„Er ist meine dunkle, verborgene Hyde-Seite“
. „Er ist meine dunkle, verborgene Hyde-Seite“

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Geschrieben von Christian Dolle am 11. September 2017
Region

Übermorgen geht es los ...

Mordsharz 2017 startet und sorgt in Goslar, Bad Lauterberg und Wernigerode wieder für Hochspannung

Andreas Gruber
Andreas Gruber
Totenrausch
Totenrausch

„Er ist meine dunkle, verborgene Hyde-Seite“
Interview mit Mordsharz-Wiederholungstäter Andreas Gruber

Bei seinem letzten Besuch im Harz brachte Bestsellerautor Andreas Gruber das Mordsharz-Publikum zum Lachen und jagte ihm gleichzeitig einen kalten Schauer über den Rücken. Außerdem fand er das Festival damals so gut, dass er gleich seinen Aufenthalt hier verlängerte. Wir fanden seinen neuen Thriller „Todesreigen“ so gut, dass wir unbedingt mit ihm darüber sprechen wollten.


          Frage: Ein Lkw-Fahrer hört im Radio, dass ihm auf der Autobahn ein Falschfahrer entgegenkommt und beschließt, diesen mit zwei Kollegen zu stoppen. So beginnt dein aktueller Thriller „Todesreigen“. Wie schwer ist es, sich in eine solche Szene hineinzuversetzen?

Mir ist einmal ein Geisterfahrer auf der Autobahn in der Nacht begegnet. Allerdings kam er nicht mir entgegen, sondern fuhr parallel zu mir auf der Nebenfahrbahn. Da zitterst du, dass kein Unfall passiert. Es ging zum Glück gut aus. Diese Szene hat mich dazu inspiriert, einmal einen Roman so beginnen zu lassen. Ich habe mich dann, als es für „Todesreigen“ konkret wurde, mit einem LKW-Fahrer, der auf internationalen Strecken unterwegs ist, getroffen, und er hat aus den Nähkästchen erzählt.


          Frage: Zarte Gemüter werden bei deinen Büchern ohnehin sehr gefordert. Wie kam bei dir überhaupt die Lust an solch düsteren Stoffen auf?

Wobei ich gleich einmal sagen muss, dass „Todesreigen“ ein wenig sanfter und weniger brutal ausgefallen ist, als die drei Vorgängerromane mit Maarten S. Sneijder. Es macht mir jedenfalls unglaublich Spaß, düstere und – wie ich hoffe – originelle Todesarten und Tatorte für meine Romane zu entwickeln und den Leser bis spät nachts zum Lesen zu zwingen. Letztendlich möchte ich unterhalten, und dazu gehört, dass die Romane neben einer kleinen Prise Schwarzen Humors auch düstere Herzinfarkt-Szenen für das Lesepublikum bereit halten.
Aber woher die Lust an solchen Stoffen kommt? Vermutlich daher, als ich als Sechsjähriger die Zeichentrick-Folge „Wickie und die starken Männer – Das Geisterschiff“ im TV gesehen habe, wo sie auf einem Geisterschiff auf tanzende Skelette treffen. Das war meine erste Begegnung mit dem Horror-Genre, das mich vermutlich nachhaltig geprägt und ebenso fasziniert hat.


          Frage: Gibt es eigentlich einen Trick, wie man Bücher schreibt, die der Leser vor Spannung nicht mehr aus der Hand legen möchte?

Tja, der einzige Trick ist vielleicht der, dass man als Autor ein Buch schreiben sollte, bei dem man an jeder Szene, an jedem Cliffhanger, an jeder überraschenden Wendung so lange feilt, damit sie auch beim zehnten Mal lesen und überarbeiten immer noch spannend, originell und frisch wirkt. Als Autor sollte man schon allein deshalb spannend schreiben und mit interessanten Locations, originellen Figuren, Szenen und Dialogen arbeiten, um sich beim Überarbeiten nicht selbst zu langweilen. Dann macht die Arbeit daran umso mehr und länger Spaß.
Aber wo ist da der konkrete Trick?
Hm, einfach viel Lesen und oft ins Kino gehen. Ich arbeite sehr visuell, d.h. ich stelle mir die Szene beim Schreiben bildhaft vor – das hilft mir, sie auszuarbeiten. Und schließlich teste ich den Roman mit Testlesern, die mir ihr Feedback geben, bevor ich das Manuskript an den Verlag schicke. Das gibt mir die Möglichkeit, noch an einigen Stellen die Schrauben entsprechend anzuziehen.


