Geschrieben von Boris Janssen am 18. März 2014
Nussig im Abgang
Zwei Prolls werden Opfer ihrer Opfer: Die Stillen Hunde lasen Kurzgeschichten von Edgar Allan Poe








Mord gilt gemeinhin als sozial unverträglich. Dabei zeugt doch schon der allsonntägliche „Tatort“ vom Gegenteil – die halbe Fernsehnation versammelt sich vorm Bildschirm, gerne sogar zum Public Viewing in der Kneipe. Wenn das nicht gemeinschaftsstiftend ist…
Nun gut, das ist nicht echt, dafür aber unterhaltend. Und was die Fernsehanstalten en gros unters Volk senden, das kann doch auf der Bühne nicht ganz verkehrt sein, dachten sich wohl die Stillen Hunde aus Göttingen. So nahmen sie sich für ihr neuestes Abendprogramm dieses jenseits der Fiktion zweifelhaften zwischenmenschlichen Betätigungsfeldes an. Wie es sich für echte Schauspieler gehört, wollten sie dabei die künstlerische Seite ergründen. Das taten sie dann am Samstag (15.03.2014) auf Einladung der Stadtbücherei im Bad Lauterberger Haus des Gastes.
Für ihre kunsthistorischen Betrachtungen in Form einer szenischen Lesung wählten Stefan Dehler und Christoph Huber zwei Kurzgeschichten von Edgar Allan Poe. Bei dem geht es ja eher rustikal zu, aber ohne Zweifel recht originell.
Eine unglückliche Verkettung
Bei „Hopp-Frosch“ bringt ein vergnügungssüchtiger König seinen Hofnarren zur künstlerischen Betätigung. Der König hat diesen Narren von einem General geschenkt bekommen und nennt ihn wegen seines Zwergentums und seiner körperlichen Gebrechen „Hopp-Frosch“ – das sagt ja eigentlich schon alles zum Verhältnis der beiden. Dass der Hopp-Frosch nicht ganz freiwillig den Narren gibt, liegt auf der Hand. Als er aber als Strafe für kreatives Burn-Out zum Leeren mehrerer Weingläser gezwungen werden soll, bringt das im Gegenteil das Fass zum Überlaufen: Hopp-Frosch schmiedet einen höchst perfiden Mordplan, der genialer Weise auch noch des Königs Gier nach Amüsement befriedigt. Der König lässt sich samt seiner sieben Minister als Orang-Utans verkleiden, die aneinander gekettet als vermeintlich echte Wildtiere das Publikum in einem Festsaal erschrecken – vornehmend das weibliche versteht sich. Doch ehe sich der Regierungstrupp versieht, baumelt das Achtgestirn unter der Kuppel – nämlich an jener Kette, die sonst den Kronleuchter trägt. Der ist gerade aushäusig, dafür flackern unter der Decke bald die von Hopp-Frosch ganz bewusst leicht-entflammbar gehaltenen Kostüme. Der Hopp-Frosch nämlich kann zwar nicht gut laufen, aber besonders gut klettern und entfleucht nach vollbrachter Majestätsverbrennung über das Dach.
Von der Schwierigkeit, Wein und Sherry zu unterscheiden
Auch die Hauptperson in „Das Fass Amontillado“ muss ein permanentes Schmäh-Opfer seines späteren Kunstobjekts gewesen sein. Und auch hier spielen Wein und eine Kette wesentliche Rollen. Der leidende Montresor lockt seinen Feind Fortunato in seinen Weinkeller. Er habe da ein schweineteures Fass gekauft, von dem er nun aber gerne wüsste, ob es sich tatsächlich um Amontillado handele, zu diesem Zwecke brauche er einen echten Weinkenner. Er könne ja sonst auch den Luchesi fragen… Das freilich geht völlig gegen Fortunatos Ehre, also echt mal. Und der Luchesi, „der kann Amontillado nicht von Sherry unterscheiden.“ (Wobei tatsächlich ungeklärt ist, ob Poe hier einen besonderen Gag landen wollte, oder ob ihm ein Logikfehler unterlaufen ist: Denn Amontillado IST in Wirklichkeit Sherry.) Auf jeden Fall hat Montresor den neugierigen und weinmäßig ohnehin vorgeglühten Fortunato bald da, wo er ihn haben will: In einer dunklen Ecke seines offenbar recht geräumigen Cellariums. Dort fesselt er ihn mit einer Kette und greift zur Maurerkelle – womit Fortunatos zwischenzeitliche Frage nach Montresors Freimaurerschaft dann auch geklärt wäre. Nein, er ist kein Freimaurer, eher im Gegenteil.
„Mann, Du siehst so scheiße aus!“
Wie üblich platzierten Huber und Dehler ihre Bühne mitten ins Publikum. Wie üblich kamen sie mit wenigen Requisiten aus – ein paar Luftschlangen, und fertig ist der Festsaal. Und wie üblich machten die Albereien auf unterschiedlichen Ebenen den eigentlichen Reiz des Abends aus, bei dem der Vortrag sowie die Interaktion der Schauspieler untereinander und mit dem Publikum immer wieder verschmelzen. Die hübsch mit Glanz-Daunenjacken und Bling-Bling auf Proll getrimmten Ekelpakete (Huber als König, Dehler als Fortunato) schleimten sich selbstverliebt beim Publikum ein. Und beim regelmäßig prustend rausgehauenen „Mann, Du siehst so scheiße aus“ war man sich nie so recht sicher, meint jetzt der König den Hopp-Frosch oder der Huber seinen verkleideten Kollegen.
Natürlich musste auch das Publikum wieder dran glauben. Mal durfte es als Göttinnen an den Wänden herhalten, das nächste Mal als alte Weiber – ähm, Harzer Antiquitäten. Dafür kam es in den von Poe eigentlich nicht vorgesehen Genuss, den Weinexperten Luchesi kennenzulernen. Der auserwählte Publikumskandidat durfte nicht nur Wein degustieren, sondern die Zuschauerschaft auch an seinen Erkenntnissen teilhaben lassen: Er attestierte ein sattes Brombeeraroma und einen nussigen Abgang. Nun, wie war das mit dem Unterscheiden von Sherry und Wein…?
Weinprädikat vom ADAC
Schon obligatorisch bekam Organisatorin Doralies Baltzer ihre unfreiwillige Nebenrolle, wenngleich wenig rühmlich. Der angeblich von ihr bei Lidl besorgte Requisiten-Wein sorgte für Verteilungskämpfe unter den Schauspielern: Jeder wollte am Wenigsten trinken müssen. Huber mutmaßte, das Qualitäts-Siegel sei wohl vom ADAC verliehen worden. Wenigstens gab es in der zweiten Hälfte ein Erzeugnis von Aldi Suisse(!).
Zum Schlussapplaus hatte Huber dann noch einen Tipp parat, wie die Bad Lauterberger ihre eigene Kunstfertigkeit trainieren können. Schließlich soll das Haus des Gastes ja zum Rathaus werden: „Wenn hier bald Wände gezogen werden, überlegen Sie sich mal, was Sie noch so entsorgen könnten.“
Klar, Stefan Dehler und Christoph Huber nehmen ihr Publikum bei ihren szenischen Lesungen stets auf eine eher handfeste Reise mit. Kein klassisches Theater, mehr irgendwas zwischen Kabarett und Comedy. Eben kein zartes Vanillearoma, sondern nussig im Abgang. Das Publikum mag das, die Fangemeinde wird jährlich größer. Sie weiß halt: Die Stillen Hunde wollen nur spielen. Und das tun sie gut.