Geschrieben von Christian Dolle am 28. Juli 2021
Rasanter Stil trifft auf morbide Melancholie
Bernhard Aichner liest am 18. September in Walkenried aus „Dunkelkammer“
Bronski ist Pressefotograf. Am liebsten fotografiert er Tote. An Unfall- und Tatorten, unmittelbar nach schrecklichen Geschehnissen, wenn das Leid noch ganz frisch in der Luft wabert, die Einsatzkräfte noch damit beschäftigt sind, der Katastrophe Herr zu werden. Nicht, weil es für die journalistische Berichterstattung unumgänglich ist, sondern weil es ihn fasziniert, weil es zur Sucht geworden ist. Oder weil ihn die Finsternis mehr anzieht als das Licht.
Bronski ist der neue Protagonist des österreichischen Erfolgsautors Bernhard Aichner. Der schreibt Romane, Hörspiele, Theaterstücke, war aber auch selbst mal Fotograf, auch Pressefotograf. Sein erster Roman um David Bronski ist „Dunkelkammer“. Und um es gleich vorweg zu nehmen: der Roman wie auch die Figur sind definitiv nicht autobiografisch, denn von einer solchen Geschichte hätte man auf jeden Fall in der Zeitung gelesen.
Sie beginnt damit, dass ein Obdachloser in ein leerstehendes Haus eindringt, das offenbar schon Jahrzehnte nicht mehr betreten wurde. Daher hat auch niemand die mumifizierte Leiche im Schlafzimmer entdeckt, der zudem noch der Kopf fehlt. Wie der Zufall es will, ist der Mann ein früherer Kollege von Bronski, so dass er diesen anruft, damit der von Berlin nach Tirol fährt und exklusive Fotos dieses grausamen Fundes macht.
Als wäre das nicht schon genug, entdeckt Bronsi am Fundort ein Foto seiner vor zwanzig Jahren entführten Tochter und macht sich somit nicht nur auf die Suche nach einer guten Geschichte und einem davongekommenen Mörder, sondern zudem nach der eigenen Vergangenheit.
Das allerdings ist nur der Beginn dieses Plots, der zahlreiche unerwartete Wendungen bereithält und dabei nie an Tempo verliert oder unplausibel wird. Vielmehr treibt Bernhard Aichner die Handlung geradezu atemlos voran, immer spannend, immer nah an seinen Figuren und damit packend. Im Nachhinein ergibt alles einen Sinn und so unfassbar zufällig manches auch scheint, so ist es stets gut durchdacht und kommt ohne unnötige Umwege ans Ziel.
Besonders Aichners Schreibstil unterstützt dieses Tempo. Das sind zum einen die kurzen und nicht minder prägnanten Sätze, die ihn schon in früheren Romanen auszeichnen, zum anderen der Wechsel zwischen erzählten Kapiteln und reinen Dialogszenen, die Sebastian Fitzek wohl dazu verleitet haben, diesen Stil als „unverwechselbar“ zu bezeichnen. Genau das ist er auch, vielleicht vom Theater geprägt, aber nicht manieriert, sondern auf das Wesentliche reduziert.
Nun wäre es allerdings falsch, „Dunkelkammer“ nur auf Aichners Stil oder den stringenten Plot zu reduzieren. Es würde dem Roman nicht gerecht, weil er neben der rasanten Spannung durchaus auch Atmosphäre aufbaut. Das ist zum einen etwas Dreckiges, das sich in dem bildlich beschriebenen verlassenen Haus zeigt und ebenso in Bronskis Charakter. Natürlich ist der Fotograf das klassische Raubein, das fast schon eine amerikanische Verfilmung nahelegt, doch er zeigt sich im Verlauf der Handlung angenehm verletzlich, unsicher und braucht unbedingt seine Schwester, eine Privatdetektivin, an seiner Seite sowie später auch seine Kollegin, die er zunächst ganz klischeehaft ablehnt, weil sie ja aus der Kulturredaktion kommt.
Die Klischees werden immer wieder durchbrochen, die Figuren gewinnen immer mehr Facetten hinzu, selbst Bronskis Obsession für Leichenbilder wird in einem Dialog über Post-mortem-Fotografie des 19. Jahrhunderts, über Abschiednehmen und über den damit schwindenden Schrecken des Todes vom Kuriosum zur Charakterisierung. Damit bekommt das Buch auch eine morbid-melancholische Note, ist also durchaus mehr als ein oberflächlich packender Thriller.
Der zweite Bronski-Krimi „Gegenlicht“ erscheint am 26. Juli und mit diesem ersten Teil macht Bernhard Aichner definitiv neugierig auf die weitere Entwicklung seiner Hauptfigur. Beim Mordsharz-Festival wird Bernhard Aichner aus beiden Romanen lesen, und zwar am Samstag, 18. September, ab 21 Uhr im ZisterzienserMuseum Kloster Walkenried.
Zuvor sind Alex Beer zu Gast, die ab 18 Uhr aus „Das schwarze Band“ liest, sowie Andreas Gruber, der ab 19.30 Uhr seinen Thriller „Todesschmerz“ vorstellt. Alle drei Autoren sind Österreicher, alle drei waren schon mindestens einmal bei Mordsharz zu Gast, es könnte also sein, dass sich auch an diesem Abend eine ganz besondere Stimmung entwickelt, vielleicht auch geprägt von der sprichwörtlichen Faszination für das Morbide, die insbesondere den Wienern nachgesagt wird, sich ja aber auch in „Dunkelkammer“ bestätigt. Auf jeden Fall wird es spannend werden.
Die Rezension gibt es auch als Video: https://youtu.be/lcmBJcNOC7k
Mehr Infos und alles rund ums Festival gibt es unter www.mordsharz-festival.com
Das vollständige Programm:
Mittwoch, 15. September – Harzlandhalle Ilsenburg
15 Uhr
Christoph Dittert / Jörg Klinkenberg
„Die Drei ??? und die schweigende Grotte“
19.30 Uhr
Preisvergabe „Harzer Hammer“
20 Uhr
Sebastian Fitzek
„Der Heimweg“
Donnerstag, 16. September - Kaiserpfalz Goslar
18 Uhr
Tatjana Kruse
„Schwund“
19:30 Uhr
Arno Strobel / Dietmar Wunder
„Mörderfinder“
21 Uhr
Jean-Luc Bannalec / Uve Teschner
„Bretonische Idylle“
Freitag, 17. September – Museum Tabakspeicher Nordhausen
18 Uhr
Stille Hunde
„Friedrich Glauser: Der alte Zauberer“
19:30 Uhr
Marc Elsberg / Dietmar Wunder
„Der Fall des Präsidenten“
21 Uhr
Arne Dahl / Peter Lontzek
„Vier durch Vier“
Samstag, 18. September – ZisterzienserMuseum Kloster Walkenried
18 Uhr
Alex Beer
„Das schwarze Band“
19:30 Uhr
Andreas Gruber
„Todesschmerz“
21 Uhr
Bernhard Aichner
„Dunkelkammer“ / „Gegenlicht“
Sonntag, 19. September – Kaiserpfalz Goslar
18 Uhr
Roland Lange
„Harzhunde“
20 Uhr
Klaus-Peter Wolf / Bettina Göschl
„Rupert Undercover – Ostfriesische Jagd“