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Montag, 20. Mai 2024
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Geschrieben von Christian Dolle (Kirchenkreis Harzer Land) am 05. Mai 2023
Kirchen

Sterben geht uns alle an

Dr. Heinz Rüegger über das selbstbestimmte Sterben

Ute Rokahr Heinz Rüegger und Ulrike Schimmelpfeng (Fotos: Christian Dolle)
Ute Rokahr Heinz Rüegger und Ulrike Schimmelpfeng (Fotos: Christian Dolle)
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„Wir sind Sterbliche, die darum wissen, dass sie sterblich sind.“ So begann Dr. Heinz Rüegger seinen Vortrag zum Thema „Selbstbestimmtes Sterben“. Während wir aber über Jahrhunderte den Tod als Schicksal angesehen haben, also als etwas, dem wir uns ergeben müssen, haben wir durch die moderne Medizin gelernt, dass wir ihn hinauszögern können. Wenn nun das Sterben beeinflussbar ist, dann erfordert das von uns Entscheidungen.

Um genau diese Entscheidungen ging es in diesem dritten Teil einer Reihe, die Pastorin Ute Rokahr für den Kirchenkreis Harzer Land organisiert hatte. Dafür dankte ihr Superintendentin Ulrike Schimmelpfeng herzlich. Den Impulsvortrag des Theologen, Ethikers und Buchautors Heinz Rüegger bezeichnete sie anschließend als den vielleicht wichtigsten der Reihe, da das Sterben eben uns alle angeht und sich die Entscheidung, wie es stattfinden soll, nicht wegdrücken lässt.

Es ist also zum einen die Möglichkeit, den Tod hinauszuzögern, zum anderen aber, wenn wir es selbst ein Stück weit in der Hand haben, eben „die letzte Aufgabe in unserem Leben“. Die Mehrheit der Menschheit sterbe heute nach einer Entscheidung, den Tod zuzulassen, so Dr. Rüegger. Diese Entscheidung solle niemand anderes fällen als der Patient selbst.
Es sei nicht weniger als ein kulturgeschichtlicher Paradigmenwechsel, wenn wir den Tod als beeinflussbar begreifen, eine Ausweitung unserer moralischen Verantwortung. Wir müssten uns mit dieser Frage auseinandersetzen, weil unser Gesundheitssystem nun einmal zu gut sei. „Die Frage ist nicht, ob wir das gut finden oder nicht; es ist einfach so“, stellte er heraus.

Aber dürfen wir aus christlich-moralischen Gesichtspunkten eigentlich selbst entscheiden? Steht es nicht Gott zu? Das Leben sei ein Geschenk Gottes, postulierte er, ein Geschenk, mit dem wir verantwortlich umgehen müssen. Ebenso gab uns Gott aber auch die Freiheit und Möglichkeit zu Wissenschaft, also letztlich die Fähigkeit, ins Leben eingreifen zu können. Daher sei es unsere Eigenverantwortung, wie lange wir unter bestimmten Umständen an diesem Geschenk festhalten wollen.

Zum selbstbestimmten Sterben gehöre nicht nur der assistierte Suizid, führte er aus, sondern unter anderem auch der Therapieverzicht, das Sterbefasten oder die Verweigerung lebensverlängernder Medikamente. „Ich bin der Meinung, dass all diese Formen grundsätzlich legitim sein können“, mache er deutlich. Aus theologischer und ethischer Sicht spreche nichts dagegen, auf ein für uns unerträgliches Leben zu verzichten.

Das Problem sei, dass wir lernen müssen, rechtzeitig ins Sterben einzuwilligen. Es ist also wichtig, frühzeitig den Willen zu formulieren, darüber auch mit Familie, Freunden oder dem Arzt oder der Ärztin zu sprechen. Bei einer Lungenentzündung in hohem Alter kann der Verzicht auf lebenserhaltende Medikamente ein guter Weg sein, so Dr. Rüegger, sein Wunsch sei übrigens ein Nierenversagen, das es ihm erlaubt, rechtzeitig und vor allem ohne großes und langes Leiden zu gehen. Das sagte er angesichts einer Krebsdiagnose vor einigen Jahren, die ihn selbst auch dazu brachte, mit seiner Frau alle Möglichkeiten durchzusprechen.

„Es ist ein sanftes Sterben und etwas anderes ist möglicherweise wesentlich weniger angenehm“, sagte er deutlich. Die meisten Menschen wollen ja ohne langes Leiden sterben, nur müssten sie sich dafür eben selbst entscheiden und es auch zulassen. Es gehöre Mut dazu und innere Ruhe, um sich der Entscheidung bewusst zu werden. Außerdem könne sich diese Entscheidung aufgrund äußerer Umstände im Leben ändern, doch letztlich liege sie eben immer bei jeder und jedem einzelnen, nicht beim Arzt, bei Pflegenden oder Angehörigen.
Somit sei Sterben für ihn somit eine Balance zwischen Zulassen und Selbstbestimmung, die uns alle betrifft. „Ich wünsche Ihnen, dass es Ihnen gelingt, diese Balance für sich zu finden“, schloss er, bevor mit den Zuhörerinnen und Zuhörern noch lange, intensiv und zum Teil sehr persönlich diskutiert wurde.


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