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Geschrieben von Boris Janssen am 12. Juli 2014
Aktuell

Der Brennmeister

Mit unkonventionellen Mitteln versucht der Restaurantdirektor des Revita, Schüler für eine Ausbildung zu gewinnen – dabei erklärt er ihnen auch, warum es der Karriere nicht schaden muss, wenn man mal „sowas von am Arsch“ ist

Es dauerte keine drei Minuten, da stand Christoph Pöhner schon auf dem Tisch. (Alle Fotos: Gunther Lindenberg / Foto Lindenberg).
Es dauerte keine drei Minuten, da stand Christoph Pöhner schon auf dem Tisch. (Alle Fotos: Gunther Lindenberg / Foto Lindenberg).
Natürlich erzählte der Restaurantdirektor auch von den Berufen, in denen er selbst ausbildet.
Natürlich erzählte der Restaurantdirektor auch von den Berufen, in denen er selbst ausbildet.
Über 100 Schüler haben die etwas andere Info-Veranstaltung besucht.
Über 100 Schüler haben die etwas andere Info-Veranstaltung besucht.
Rainer Jakobis Idee um das Event aufzuwerten: Der Termin war extra so gelegt, dass interessierte Schüler „eine Stunde Freizeit opfern“ mussten, um „eine Stunde Unterricht geschenkt“ zu bekommen.
Rainer Jakobis Idee um das Event aufzuwerten: Der Termin war extra so gelegt, dass interessierte Schüler „eine Stunde Freizeit opfern“ mussten, um „eine Stunde Unterricht geschenkt“ zu bekommen.

Christoph Pöhner hatte seinen Vortrag in der Kooperativen Gesamtschule (KGS) gerade eben erst angefangen, da schauten die Acht- und Neuntklässler ziemlich ungläubig. Auch Hausherr Rainer Jakobi konnte es nicht fassen: „Keine drei Minuten – da stand der Mann schon auf dem Tisch.“

Nun ja, Pöhner machte halt Ernst: Er hatte für Donnerstag (10.07.2014) schließlich ein „Informationsevent“ versprochen. Eigentlich war der Restaurantdirektor des Hotels Revita auf der Suche nach Auszubildenden. Aber auch der erwartbare Großteil, der sich am Ende wohl nicht für eine Gastro-Laufbahn entscheiden wird, sollte die wichtigste Botschaft mitnehmen: Es komme im Berufsleben nicht so sehr auf die Noten aus der Schule an, sondern auf die persönliche Einstellung. „Ihr müsst es wollen. Ihr müsst brennen!“

 

Ein ganzes Team für ein besonderes Event

Brennen – das ist nach eigenem Bekunden Christoph Pöhners stärkster Antrieb. „Ich brenne für meinen Job“, sagte er schon am Mittwoch in der KGS bei der Vorbereitung des Events. Dieses Brennen würde er gerne weitergeben. Doch es sei ein großes Problem, Nachwuchs zu finden. Quer durch alle Branchen fehlten einfach die Auszubildenden.

Anstatt nun aber über angeblich schlechte Schulen, bequeme Eltern oder faule Jugend zu lamentieren, will Pöhner lieber selbst die Initiative ergreifen und die Jugendlichen für eine Ausbildung begeistern. Am ehesten gelinge das, wenn man versuche, ihre Sprache zu sprechen, ist Pöhner überzeugt. So kam er vor einigen Wochen auf die Idee für ein Informationsevent, das sich an alle interessierten Schüler des Landkreises wenden sollte. Er rannte offene Türen bei KGS-Schulleiter Rainer Jakobi ein, der spontan die Pausenhalle zur Verfügung stellte und Kontakte zu den anderen Schulen herstellte.

Derweil stampfte Christoph Pöhner zusammen mit einem Team aus engagierten Mitarbeitern binnen eines Monats eine professionelle Vortragsveranstaltung aus dem Boden – freilich neben der normalen Arbeit. Blumendeko, Verköstigung, Bustransfer und Plakate wurden organisiert, eine PowerPoint-Präsentation erstellt, die sich gewaschen hat. Mit ordentlichem Soundtrack versteht sich. „Los, mach lauter“, pushte Pöhner den Techniker beim Probedurchlauf. „Das muss richtig hämmern.“ Pöhner brannte schon auf den nächsten Tag.

 

„Das hatte was von einem Motivationstraining“

Vor über 100 Schülerinnen und Schülern der achten und neunten Klassen aus dem gesamten Landkreis ging es dann am Donnerstag los. Und da also stand der Gastgeber ruckzuck auf dem Tisch. Damit war schnell klar: Das wird kein nüchternes BIZ 2.0. „Das hatte eher was von einem Motivationstraining“, stellten einige Schüler hinterher treffend fest.

