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Geschrieben von Boris Janssen am 24. Dezember 2016
Aktuell

Vom Blitzableiter zum Weihnachtsbaum

Die Geschichte der Douglasie, die in diesem Jahr den Postplatz schmückt

Über 40 Jahre stand sie in einem Garten in der Aue. Jetzt ziert die Douglasie von Heiderose und Friedrich Leifheit als Weihnachtsbaum den Postplatz.
Über 40 Jahre stand sie in einem Garten in der Aue. Jetzt ziert die Douglasie von Heiderose und Friedrich Leifheit als Weihnachtsbaum den Postplatz.
Mit einem Bagger kappten die Mitarbeiter des Bauhofes den oberen Teil des Baumes ab…
Mit einem Bagger kappten die Mitarbeiter des Bauhofes den oberen Teil des Baumes ab…
…und legten ihn in der Zechenstraße zum Abtransport bereit.
…und legten ihn in der Zechenstraße zum Abtransport bereit.
Den Rest schnitten sie bis auf einen letzten Teil des Stammes zurück...
Den Rest schnitten sie bis auf einen letzten Teil des Stammes zurück...
…aus dem Motorsägenkünstler Volkmar Effmert eine bleibende Erinnerung schuf.
…aus dem Motorsägenkünstler Volkmar Effmert eine bleibende Erinnerung schuf.

Einen alten Baum verpflanzt man nicht, sagen die Menschen. Und als altehrwürdige Douglasie kann ich nur bestätigen, sie haben Recht. Wäre das möglich – nun, dann stünde ich jetzt wahrscheinlich nicht am Postplatz, geschmückt mit hunderten Lichtern, sozusagen als „offizieller Weihnachtsbaum“ der Stadt.

Wie ich zu dieser ehrenvollen Aufgabe gekommen bin?

Das ist eine lange Geschichte. Und wie es der Zufall so will, fängt sie damit an, dass man mich tatsächlich einmal verpflanzt hat. Freilich war ich damals fast noch ein junger Spross, vielleicht vier, fünf Jahre alt. 1975 war das, da war ich ein Geschenk, das Joachim Hettwer seinen Nachbarn Heiderose und Friedrich Leifheit machte. Die beiden hatten gerade das, was einmal ihr Garten werden sollte, mit Unmengen Erde aufgefüllt, denn der alte Boden war, naja, nicht so pflanzenfreundlich. Friedrich Leifheit – ich nenne ihn immer „meinen Gärtner“ – setzte mich einfach in die frische Erde und schaute, was so passieren würde.

Das war erst einmal nicht viel, sodass sich mein Gärtner schon Sorgen machte. Es dauerte ganze drei, vier Jahre, bis ich wirklich Wurzeln schlug. Und kaum war das geschehen, kam ein lieber, aber leider auch etwas ungeschickter Mensch, der mir aus Versehen gleich die Spitze herausdrehte. Da hegte und pflegte mich mein Gärtner über viele Monate, um aus meinen Zweigen eine neue zu ziehen. Wenn ich das mal so sagen darf: Dieser Einsatz war einfach… spitze!

Fortan stand ich an meinem Platz ganz nah an der Ecke zwischen Zechenstraße und Scharzfelder Straße. Ich beobachtete jeden Tag, wie die Mitarbeiter von Kunststoff-Fröhlich zur Arbeit kamen und wieder nach Hause fuhren. Generationen von KGS-Schülern radelten an mir vorbei zur Schule, ungezählte Menschen warteten an der Ecke auf den Bus. Und vor allem sah ich, wie die Kinder der Leifheits groß wurden.

So nebenbei wuchs ich selbst immer weiter. Mein Gärtner war schon ganz schön stolz auf mich. „Das ist ein traumhafter Nadelbaum, 1a gewachsen“, sagte er. „Der sieht schnieke aus.“ Meine Zweige waren denn auch als Wohnraum sehr beliebt. Erst im letzten Jahr nistete ein Wanderfalke in meinem Geäst, der das Nest von einer Elster übernommen hatte. Mein Gärtner konnte den gesamten Brutvorgang beobachten. „Das war ein beachtliches Erlebnis“, erinnert er sich gerne.

Allerdings reichte am Ende alles nicht mehr, um eine simple Tatsache zu verdrängen: Ich war mittlerweile stolze 21 Meter hoch und stand dabei nur wenige Meter neben dem Haus. „Die Douglasie ist unser Blitzableiter“, versuchte mein Gärtner immer, „seine Damen“ zu überhören. Doch letztlich musste auch er zugeben, dass einem „bei Sturm schon angst und bange wurde“, wenn sich mein bis zu 80 Zentimeter dicker Stamm bei jeder Böe bedenklich durchbog.

Weil verpflanzen für einen fast 50 Jahre alten Baum eben keine Option mehr ist, kamen die Leifheits auf die Idee, mich in das Weihnachtsbaum-Casting von Braunschweig zu werfen. Denn auf dem großen Platz vor den Schloss-Arkaden darf es natürlich schon ein wirklich stattlicher Baum sein. Die Braunschweiger kamen tatsächlich zum Recall nach Bad Lauterberg – ich selbst bin ja nicht so mobil – und waren auch ganz angetan. Letztlich schreckten sie aber vor der logistischen Herausforderung zurück. 21 Meter, das passt auf keinen normalen Lkw.

Doch über ihre Tochter, die bei der Stadtverwaltung arbeitet, erfuhren die Leifheits: Auch die Stadt Bad Lauterberg hatte noch keinen passenden Baum für ihren Platz gefunden – zumal einen kostenlosen, den sie sich nur abzuholen brauchte. Klar ist der Postplatz ein paar Nummern kleiner. Aber weil ich so gut gewachsen war, konnte man einfach meine obere Hälfte abschneiden, mich problemlos zum Postplatz transportieren, in Positur bringen und standesgemäß herausputzen.

Seit vier Wochen stehe ich jetzt dort im allabendlichen Lichterglanz. Und auch wenn es schade ist, dass Vandalen für den Ausfall der unteren Lichterketten gesorgt haben, für meinen Gärtner ist es jedes Mal ein schönes Gefühl, wenn er an mir vorbeikommt: „Wir freuen uns, dass unser Baum den Bad Lauterbergern Freude macht.“

Und so wünsche ich nun als „offizieller Weihnachtsbaum der Stadt“ allen großen und kleinen Einheimischen und Gästen

Frohe Weihnachten und schöne Festtage!

 

Fotos:
oben: Boris Janssen
Mitte (3): Stephanie Wellerdick
unten: Stefan Freche


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