          Frage: Muss man eine besondere Art Mensch sein, um sich – wenn auch nur literarisch – mit den Abgründen menschlichen Verhaltens auseinanderzusetzen?

Wahre Verbrechen – sei es in den Tageszeitungen oder in den Abendnachrichten geschildert – schockieren mich immer wieder. Wie kann man nur so etwas machen? Ich versuche dann selbst herauszufinden, warum Menschen zu solch schrecklichen Taten fähig sind, spreche mit Psychiatern, Kripoermittlern oder Psychotherapeutinnen. Ich möchte diese Abgründe verstehen und begreifen – das hilft mir, diese dunkle Seite zu verarbeiten, damit sie mir den Schrecken nimmt.
Es ist nichts anderes, als herauszufinden, warum ein brillanter Psychiater wie Hannibal Lecter Menschen verspeist. Und wenn ich das begriffen habe, schreibe ich einen Roman darüber. So behandelt jeder Roman ein anderes Thema bzw. eine andere psychische Störung, und ich habe mir dieses Thema von der Seele geschrieben.


          Frage: Wer reizt dich beim Schreiben mehr, deine Ermittler oder deine Täter?

Um einen interessanten Ermittler zu erfinden, braucht man einen noch interessanteren Täter – jemand, der dem Ermittler mindestens ebenbürtig ist und an dem sich der Ermittler die Zähne ausbeißt. Manchmal muss der Täter einen Tick schlauer sein, dann wieder muss der Ermittler eine Spur cleverer sein. Das schaukelt sich so lange hoch, bis ich zwei Figuren geschaffen habe, die es auf hohem Niveau miteinander aufnehmen können.
Ein gutes Beispiel – wenn auch aus einem anderen Krimi-Genre – ist die TV-Serie „Columbo“. Der hat es immer wieder mit ebenbürtigen, intelligenten und raffinierten Mördern zu tun. Ähnliches – wenn auch in einem düsteren Thriller-Genre – versuche ich in meinen Romanen umzusetzen.
Von daher reizt mich sowohl das Schreiben am Ermittler als auch am Täter, weil es das Spiel der beiden miteinander so interessant macht, diese Jagd und dieses Katz-und-Maus-Spiel.


          Frage: Maarten S. Sneijder kifft, legt sich mit Vorgesetzten an, hasst andere Menschen. Warum ein solcher Protagonist?

Es ist ja nicht nur das, was Maarten S. Sneijder ausmacht. Dieser niederländische Profiler, klaut Bücher, ist ein Zyniker, ist schwul, leidet an Cluster-Kopfschmerzen und akupunktiert sich selbst, hasst Topfpflanzen, trinkt Vanilletee und lässt sich alles in drei knappen Sätzen erklären, weil er keine Zeit für Smalltalk hat. Er demütigt andere und macht sie regelmäßig zur Schnecke. Es macht mir Spaß über einen solchen Menschen, der auf der anderen Seite aber ein Genie ist und eine 97%ige Aufklärungsrate hat, zu schreiben, weil die Szenen eben nicht 08/15 sind und man als Leser nie weiß, was als nächstes passieren wird.


          Frage: Und wie viel von dir steckt in Sneijder?

Sneijder darf in den Romanen zu anderen Menschen all das sagen, was ich mich nie trauen würde, weil ich einfach zu gut erzogen bin. Er nimmt sich kein Blatt vor den Mund und nimmt keine Rücksicht auf andere, weil er nur ein Ziel konsequent verfolgt: Ein schreckliches, raffiniertes Verbrechen innerhalb von 48 Stunden aufzuklären.
Er ist meine dunkle, verborgene Hyde-Seite des Doktor Jekyll, die ich im wahren Leben nicht raus lasse, weil ich einfach ein zu netter Kerl bin, sondern nur auf dem Papier zu fiktivem Leben erwecke.

