rainer Jakobi ist begeistert von dem Projekt: „Schule muss immer offen sein“, sagt er. „Und wir müssen immer etwas finden, um Schüler auch abseits des Unterrichtes zu pushen.“ Mit der Schülerfirma hätten die Jugendlichen die große Chance, „einmal etwas im geschützten Raum auszuprobieren, das auch komplett schiefgehen darf.“ Klar tun sie dabei schon viel für ihre Berufsbildung, das sei aber eigentlich zweitrangig, findet Jakobi.
Die Kooperationsvereinbarung beschreibt ja auch neben unternehmerischem Denken und wirtschaftlichem Handeln viele andere Ziele, die zu traditionellen KGS-Werten gehören: Teamfähigkeit, Eigenverantwortung und Selbständigkeit. Und ein gutes Miteinander sowieso. So war es Projektinitiatorin und Firmenpatin Susanne Rathing-Hundertmark wichtig, vor Ort einen Handelspartner für den Kiosk zu finden, denn „wir wollen das partnerschaftlich machen, und nicht als innerörtliche Konkurrenz.“ Für den Part der „Großhändlerin“ konnte die Schülerfirma Susanne Kinne von der Buchhandlung Moller gewinnen.
Jetzt könnte nur das Startkapital ruhig noch etwas wachsen. Vielleicht finden sich ja noch andere Wirtschaftsunternehmen, die ihre jungen Kollegen unterstützen möchten, hofft Rathing-Hundertmark. Und wer am Samstag, 19.12.2015, über den Bad Lauterberger Boulevard spaziert, kann ebenfalls helfen: Von 11 bis 13 Uhr ist „Take it for your schoolbag“ unterwegs und verkauft offizielle Förderurkunden.