Geschrieben von Karl Heinz Bleß am 16. September 2016
Wir haben Angst, bevor wir wissen wovor
Dr. Aylin Thiel referierte bei einer Ärztefortbildung in der Kirchberg-Klinik


Kann die Hirnforschung die Psychotherapie voranbringen? Und kann die Psychotherapie Veränderungen im Gehirn bewirken? Beide Fragen hat Dr. Aylin Thiel, Neurowissenschaftlerin und Psychotherapeutin in Frankfurt, kürzlich in ihrem Referat vor Ärzten der Region in der Kirchberg-Klinik bejaht.
Grundlage für ihre These sind die Erkenntnisse über Verschaltungen von Neuronen im Gehirn, die man als Synapsen bezeichnet. Ein Neugeborenes, erklärte sie, habe ein noch fast neutrales Muster im Gehirn. Es gebe keine Verschaltungen. Doch allein schon, wenn das Baby den Arm bewege, feuerten die Neuronen los. Alle Einzelheiten, die für die Bewegung nötig seien, würden im Gehirn gespeichert. Das Gehirn lerne so, welche Gliedmaßen beteiligt sind, um mit einem Arm zu winken. Dabei würden Nerven miteinander verbunden, die zusammen „feuern“. Je öfter diese Verbindungen gebraucht würden, desto fester werden sie.
„Eine Wahrnehmung ist immer subjektiv“
Jeder Mensch hat nach neuesten Schätzungen 100 Milliarden Neuronen und 100 Billionen Synapsen. Es ist ein kompliziertes Geflecht, das unser Leben steuert. Deshalb können wir Wahrnehmungen einordnen und damit für die Zukunft lernen. Doch: „Eine Wahrnehmung ist nicht objektiv“, wandte die Referentin ein, „sondern immer subjektiv.“ Sie bauten oft auf Vorwissen und Erwartungen. Die Neurowissenschaftlerin untermalte diese Aussage mit Beispielen der optischen Täuschung. Wahrnehmungen würden gefiltert verarbeitet, deshalb seien sie subjektiv und mehrdeutig, sagte sie.
Doch das Gehirn lernt. Lernen definierte die Referentin als „wiederholte Aktivität im jeweiligen neurologischen System“. Durch Wiederholen eigne man sich nicht nur Wissen an, es verändere sich biologisch auch das Gehirn. So können sich Neuronen in einem Zellverband vermehren, die Synapsen zwischen bestimmten Neuronen könnten sich verstärken und im Zellkern könnten sich neue Proteine bilden. Kurz: Durch das Lernen verändert sich das Gehirn auch biologisch. Reflexe passen sich an.
Als Beispiel zeigte sie einem Film, in dem eine Versuchsperson zwei Wochen lang ununterbrochen eine Umkehrbrille trug, bei der oben und unten vertauscht war. So war der Himmel unten und der Erdboden oben. Es dauerte eine Weile, bis sich die Testperson damit bewegen konnte. Doch das Gehirn lernte damit umzugehen. Die Versuchsperson konnte nach einiger Zeit selbst mit dem Fahrrad fahren, etwas aus dem Kühlschrank nehmen oder sogar einen Ball sicher fangen, obwohl eigentlich alles falsch herum war.
Als die Testperson nach zwei Wochen die Umkehrbrille wieder abnahm, ging der Prozess wieder von vorne los. Wieder musste das Gehirn umlernen. Doch es funktionierte! Die Rückgewöhnung ging etwas schneller als das erste Umlernen.
Verstand korrigiert Emotion
Wie kann man das in der Psychotherapie einsetzen? Da Wahrnehmungen verschiedene Reaktionen im Gehirn auslösen, kann man sie sich in der Therapie zunutze machen. So korrigiert das Gehirn Reaktionen auf Wahrnehmungen oft selbst. Denn es gibt zwei Informationsströme. Die erste ist eher emotional, schnell wie ein Reflex. Die zweite Reaktion, die gleichzeitig beginnt, aber im Gehirn über Neuronen einen längeren Weg nimmt, ist die Information an den Verstand, der die erste Reaktion kontrolliert.
Als Beispiel führte die Referentin eine Situation an: In einer Frankfurter Passage sind Jugendliche, die miteinander scherzen, sich schubsen und lachen. Plötzlich bekommt man einen starken Schlag auf die Seite. „Was ist Ihre erste Reaktion?“, fragte sie die Zuhörer. Zumindest wird man schimpfen wollen, weil der Schlag Aggressionen weckt. Wenn man sich jetzt umdreht und erkennt, dass ein gebrechlicher Mensch gestürzt ist und man dabei einen Schlag an die Seite bekommen hat, löscht der Verstand sofort die erste Reaktion und ordnet die Wahrnehmung anders ein. Die Aggression ist weg.
„Wir haben Angst, bevor wir wissen wovor. Die Angstreaktion ist zuerst da und wird erst dann über den Verstand kontrolliert, ob sie angemessen ist.“
Die erste Synapse: Jugendliche, Schlag, Ursache Jugendliche, Angst, wird gelöscht, und es wird eine neue Verknüpfung erstellt. „Wir kriegen die Emotionen sofort weg, wenn der Verstand sagt: Alles gut.“
Üben gegen falsche Reaktionen
So gibt es antrainierte Reaktionen, die schon wie Reflexe ablaufen, die man über den Verstand aber kontrollieren und korrigieren kann, so die These der Neurologin. Wenn ein Kind bei einem Vater aufwächst, der nach Alkoholkonsum gewalttätig ist, lernt das Kind in seiner Angst, den Vater nicht zu reizen, sich unauffällig zu benehmen und still zu sein. „Das ist für das Kind überlebenswichtig“, so Thiel. Wenn das Kind erwachsen wird, ist die Reaktion, möglichst unauffällig und ruhig zu sein, nicht mehr angemessen. Vor allem, wenn dieser junge Mensch beruflich eine Führungsposition übernimmt, muss er selbstbewusst und klar auftreten. Über den Verstand muss die Reaktion gelöscht werden, dass man bei Schwierigkeiten immer sofort zurücksteckt und nachgibt. Man muss es lernen, eigene Bedürfnisse zu kommunizieren. Je mehr man es übt, desto eher verändert sich das neuronale System. Die Verschaltungen verändern sich sogar biologisch, so die Wissenschaftlerin.