Geschrieben von Karl Heinz Bleß am 02. Mai 2018
Tabletten helfen nur, wenn man sie nimmt
Wie gewinnt man Patienten, sich strenger an den Therapieplan zu halten? Professorin Karin Lange hat vor Ärzten in der Kirchberg-Klinik referiert


Wenn Ärzte für ihre Patienten ausgeklügelte Therapien entwickeln, um deren Gesundheitszustand zu verbessern, ist alle Mühe umsonst, wenn die Patienten die Medikamente nicht regelmäßig einnehmen. Zehn Prozent lösen ihre Rezepte nicht einmal in der Apotheke ein, nur etwa 60 bis 70 Prozent nehmen ihre Medikamente regelmäßig. Wie gewinnt man Patienten, sich strenger an den Therapieplan zu halten?
In der Kirchberg-Klinik referierte zu diesem Thema am Mittwoch (25.04.2018) die Professorin an der Forschungs- und Lehreinheit der Medizinischen Hochschule Hannover, Dr. Karin Lange, vor Ärzten in einer Fortbildungsveranstaltung. Gerade in der Betreuung von Diabetikern hat die Psychologin viele Motive kennengelernt, warum Patienten aus ärztlicher Sicht nicht kooperieren. Doch wie geht man damit um?
Miteinander abstimmen statt verordnen
Die Referentin sprach sich dafür aus, sich in einem ausführlichen Gespräch mit den Patienten „abzustimmen“ anstatt eine Therapie zu verordnen. Gemeinsam solle man individuell besprechen, was sinnvoll ist. Dabei sollten die Ärzte offen und ehrlich auch über Nebenwirkungen von Medikamenten sprechen, die auftreten können. Sonst reagiere sie oder er: „Ich vertrage das Medikament nicht, es hilft auch nicht“ und setze es eigenmächtig ab. Möglichst solle ein Patient selber entscheiden, welche Therapie er in Eigenverantwortung eingehe. Das gelte insbesondere für Diabetiker, aber genauso für Patienten mit einer Herzschwäche. Bei einem Abbruch der Therapie drohe als Folge von Komplikationen ein längerer Krankenhausaufenthalt.
Die Kosten eines vermeidbaren Klinik-Aufenthalts stellte sie den Kosten gegenüber, die eine ausführliche Beratung von Patienten verursache. Ihre Faustregel: „Ein paar gute Gespräche verlängern das Leben.“ Das sei auch ein Argument, das man den Kostenträgern deutlich machen sollte.
Die Psychologin setzte sich dafür ein, dass Patienten ihre Krankheit verstehen und erkennen, welche Therapie nötig ist und was man davon erwarten kann. Erfolg könne in manchen Fällen schon sein, wenn sich der Gesundheitszustand stabilisiert.
Warum Patienten nicht verlässlich sind
Doch warum sind Patienten so wenig verlässlich bei der Therapie? Die Referentin zählte einige Gründe auf. So könne man manche Menschen überfordern, etwa wenn ein älterer Mensch nicht die Kraft habe, eine Tablette selbst aus dem Blister zu drücken. „Es kommt vor, dass Kinder der Oma die kindersichere Medikamentendose öffnen.“ Oder ein Patient habe Schwierigkeiten beim Schlucken. Da könne der Tipp helfen, die dicke Tablette mit einem Schluck Wasser hinunterzuspülen. Manche Patienten, berichtete die Psychologin, leugneten ihre Krankheit. Sie nahm Jugendliche in der Pubertät als Beispiel, die irgendwann „keine Lust mehr auf die Krankheit“ wie beispielsweise Diabetes hätten. Dann komme es häufig vor, dass sie eine Heilung vorspielten, um von den Medikamenten los zu kommen. „Chronisch krank zu sein, kann sehr kränken“, brachte sie den psychologischen Aspekt in die Überlegungen ein. Oft beobachte sie auch einen Zweifel an der Notwendigkeit oder Wirksamkeit von Tabletten. Als Beispiel nannte sie Bluthochdruckpatienten, die sich bei gefährlichem zu hohen Blutdruck besser fühlten als bei normalen Werten.
Gerade chronisch Kranke müssten 365 Tage im Jahr über alle relevanten Aktivitäten reflektieren und die Folgen für ihre gesundheitliche Situation bedenken. „Das ist eine große kognitive Leistung“, so Professorin Lange. Das sollte man den Patienten auch einmal sagen.