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Donnerstag, 13. Juni 2024
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Geschrieben von Mareike Koch (Kirchenkreis Harzer Land) am 21. März 2015
Kirchen

Trotz Frühlingssonne mit Schal und Mütze in die Kirche

Neue Heiz-Richtlinien stellen Kirchenvorstände vor Probleme – auch in der Barbiser St. Petri-Kirche

In der Clausthaler Marktkirche ist das Heizproblem offenbar nicht so ganz neu.
In der Clausthaler Marktkirche ist das Heizproblem offenbar nicht so ganz neu.
Dorothee Austen.
Dorothee Austen.

Dorothee Austen zeigt mit ausgestrecktem Arm in Richtung der Fenster der Marktkirche in Clausthal. „Die kalten Winde fallen dort an der Wand runter“, klagt die Vorsitzende des Kirchenvorstandes. Sie ergänzt: „Und weiter hinten braucht man eine Pelzmütze. Sitzheizung haben nur die ersten zehn Reihen.“ Draußen hat es nach einigen Sonnentagen schon wieder geschneit, die Außentemperatur beträgt minus 1,2 Grad. Innen zeigt das Thermometer auch nicht viel mehr an: 7,9 Grad und eine Luftfeuchtigkeit von 50 Prozent. Und dabei sehen die Rundverfügung G2/2014 des Landeskirchenamtes der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers und damit die neue Richtlinie für die Beheizung von Kirchen und Kapellen sogar nur noch bis zu 2 Grad vor, wenn die Kirche längere Zeit nicht genutzt wird. Die Verordnung sagt weiterhin, dass sich die Betriebsweise der Heizung nach der Lage, Bauweise, Ausstattung und Nutzung der Kirchen richten muss.

 

Behagliches Raumklima bei 12 Grad Celsius?

Ziel dieser Richtlinien sei es, wichtige Aspekte wie die Behaglichkeit für den Gottesdienstbesucher, die notwendige Einsparung von Energie und den langfristigen Schutz von Kulturgütern wie Orgeln und Altäre in einen tragfähigen Einklang zu bringen. Bei regelmäßiger Nutzung des Kirchenraums sollte die Grundtemperatur laut Verordnung bei etwa 8 Grad Celsius liegen. Und weiter sagt die Neufassung: „Finden in Kirchen mehrmals wöchentlich Veranstaltungen statt, kann es energietechnisch sinnvoll sein, die Bauten konstant mit geringeren Werten (etwa 12 Grad Celsius) als den maximal zulässigen 18 Grad Celsius zu beheizen, da sich bei durchgeheizten Kirchen und damit aufgewärmten Umgebungsflächen auch schon bei geringerer Lufttemperatur das gleiche behagliche Raumklima einstellt.“

Dorothee Austen hält das für zu kalt und hat so ihre Schwierigkeiten mit der neuen Verordnung. Denn diese besagt auch, dass die Kirche so wenig und niedrig wie möglich beheizt, und deshalb besser in die Winterkirche oder Gemeinderäume ausgewichen werden soll. „Und was ist dann mit den Kirchenbetreuern, wenn nur die Winterkirche geheizt wird? Sollen die in einer 2 Grad Celsius kalten Kirche sitzen?“ fragt sie zu Recht. Auch die Besucher, die zu einer Kirchenführung anreisen, müssten dann frieren. Insgesamt konnte die Marktkirche im Jahr 2014 stolze 42 530 Gäste verzeichnen. Schon 8 Grad sind relativ frisch, wie Kirchenhüterin Ingeborg Neumann verdeutlicht: „Ich trage eine dicke Weste, habe eine Wollmütze auf, Handschuhe dabei und eine Wolldecke über den Beinen. Ich packe mich dick ein – das geht gar nicht anders.“ Die Kirche ist im Sommer von 10 bis 17 Uhr und im Winter von 11 bis 16 Uhr geöffnet. Die engagierten Ehrenamtlichen, die die Aufsicht führen, sind am Tag in zwei Schichten je zweieinhalb Stunden eingeteilt, manche bleiben jedoch auch fünf Stunden.