          Frage: Jetzt bin ich umso mehr gespannt, was du in deiner Lesung am 15. September um 19.30 Uhr in Wernigerode zum Leben erweckst.

Das gesamte Programm des diesjährigen Mordsharz vom 13. bis 16. September ist unter www.mordsharz-festival.de zu finden.

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Rezension: Hilf mir und ich werde für dich töten
Bernhard Aichner liest bei Mordsharz in Goslar aus seinem Thriller „Totenrausch“

Sie ist eine Mörderin. Sie ist auf der Flucht. Mit ihren Kindern. In Hamburg trifft Brünhilde Blum den Zuhälter Egon Schiele und schlägt ihm ein Geschäft vor. Wenn du mir eine neue Identität verschaffst, werde ich für dich töten.
„Totenrausch“ von Bernhard Aichner ist ein knallharter Thriller, der vor allem eine Stärke hat – er kommt ziemlich schnell zur Sache und konzentriert sich dabei nur auf das Wesentliche. Es ist der dritte Teil einer erfolgreichen Trilogie, ein rasantes Finale der Geschichte einer Frau, die, wie sie in einer Szene sagt, nie jemanden töten wollte, es ist irgendwie einfach passiert. Dieser dritte Teil lässt sich aber auch gut ohne die Vorkenntnis der beiden anderen Bücher, „Totenfrau“ und „Totenhaus“, lesen, eben weil er sich so stringent auf die Handlung konzentriert.
Blum lässt sich auf den Zuhälter ein, eine Weile geht das gut, doch irgendwann mündet ihre anfängliche Abmachung in einen Machtkampf, wird zu einem perfiden Spiel, in dem Schiele ihr klarmachen will, dass sie nun ihm gehört. Da sie das nicht akzeptieren will, entführt er schließlich ihre Töchter und für die liebende Mutter beginnt ein moralisches Dilemma und ein Weg, der geradezu mit Leichen gepflastert ist.
Das Buch ist sicher nichts für schwache Nerven, doch es versteigt sich auch nicht in die krude Psyche eines Serientäters, sondern stellt die erstaunlich durchschnittliche Protagonistin wie auch den Leser vor immer neue ausweglose Situationen, in denen der nächste Mord die einzige Chance zu sein scheint. Noch dazu spielt Aichner mit bekannten Klischees des Hamburger Rotlichtmilieus, die vieles plausibel erscheinen lassen und daher emotional mitreißen.
Besonders auffällig ist jedoch vor allem die Sprache des Autors, der die Handlung in knappen Sätzen vorantreibt, auf schmückendes Beiwerk fast gänzlich verzichtet. Fast im Stil eines Drehbuches schildert er den Kampf seiner Totenfrau, die doch nur endlich Ruhe für sich und ihre Kinder will. Dabei ist Ruhe genau das, was durch die kurzen Sätze und ebenso kurzen Kapitel wie auch durch die schnell geschnittenen Dialoge nicht aufkommt. Aichners Sprache entwickelt einen Sog, der vielleicht nicht jedem gefällt, auf jeden Fall aber die Spannung von Anfang bis Ende immer beibehält.
Als Fotograf und Autor von Hörspielen und Theaterstücken liegt dem Österreicher vielleicht gerade dieses fokussierte Erzählen, das rein auf die Handlung ausgelegt ist. Er wurde mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet, seine Bücher waren in vielen Ländern auf den Bestsellerlisten zu finden. Da wundert es auch nicht, dass eine Verfilmung längst in Planung ist.
Wie dieser rasante Schreibstil in einer Lesung wirkt, ist ebenfalls eine spannende Frage, die beim Mordsharz Festival auf jeden Fall beantwortet wird. Am 14. September wird Bernhard Aichner um 19.30 Uhr im Wintersaal der Kaiserpfalz aus „Totenrausch“ lesen. Laut eigener Aussage genießt er Lesungen sehr, „meine Worte zum Klingen zu bringen, den Figuren Leben einzuhauchen, die Dialoge zu lesen. Und da ich auch einmal davon geträumt habe, Schauspieler zu werden, trifft sich das jetzt ganz gut“, sagt er auf seiner Website.

 


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