Geschrieben von Rainer Behrens (NLV-Kreis Osterode) am 24. Januar 2016
Nicht am Sport sparen, sondern mit ihm
Diskussionsrunde des NLV-Kreises Osterode zum Thema „Vereinssport und Ganztagsschulen“

„Vereinssport und Ganztagsschulen“ war das spannende Thema einer Diskussionsrunde, in der sich am Donnerstag (21.01.2016) in Osterode Vertreter aus Vereinen und Schulen über die augenblickliche Situation ausgetauscht haben. Dazu eingeladen hatte der NLV-Kreis Osterode (NLV = Niedersächsischer Leichtathletik-Verband). Als kompetenter Gast war Manfred Kehm vom Landessportbund (LSB) gekommen, der dort als Teamleiter für den Leistungssport zuständig ist. Der politische Vertreter aus dem Sportausschuss des Deutschen Bundestages hatte kurzfristig wegen Krankheit abgesagt, das stand einer lebhaften Debatte aber nicht entgegen.
In der von Rainer Behrens vom NLV-Kreis moderierten Veranstaltung erfolgte eingangs die Info, dass laut amtlicher Statistik derzeit in Deutschland über 91.000 Sportvereinen etwa 34.500 Schulen gegenüber stehen. In Niedersachsen gibt es mehr als 1.600 Ganztagsschulen, damit bieten mehr als die Hälfte aller Schulen im Land ein Ganztagsangebot an. Die Sportvereine wiederum stellen für Millionen von Kindern und Jugendlichen ein umfassendes Angebot für sportliche Betätigung und sinnvolle Freizeitgestaltung bereit.
Zwischen Konkurrenz und Kooperation
Eines wurde an diesem Abend deutlich: Die von den Vereinsvertretern geschilderten Probleme sind, egal für welche Sportart, nahezu deckungsgleich. Durch die starke Einbindung und Präsenzpflicht der Kinder in den Schulen am Nachmittag sinke das Interesse vieler Schüler, im Verein sportlich aktiv zu sein. Deutlich zu spüren sei zudem der gesellschaftliche Wandel, dass Eltern durch ihre Berufstätigkeit die Fahrzeiten nicht mehr leisten können oder wollen beziehungsweise ihre Kinder quasi nur in die Übungsstunden „abgeben“. Auch sei die Zahl derjenigen Kinder stark gestiegen, die adipös oder deren motorische Fähigkeiten deutlich reduziert sind.
Es sei offenkundig, dass hier die öffentliche Hand, sprich Politik, diesen Wandel seit vielen Jahren noch unterstütze, zum Beispiel durch eine Stundenreduzierung des Sportunterrichtes. Sportangebote der Ganztagsschulen könnten dabei zwar Abhilfe schaffen, fänden aber aufgrund fehlender personeller Ressourcen nicht im ausreichenden Maße statt. Hierzu wurde angemerkt, dass die Landkreise und Kommunen als Träger der Schulen im Rahmen der Schulpflicht verpflichtet sind, eine Ganztagsbetreuung zu gewährleisten. Kooperationen der Schulen mit Vereinen wären ein geeigneter Weg. Die Vereine hätten aber selbst einen „chronischen“ Übungsleitermangel – insbesondere für frühe Trainingszeiten. Händeringend würden Übungsleiter gesucht, um der Nachfrage gerecht zu werden. Besonders klemme es beim Kleinkinder- und beim Jugendsport.
Studenten oder Eltern und Rentner im Ehrenamt müssten verstärkt dazu aktiviert werden, sich zu engagieren. Aber wie? Allein eine angemessene finanzielle Entschädigung zu zahlen, reiche leider heute nicht mehr aus, so die Erfahrung der Vereine. Zum Beispiel nähmen Studenten lieber einen anderen Gelegenheitsjob wahr, bei dem sie mehr verdienen und flexibel in ihrer Zeiteinteilung sind.
Kein Miteinander auf Augenhöhe
Vereine, die Kooperationen mit Schulen eingehen, haben aber noch ein anderes Problem: Beim Einsatz von hauptamtlichen Trainern erfolge kein deckungsgleicher finanzieller Ausgleich durch die Kommunen. Wegen der eingegangenen Verpflichtung der Unterrichtsbetreuung hätten die Vereine sogar Vertretungsregelungen sicherzustellen. Und der gern in diesem Zusammenhang zitierte „Win-Win-Ausgleich“ durch einen Mitgliederzuwachs in den Vereinen sei auch nicht feststellbar. Mit anderen Worten: Ein Miteinander auf Augenhöhe sei das nicht.
Einigkeit bestand auch darüber, dass in Schulen eine Talentsichtung und -förderung nicht im ausreichenden Maße stattfinde. Helfen könne eine verstärkte Einbindung von Lehrern ins Ehrenamt. Hierzu müssten Anreize für Lehrer geschaffen werden, sich am Vereinssport zu beteiligen. Insgesamt sollten Schüler, Eltern und Lehrkräfte frühzeitig in Ehrenämter eingebunden werden, um eine emotionale Bindung mit den Vereinen zu erreichen, so der Tenor.
Besonders der Leistungssport habe unter der Einführung der Ganztagsschulen gelitten. Dadurch werde die Rolle der Schule für die Talentsichtung umso wichtiger und dazu müssten qualifizierte Lehrkräfte besonders in den Klassen 1 bis 6 eingesetzt werden. Der LSB denke übrigens aktuell darüber nach, zur Talentsichtung sogenannte „Scouts“ am Sportunterricht in den Grundschulen teilnehmen zu lassen.
Deutliche Botschaften an die Politik
Viele deutliche Botschaften wurden an diesem Abend an die Politik gerichtet. Vor dem Hintergrund, dass die jungen Menschen im Verein Verantwortung für sich selbst und für andere übernähmen, zählten die Sportvereine zu wichtigen außerschulischen Lernorten, die eine größere finanzielle Unterstützung durch die öffentliche Hand verdienten.
Der gesellschaftliche Wandel nehme für die Vereine bedrohliche Züge an. Doch in Zeiten, in denen sich Heranwachsende immer weniger bewegen, sei gezieltes Körpertraining wichtiger denn je. Die Botschaft der Diskussionsrunde an die Politik lautet daher: Nicht sparen am Sport, sondern sparen mit dem Sport!