 

Die Tücken des Heizens in Barbis

Auch Gerlind Gottschling, Vorsitzende des Kirchenvorstands in Barbis, kennt die Heiztücken von Kirchengebäuden. In dieser kleinen Kirche gibt es allerdings keine Kirchenwächterinnen, das macht die Sache etwas einfacher. „Die Winterkirche wird mit einer Zentralheizung beheizt, zu Gottesdiensten sind dort etwa 13 bis 15 Grad, bei anderen Veranstaltungen ist es wärmer, kann durch ein Thermostat leicht gesteuert werden.“ Das große Kirchenschiff sei problematischer zu beheizen, hier gebe es lediglich Heizstangen unter den Bänken, die dann auch nur zu besonderen Gottesdiensten und Konzerten eingeschaltet werden. Gerlind Gottschling ergänzt: „Bei den derzeitigen Außentemperaturen sind im Kirchenschiff 6 bis 8 Grad. Wir schaffen es, bei einer Vorlaufzeit von fünf bis sechs Stunden, das Kirchenschiff auf 12 bis 14 Grad zu heizen. Vorteil dieser Beheizung ist allerdings, dass die Temperatur nur langsam ansteigt. Trotzdem wirken sich wechselnde Temperaturen und vor allem nicht gut zu steuernde Luftfeuchtigkeit negativ auf die Orgel aus.“

„Die neue Heizverordnung hat natürlich einen Sinn. Sie möchte zum Schutz von Kunstwerken und vor allem zum Schutz von Umwelt und Klima beitragen. Trotzdem dürfen die Menschen nicht frieren. Es ist nötig, vor Ort eine gute Balance zu schaffen“, verdeutlicht Superintendent Volkmar Keil.

 

Winterkirche schafft dichte Atmosphäre

Roman Vielhauer, Pastor in Barbis, ist ein Freund der Winterkirche. Allerdings ist die Barbiser Kirche auch bedeutend kleiner als die Marktkirche und hat durchschnittlich pro Gottesdienst etwa 30 bis 50 Besucher: „Aus meiner Sicht hat sich der Einbau einer Winterkirche in Barbis gelohnt. Die dort stattfindenden Gottesdienste haben eine sehr dichte Atmosphäre: Die Gottesdienstbesucher sitzen nah beieinander; der Gottesdienstraum ist ansprechend gestaltet, die warmen Holztöne schaffen eine Wohlfühlatmosphäre, durch die Glaswand ist der Hauptaltar immer im Blick und ein Gefühl von Weite entsteht.“

In Barbis wird die Winterkirche zudem als Gemeinderaum genutzt. Vielhauer: „Das hat den Vorteil, dass die Kirche nun auch den räumlichen Mittelpunkt des Gemeindelebens darstellt. Natürlich möchte ich auch die Nachteile nicht verschweigen: Durch die Konzentration auf nur einen Gemeinderaum sind manche Formen der Gemeindearbeit einfach nicht mehr möglich, etwa parallel zum Hauptgottesdienst stattfindender Kindergottesdienst oder Kleingruppenarbeit etwa im Konfirmandenunterricht. Auch der Stauraum für Materialien und so weiter fehlt und stellt Kirchenvorstand wie Mitarbeitende immer wieder vor nicht unerhebliche Probleme.“

 

Jede Gemeinde muss eigene Lösung finden

Keine einfache Sache also mit Pro und Kontra Winterkirche, länger andauernden Heizperioden und steigenden Energiekosten. Aber wie die Verordnung so schön sagt: „Unsere Kirchen und Kapellen sind nicht nur in ihrer Bauweise sehr unterschiedlich, sondern auch in ihrer Standortbedingung, ihrer Ausstattung und ihrer Nutzung (Dorfkirche, Hauptkirche in der Stadt, Kirche im Feriengebiet u.a.). Daher lassen sich keine für alle Kirchen und Kapellen allgemeinen gültigen Heizungs- und Lüftungsrichtlinien aufstellen.“ Es sind eben Richtwerte – und jede Gemeinde muss die passende Lösung finden. Wenn nur der leidliche Abschlusssatz der Verordnung nicht wäre: „Wir machen darauf aufmerksam, dass bei Schäden an Orgeln oder Kunstgegenständen, die nachweislich auf das Nichtbeachten der neuen Richtlinien zurückzuführen sind, derjenige haftbar gemacht werden kann, der die Richtlinie nicht beachtet hat.“


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