„Ich glaube, viele von Euch fühlen sich nicht verstanden“, sagte Pöhner. Und von Lehrern sowie von Eltern ausgehender Leistungsdruck wirke demotivierend. Doch in Wirklichkeit komme es gar nicht so sehr auf gute Zeugnisse an. Viel wichtiger: „Holt Euch Eure Begeisterung zurück“, forderte Pöhner. „Setzt Euch Ziele.“ Habe man die, müsse man sich auf den Weg machen, auch wenn man die Route noch gar nicht kenne. So sei ja zum Beispiel auch dieses Event entstanden: „Am Anfang kannte ich nur das Ziel – ich wollte mit Jugendlichen reden. Dann habe ich mir mein Team gesucht und es ging los. Wir wussten nicht, was passieren wird.“

Um seine Ziele zu erreichen, brauche man allerdings zwei ganz entscheidende Dinge. Das erste ist Selbstdisziplin. Das zweite – genau – Brennen. „Wer brennen kann, kann alles erreichen.“ Der könne zum Beispiel wie Pöhner selbst während seiner Zeit auf einem Kreuzfahrtschiff auf dem Amazonas mit Piranhas Wasserski fahren oder in der Arktis Eis für Cocktails brechen. Und Brennen, das sei schließlich gar nicht schwer. Wer habe einen neuen Freund, fragte Pöhner. Dem schicke man doch sicher im Minutentakt eine Whats-App nach der anderen. „Da braucht Dir ja auch keiner zu sagen, dass Du das musst. Warum? Weil Du brennst.“

 

„Wer keine Fehler macht, kommt auch nicht weiter“

Vor einer Sache brauche man im Übrigen überhaupt keine Angst zu haben: Fehler zu begehen. „Klar, wer nichts tut, macht keine Fehler. Aber wer keine Fehler macht, kommt auch nicht weiter.“ In der Schweiz habe er es bereits mit 24 zum Gastro-Vize-Chef eines Fünf-Sterne-Hauses geschafft. Nur leider habe er sich auf seinen Chef verlassen, der ihm eine falsche Aufenthaltsbewilligung besorgt hatte. Es kam, wie es kommen musste: Er habe das Land verlassen müssen und saß wieder daheim, mit Nichts. „Ich war sowas von am Arsch.“

Dann habe er von einer neuen Stelle gehört. „Die Bewerbung habe ich sofort fertig gemacht, bin da zu Fuß hingegangen und hab den Umschlag persönlich in den Hotel-Briefkasten geworfen. Ich wollte, dass er dort am Montag in der Post sauber und gleich obenauf liegt.“ Und siehe da: Acht Tage nach seinem Rauswurf aus der Schweiz habe er schon einen neuen Vertrag unterschrieben, erzählte Pöhner.

Vor Fehlern scheint er auch tatsächlich keine Angst zu haben. Schließlich ist es immer wieder ein heikles Unterfangen, Jugendliche mit allzu jugendlichem Auftreten zu ködern. Da kann der Schuss schnell nach hinten losgehen. Doch Pöhner und sein Team fanden offenbar die richtige Balance zwischen Lockerheit und erwachsener Seriosität. Man nahm es Pöhner ab, dass ihm Scherze, Sprüche und Musik selbst gefallen. Bei der Vorstellung des Revita setzte das Team zu den gediegenen Fotos des Fünf-Sterne-Hotels schon irgendwie genial Andreas Bouranis WM-Hymne „Auf uns“ ein. Insgesamt hielt der Spannungsbogen für ein junges Publikum erstaunlich gut, selbst bei der im ersten Drittel doch etwas dröge geratenen Erläuterung der Berufsbilder Restaurantfachfrau/-mann, Köchin/Koch, Hotelkaufrau/-mann und Hotelfachfrau/-mann.

 

Wiederholung willkommen

Viele Schüler äußersten sich nach der ungewöhnlichen Veranstaltung positiv überrascht. Gianmarc Klinkhammer aus der 8H2 der KGS zum Beispiel fand: „Das war interessant, etwas über die Berufe zu lernen.“ Und selbst, wenn man die Berufe nicht so spannend finde, naja, dann wisse man jetzt eben das.

KGS-Leiter Rainer Jakobi war regelrecht begeistert von Pöhners Vorstellung. „Wir müssen auf den Nachwuchs zugehen“, sagte er. „Wir brauchen intensive Kontakte, um einen nahtlosen Übergang von der Schule in das Arbeitsleben zu ermöglichen.“ Da sei es nur gut, wenn die Wirtschaft auch von sich aus komme. Eine Wiederholung sei höchst willkommen.

Eine solche werde es auch mit Sicherheit geben, ließ Christoph Pöhner durchblicken. Schließlich war er mit der Premiere schon ganz zufrieden. Das nächste Mal möchte er allerdings vor den etwas Älteren sprechen, die einfach noch näher dran seien an einer Berufsentscheidung. Man kann sicher sein, dass das fleißige Team bis dahin noch weiter an dem Event feilt. Die brennen schließlich. Und wer weiß – vielleicht brennt beim nächsten Mal gleich auch noch die Hütte.

 

Verwendung der Fotos mit freundlicher Genehmigung von Gunther Lindenberg (Foto Lindenberg).


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